Wieder Dienstag (30. Juni von 17 bis 21 Uhr): Tour de France: Corbières, Baskenland, Entraygues-le-Fel, Savoyen und Arbois-Pupillin – letzter Öffnungstag vor der Sommerpause

Dienstag

Jetzt haben es die Kicker so gewollt, dass der Rudl noch einmal am Dienstag aufsperrt.

Tour de France

Eine alte Tradition der Weinhandlung Rudolf Polifka et fils besteht darin, dem

größten Radrennens der Welt im Vorfeld die Reverenz zu erweisen. Die Tour gilt als die drittgrößte Sportveranstaltung der Welt. Darum wird der Rudl auch dieses Jahr ein paar Tage vor dem Grand Départ Weine, die mehr oder weniger entlang der Strecke gewachsen sind, glasweise kredenzen. Es ist die letzte Lehrveranstaltung vor der Sommerpause.

4. Etappe, 7. Juli: Carcassonne – Foix

Nach dem Start im spanischen Teil von Katalonien radeln sie am 6. Juli über die Grenze nach Frankreich. Einen Tag später geht es dann von Carcassonne zuerst in Richtung Süden. Dort befindet sich die Appellation Corbières, in der vergangenes Jahr ziemlich viele Weingärten abgebrannt sind, die von Maxime Magnon zum Glück nicht, weil der vor Höhenlagen mit sehr alten Weingärten bewirtschaftet, vor allem jedoch das Glück gehabt hat, etwas weiter südlich von den verheerenden Bränden zuhause zu sein.

  • 2021 Campagnès, Maxime Magnon, Durban-les-Corbières, AOC Corbières, Languedoc (7/11)

Reinsortiger Carignan. Das ist selten geworden. Früher war das anders. Aber dann ist in Südfrankreich etwas passiert, was in Österreich ähnlich mit Rotburger geschehen ist, nur dass es in Südfrankreich Syrah war. „Mochma liawa vü!“ wie Herr K. gerne sagt. Den Syrah hat zwar nicht Friedrich Zweigelt gezüchtet, aber die beiden Motive für seine Auspflanzung waren vergleichbar: Menge und Gefälligkeit. Carignan kann weder mit dem einen noch mit dem anderen aufwarten, ist dafür aber der Trockenheit um einiges besser gewachsen als Syrah. Carignan hat Ecken und Kanten, die im Lauf der Zeit beginnen, sich in Feinheit, Dichte und Würze umzubauen. Die Höhenlage bringt Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht mit sich, dazu der kühle Jahrgang 2021, Schiefer und Kalk, beachtliche Frische. Zu Gebratenem und Gegrilltem ganz bestimmt kein Fehler.

6. Etappe, 9. Juli: Pau – Garvanie-Gèdre

Das ist die Etappe hinauf auf den Tourmalet. Der ist nicht im Baskenland, aber weit weg ist dieses nicht. Und Baskenland heißt in der oenologischen Sprache Irouléguy.

  • 2022 Irouléguy Rosé, Domaine Ilarria, AOC Irouléguy, Sud Ouest (4/6)

10. Etappe, 14. Juli: Aurillac – Le Lioran

Weinadministrativ sind die Rennfahrer immer noch in der Region Sud Ouest, quasi am nord-östlichsten Eck des Südwestens. Landschaftlich gibt es ja vieles, was den Rudl an Frankreich schwer fasziniert. Aber die Appellation Entraygues – Le Fel im Aveyron ist noch einmal etwas Besonders. Zuerst fährt man vom Lot hinauf, auf einer ziemlich kleinen, steilen Straße durch ausgesetzte Terrassen nach Le Fel. Die Straßenbreite ist ein Indiz dafür, dass die selbsternannten Weinexperten auf Instagr*m diese Appellation nicht kennen. Aber auch die einschlägigen Reiseplattformen scheinen den Ort Le Fel noch nicht den selfieverliebten Hirnederln in den algorithmischen Kanal gespült zu haben. Es gibt dort oben auch nicht viel. In der Auberge du Fel kann man sehr gut essen. Der Chef ist begnadigt, wie der Herr Kurt sagt, dürfte aber von Kleinstportionen nicht so viel halten. Ein paar Monate im Voraus reserviert, bekommt man unter Umständen eines der fünf Zimmer, die nach den lokalen Rebsorten benannt sind. Der Blick auf das Tal des Lot, die Weingärten und die Hügel, wo die Weinbauregionen Sud Ouest und Auvergne, beziehungsweise die Départements Aveyron und Cantal aneinander stoßen, ist unbeschreiblich.

  • 2020 Rouge Tradition, Domaine Mousset, AOC Entraygues-Le Fel, Sud Ouest (4/6)

Achtzig Percent Fer Servadou, zwanzig Cabernet franc auf Schiefer. Im Auge Purpur, am Gaumen Harmonie von reifen Tanninen, kleinen Walbeeren und Würze. Wenn Sie sich dazu eine baskische Kirschleberterrine machen, was gar nicht so schwierig ist, machen Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenogloge, ganz bestimmt keinen Fehler.

15. Etappe, 19. Juli: Champagnole – Plateau de Solaison

Die Radlfahrer kommen in das Jura, fahren dabei aber zum ersten Mal, zumindest soweit sich der Rudl erinnern kann, nicht über den Kreisverkehr vor der berühmten Konditorei in Arbois.

  • 2022 Ploussard « Vivre d’amour et de Plouplou », Domaine Bornard, Pupillin, Vin de France (6/9)

Niemand Geringerer als Pierre Overnoy war es, der nach einer nachbarschaftlichen Besprechung den alten Bornard dazu überredet hat, seinen Wein selber abzufüllen. Inzwischen hat der junge Bornard übernommen, emblematische Rebsorte von Pupillin.

17. Etappe, 22. Juli: Chambéry – Voiron

Die überwiegende Mehrzahl der savoyardischen Weine, die Caviste Rudolf Polifka anbietet, wachsen in der Nähe von Chambéry, der Heimatstadt von Decathlon AG2R. Lediglich Schiste und Quartz von der Domaine des Ardoisières sind näher bei Albertville daheim.

  • 2024 Monfarina, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie (4,50/7)
  • 2023 Silice Blanc, Maison des Ardoisières, Apremont, Vin de France (4/6)
  • 2020 Jacquère, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Vin de Savoie (3/5)
  • 2023 Argile Blanc, Domaine des Ardoisières, Saint Pierre de Soucy, IGP Vin des Allobroges (6/9)

Dienstag, 30. Juni von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Un-smart wie nur was grüßt Monsieur Rudolf!

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Ausnahmsweise noch einmal am DIENSTAG, den 23. Juni von 17 bis 21 Uhr: Sommerwein oder Erdbeerwasserl?

Sommerwein, Terrassenweine, Grillweine, … und grundsätzliche semantische Überlegungen

Mit derlei Begriffen ist es so eine Sache. Sie tauchen geballt von April bis Juli in den mehr oder weniger originellen Kolumnen von Zeitungen und Zeitschriften und noch viel mehr in der Werbung auf. Eine verlässliche Bedeutung haben die oben erwähnten Begriffe alle nicht, wenn Sie den Rudl fragen. Ob sie dann einen Sinn haben, ist auch wieder so eine Überlegung. Geben tut es diese Begriffe auf alle Fälle. Und im Unterschied zu „künstliche Intelligenz“ oder „soziale Medien“ sind sie wenigstens nicht ideologisch aufmunitioniert. Das schätzt der Rudl ja an der Weinsprache überaus. Man kann fragen, analysieren und zerlegen. Das Schlimmste, was einem bei der Auseinandersetzung mit der Weinsprache widerfahren kann, ist, dass sich ein Terminus als inhaltsleer erweist, „alkoholfreier Wein“ zum Beispiel oder„Preis-Leistungs-Verhältnis“, „saftig“. Unsinnige Wörter, aber keine gefährlichen Wörter.

Einfach oder komplex

„Sommerweine“ und Co. referieren meistens auf einen niedrigen Alkoholwert und etwas mehr Säure, vielleicht auch einen rosaroten oder rötlichen Schimmer. Manchmal fällt in diesem Zusammenhang auch der Ausdruck „easy drinking“. Was das sein soll, weiß der Rudl nicht. Wenn ihm Weintrinken schwer fällt, was nicht so oft der Fall ist, dann trinkt er ganz einfach keinen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn der Rudl eine Werbung für Rosé aus der Provence sieht oder hört. Da bekommt der Rudl Durst … auf Wasser. Wenn Caviste Rudolf Polifka aber Wein trinkt, fällt ihm das leicht. Das ist Easydrinking in Reinkultur. Sich auf den Wein zu konzentrieren oder über denselben nachzudenken, ist ihm stets ein Anliegen und eine Freude, nie jedoch beschwerlich. Und ungesellig ist die Konzentration auf den Wein auch nicht, das sind Mobiltelefone oder Tabletts am Tisch viel eher.

Wenn der Rudl Begriffen wie „Sommerwein“ oder „Terrassenwein“ entsagt, bedeutet das freilich nicht, dass ihn bei vierzig Grad im Schatten Appetit auf gereiften Châteauneuf-du-Pape ereilt, was seinerseits wiederum nicht heißt, Rudolf Polifka würde bei ebensolchen Bedingungen einen Château Rayas etwa aus dem Jahr 1998 von der oenologischen Bettkante stoßen. Es ist halt alles kompliziert. Gott sei Dank! möchte der Rudl sagen. „Kompliziert“ hat mit „komplex“ zu tun, nicht nur etymologisch. Darauf kommt es an, im Winter gerade so als wie im Sommer und dazwischen auch. Und wenn Boden, Jahrgang und Weinbauer es zulassen, dem Wein Zeit geben und nicht krampfhaft irgendeinen Weinstil kopieren möchten, kann auch ein Wein mit ganz wenig Alkohol vielschichtig und lagerfähig sein. Dass sich so ein Wein im Sommer anbietet, ist keine epochale Erkenntnis. Man kann viele davon auch zu Gegrilltem trinken. Man kann sie aber auch im Winter genießen. Caviste Rudolf Polifka wird kommende Woche ebensolche Weine kredenzen. Sie können diese Weine für den Grillabend im Juli käuflich erwerben, und für den Fall, dass der Grillabend ausfiele, was der Rudl Ihnen nicht wünscht, auch zu Weihnachten trinken. Abgesehen vom Irouléguy Rosé zeichnen sie sich sämtliche Weine durch einen sehr niedrigen Alkoholwert aus. Komplex sind sie trotzdem, schwierig zu trinken aber auf gar keinen Fall.

  • 2024 Monfarina, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie (4,50/7)
  • 2023 Silice Blanc, Maison des Ardoisières, Apremont, Vin de France (4/6)
  • 2020 Jacquère, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Vin de Savoie (3/5)
  • 2021 Ceux d’Après, Côteaux des Girondales, Villaz, Vin de France (5/8)
  • 2023 Argile Blanc, Domaine des Ardoisières, Saint Pierre de Soucy, IGP Vin des Alloborges (6/9)
  • 2022 Irouléguy Rosé, Domaine Ilarria, AOC Irouléguy, Sud Ouest (4/6)

Es ist vielleicht kein direktes Muss, dass man bei so einem Thema einen Rosé aufstellt. Trotzdem möchte der Rudl zeigen, dass es Rosés, die äußerst gediegen reifen, gibt. Das Gegenteil von einem Himbeerwasserl, wächst auf Schiefer, wird nicht daran gehindert, seine Malo erfolgreich zu absolvieren, bekommt Zeit, überzeugt vielleicht auch deshalb durch Vielschichtigkeit, Struktur und hat auch Alkoholallergie.   

  • 2020 Mondeuse « Dark Side », Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Alloborges (8/12)

Dem Rudl seiner Trinkerfahrung nach ist Teran die rote Rebsorte mit dem zweitniedrigsten Alkoholwert, hinter Mondeuse. Die bietet sich förmlich an, wenn es um wenig Alkohol geht. Maxime Dancoines Mondeuse wächst auf der Parzelle „Puttets“. Die jüngsten Rebstöcke dort sind 80 Jahre alt. Die Hangneigung beträgt 75 Percent. Zuerst Amphoren aus toskanischem Cocciopesto, dann großes Holz und Tonamphore. Ganz leichte Schwefelung beim Füllen, spontanvergoren, keine Spompanadeln, dafür vierzehn Monate Zeit für den Ausbau. Wenn Früchte, dann schwarze, Lakritze, vor allem aber Pfeffer. Vin de garde mit zehn Percent Alkohol.

… und vom „Salamander“ ist zumindest am Beginn der Lehrveranstaltung auch noch etwas da.

Dienstag, 23. Juni von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Un-smart wie nur was grüßt Monsieur Rudolf!

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Chardonnay v Weißburgunder: Andreas Tscheppe, Sternat-Lenz, Chablis, Ardoisières und Jalits, 18. Juni: 17 bis 21 Uhr

Weißburgunder und Chardonnay seinerzeit

Der Rudl kann sich noch gut erinnern. Anfang der Neunzigerjahre. Chardonnay dürfte damals noch nicht lange auf den Weinkarten des Landes Platz genommen gehabt haben und wurde vom einen oder anderen Weinbauern als „Weißburgunder, halt mit einem anderen Namen“ vorgestellt. Zu beurteilen, wie seriös es ist, wenn jemand im Glas Chardonnay und Weißburgunder unterscheiden zu können meint, das überlässt der Rudl gerne Ihnen, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe. Der Rudl selber kann es ganz bestimmt nicht.

Chardonnay ist ein Gschropp von Heunisch und Pinot, auf natürlichem Wege gezeugt, nicht mit irgendeiner Absicht gezüchtet.

Weißburgunder ist, genauso wie Pinot noir und Pinot gris, eine Mutation von Pinot, genaugenommen also gar keine eigene Rebsorte. Erfolgt könnte diese Mutation irgendwo zwischen Genfer See und Rhône sein. Den Rest haben Zisterzienser erledigt. So weit, so belegbar.

Vieles, was man abgesehen davon über den Unterschied dieser beiden Rebsorten in Erfahrung bringen kann, hält der Rudl für Resultate von Phantasie oder Wichtigtuerei. Was man über allfällige Unterschiede zwischen Chardo und Pinot lesen kann, hat, wenn Sie den Rudl fragen, oft viel mit Ausbaumodewellen, mit dem Kopieren von Weinen oder mit dem Kopieren von Ausbaumodewellen, aber wenig mit den Rebsorten zu tun.

Weißburgunder

… wird deutlich weniger angebaut als sein Sohn Chardonnay.

Chardonnay

… ist die am fünftweitesten verbreitete Rebsorte der Welt. Es gibt ihn fast nirgends, wo es Weinbau gibt, nicht. Besonders berühmt ist er in Puligny-Montrachet, Chassagne, Meursault, Corton-Charlemagne und Chablis. Höhepunkt an Popularität hat die Rebsorte in den Neunzigerjahren erlebt. Da war Chardonnay aus neuem Holz ungefähr das, was heute Riesling aus Deutschland ist.

Das Gerede vom Chardonnayerkennen ist im Übrigen auch deshalb fragwürdig, weil es von kaum einer anderen Rebsorte so viele verschiedene Klone gibt, dazu die diversen geologischen Gegebenheiten, klimatischen Bedingungen und Arbeitsweisen der Weinbäuerinnen und Weinbauern. Bei Ratespielen ist Chardonnay in Anbetracht seiner Verbreitung aber ganz sicher kein undankbarer Tipp.

  • 2025 Weißburgunder Klassik, Sternat-Lenz, Remschnigg, Südsteiermark (2,50/4)
  • 2021 Ceux d’après, Côteaux des Girondales, Villaz, Vin de France (5/8)

ein Drittel Chardo, eines Altesse, eines Jacquère – hoch und kühl über dem Lac d’Annecy

  • 2024 Weißburgunder vom Opok, Sternat-Lenz, Remschnigg, Südsteiermark (4,50/7)

Nicht nur dass sich dieser Winzer mit höchster Kompetenz des in der Steiermark besonders vernachlässigten Welschrieslings angenommen hat, geht er mit Weißburgunder dorthin, wo es bei dieser Rebsorte interessant wird und wo Weißburgunder in den Neunzigerjahren auch gewesen sind. Der Rudl erinnert in diesem Zusammenhang an die Burgunder Cuvée von Josef Umathum.

  • 2022 Weißburgunder vom Kalk und Schiefer, Matthias Jalits, Badersdorf, Südburgenland (5/8)

aus den Lagen Saybritz am Eisenberg (Schiefer) und Königsberg (Grünschiefer, Dolomit und Kalkschiefer)

  • 2023 Argile Blanc, Domaine des Ardoisières, Saint Pierre de Soucy, IGP Vin des Allobroges (6/9)

vierzig Percent Jacquère, vierzig Chardo, zwanzig Mondeuse Blanche

  • 2022 Chablis, Domaine Moreau-Naudet, AOC Chablis, Burgund (8/12)
  • 2024 Morillon « Salamander », Andreas und Elisabeth Tscheppe, Glanz, Südsteiermark (8,50/13)

Donnerstag, 18. Juni von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Immer noch smartfrei grüßt Monsieur Rudolf!

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Stockkultur, Dorfkultur und Stadtkultur gegen den Smartismus: Domaines H, Domaine des Ardoisières, Domaine de l‘Aitonnement, Donnerstag, 11. Juni: 17 bis 21 Uhr

Ortskerne und Weingärten

Bis in die Fünfzigerjahre haben Stadtkerne, Ortskerne und Weingärten anders ausgesehen als heute. Ganz anders. Im Zentrum einer größeren oder kleineren Ansiedelung von Menschen hat es Gasthäuser, Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe wie Post, Bank und Doktor gegeben. Heute gibt es davon fast nichts mehr. Vielleicht ist ein Wettbüro, ein Nagelstudio oder ein Takeawaylokal für Fertiggerichte übriggeblieben. Der Rest befindet sich beim Kreisverkehr am Ortsrand, in den Einkaufskathedralen der Parndörfer oder hat sich in den digitalen Raum deplaciert. Das ist bequem. Da kann man mit der Karre direkt vor das Geschäft fahren oder man muss nicht einmal mehr die Application verlassen. Es geht ja so bequem und es ist smart. So weit, so wenig originell. Dass sich diese Ramschplattformen neuerdings als Retter lokaler Produzentinnen und Produzenten inszenieren, ist ein Zynismus sondergleichen, aber wahrscheinlich ist Zynismus heute auch smart, sofern man ihn zu Geld machen kann.

Smart

Eine Zigarettenmarke mit einer herrlich altmodischen, nach heutigem Verständnis alles andere, aber bestimmt nicht „smarten“ Verpackung, das ist es, was Citoyen Rudolf Polifka mit diesem Adjektiv assoziiert. Wenn aber heute irgendwo „smart“ draufsteht, dann sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stumpfsinnige und darüber hinaus kurzsichtige Effizienzsteigerungen drinnen. Manchmal wird der Schein der Effizienzsteigerung auch nur dadurch erzielt, dass Smartisten Aufwand, Anstrengung oder Kosten auf andere abwälzen, auf Menschen, die in unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten müssen zum Beispiel. Oder auf explodierenden CO2-Ausstoß. Wofür die durch Effizienzsteigerung frei gewordenen Kapazitäten genutzt werden, wird übrigens bemerkenswert selten gefragt und nie beantwortet.

Wenn dann aber lamentiert wird, dass den Gesellschaften der Zusammenhalt abhandengekommen ist, und im Handumdrehen nach sogenannten „smarten“ Lösungen in der Verwaltung, im Zahlungsverkehr, aber auch in der Bildung, im Gesundheitswesen und letztendlich ein bissl eh bei allem gerufen wird, dann könnte man die klassische Frage „Cui bono?“ stellen.

So oder so, liest, respektive hört der Rudl heute „smart“, dann geht ihm das sprichwörtliche Geimpfte bis weit zurück in die früheste Kindheit wieder auf. Der Rudl ist gerne bereit den Smartisten das, was man früher als „Bauernschläue“ bezeichnet hat, zuzuerkennen. Der geistige Horizont dieser Hocheffizienzapostel endet jedoch sehr oft an ihrer eigenen Nasenspitze. Und ganz neu ist die Erkenntnis, dass der neoliberalistische Individualismus hocheffizient, aber letztendlich sehr oft anti-sozial ist und in der Vergangenheit immer wieder einmal Faschisten das Terrain aufbereitet hat, ja auch wieder nicht. Aber Hauptsache, es geht ganz einfach und man muss nicht viel denken. Früher hat man dazu „faul“ gesagt. Interessiert sich eigentlich die Linguistik dafür, dass sich die sprachlich immer schon äußerst limitierte Digitalisierung permanent ideologisierend Begriffe unter den Nagel reißt („sozial“, „Intelligenz“, „smart“, …)?

Smartismus in der Reberziehung

In den späten Fünfzigerjahren hat der Smartismus in den Weingärten Einzug gehalten. Das war am Beginn der Hochblüte des „Mochma-liawa-vü“ (© A.K.). Diese Hochblüte hält trotz massiver Überproduktion an, verweigert sich damit einerseits nicht unsympathisch dem Marktprinzip, ist andererseits aber natürlich trotzdem dumm. Diverse „Die-besten-Weine-unter-soundsoviel-Euro“-Verkostungen und -Kampagnen passen da ins Bild, das unsägliche Gerede über ein Preis-Leistung-Verhältnis von Wein detto. Es vergeht kein Tag, ohne dass dem Rudl Weine unter zwei Euro angeboten werden. 1,39 Euro war das Angebot der vergangenen Woche. So etwas kann man kaufen. So etwas kann man trinken. Und so etwas kann einem möglicherweise sogar schmecken. Aber so etwas kann ganz bestimmt nicht Ausdruck von Terroir sein und so etwas wird immer zu Lasten von Lebensgrundlagen gehen. Dass er derlei Angebote erhält, verdankt der Rudl dem Algorithmus. Und etwas Smarteres als den Algorithmus gibt es nicht. Der Algorithmus kennt einen schließlich besser als man sich selber kennt.

Aber es geht anders.

Kein Drahtrahmen, kein gestriegeltes Paradieren in Reih‘ und Glied, keine Traktorbreite Luft (oder Dieselabgase) zwischen den Zeilen und keine Ka I im Weingarten und im Keller. Stattdessen wächst jeder Rebstock an einem Pfahl nach oben. Der Abstand zwischen den einzelnen Stöcken ist beträchtlich kleiner. 10.000 Rebstöcke oder mehr tummeln sich da am Hektar. In Anbetracht des Platzmangels haben die Wurzeln gar keine andere Wahl, als in Richtung Australien zu wachsen. Allerdings spielt das Gedränge über der Erde aufgrund mangelhafter Durchlüftung manchen Schwammerln oder Insekten in die Karten. Das bedeutet mehr Arbeit. Eine kurze Stammhöhe von etwa zwanzig Zentimetern ist der unmittelbaren Versorgung der Trauben mit Mineralstoffen zuträglich, allerdings auch nicht ganz unproblematisch, wenn es um Frostschäden oder eben ungute Patrone im Boden geht. So oder so hat Stockkultur intensiven Einsatz von Handarbeit zur Folge. Und die ist wirklich alles andere als smart. Sie verlangt von der Winzerin oder vom Winzer Fleiß, Intelligenz und Kreativität. Aber die sind nicht umsonst.

  • 2023 Chignin-Bergeron « Échalas », Domaine H, Torméry, AOC Vin de Savoie (6/9)
  • 2023 Schiste, Domaine des Ardoisières, Cevins, IGP Vin des Allobroges (8,50/13)
  • 2022 Altesse « Solar », Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (10/15)
  • 2019 Quartz, Domaine des Ardoisières, Cevins, IGP Vin des Allobroges (12/18)

Altesse ist keine weltberühmte Rebsorte, nicht einmal in Wien, aber auch nicht in Frankreich und genaugenommen auch nicht in Savoyen, denn dort ist die Hälfte der Rebfläche mit Jacquère bestockt. Die übrigen tausend Hektar teilen sich Chasselas, Mondeuse, Pinot noir, Persan, Chardonnay, Mondeuse blanche, Gringet, Verdesse, Pinot gris, Douce noire, Gamay, ein paar noch viel seltenere Rebsorten und eben Altesse. Etwa dreihundert Hektar sind es, wenn Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, es halbwegs genau wissen wollen. Eine Altesse aus einem Weingarten in Stockkultur ist noch viel seltener. Und dass man zwei Altesses aus zwei verschiedenen Weingärten und beide in Stockkultur miteinander vergleichen kann, das kommt dann wirklich nicht alle Tage vor. Solar aus dem Maurienne-Tal, Quartz quasi ein Häusel weiter östlich aus der Tarentaise. Zwei begnadigte Weinbauern, wie der Herr Kurt sagt.

  • 2020 Douce noire „Nebula“, Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (6,50/10)
  • 2020 Mondeuse „Dark Side“, Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (8/12)

Das ist der zweite Vergleich von zwei Weinen einer raren Rebsorte. Zwar wächst nur Dark Side in Stockkultur, aber es gibt noch ein paar Gläser Mondeuse von der Prieuré Saint Christophe. Diese ist von Michel Grisard gegründet worden. Jetzt wird sie von den Giachinos auf das Würdigste bewirtschaftet. Und der Vergleich von Maximes stockkultivierter Mondeuse aus dem Zwanzigerjahr und der drahtrahmenerzogenen Prieuré Saint Christophe rouge aus 2019 könnte aufschlussreich, was Besonderheiten von Wein aus Stockkultur betrifft, sein. Die Jahrgänge liegen nicht nur eng nebeneinander, sondern sind auch ihrem Wesen nach gut vergleichbar, wie der Rudl vor einer Woche ausgeführt hat. 

Donnerstag, 11. Juni von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Smartfrei grüßt Monsieur Rudolf!

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien