Stockkultur, Dorfkultur und Stadtkultur gegen den Smartismus: Domaines H, Domaine des Ardoisières, Domaine de l‘Aitonnement, Donnerstag, 11. Juni: 17 bis 21 Uhr

Ortskerne und Weingärten

Bis in die Fünfzigerjahre haben Stadtkerne, Ortskerne und Weingärten anders ausgesehen als heute. Ganz anders. Im Zentrum einer größeren oder kleineren Ansiedelung von Menschen hat es Gasthäuser, Geschäfte und Dienstleistungsbetriebe wie Post, Bank und Doktor gegeben. Heute gibt es davon fast nichts mehr. Vielleicht ist ein Wettbüro, ein Nagelstudio oder ein Takeawaylokal für Fertiggerichte übriggeblieben. Der Rest befindet sich beim Kreisverkehr am Ortsrand, in den Einkaufskathedralen der Parndörfer oder hat sich in den digitalen Raum deplaciert. Das ist bequem. Da kann man mit der Karre direkt vor das Geschäft fahren oder man muss nicht einmal mehr die Application verlassen. Es geht ja so bequem und es ist smart. So weit, so wenig originell. Dass sich diese Ramschplattformen neuerdings als Retter lokaler Produzentinnen und Produzenten inszenieren, ist ein Zynismus sondergleichen, aber wahrscheinlich ist Zynismus heute auch smart, sofern man ihn zu Geld machen kann.

Smart

Eine Zigarettenmarke mit einer herrlich altmodischen, nach heutigem Verständnis alles andere, aber bestimmt nicht „smarten“ Verpackung, das ist es, was Citoyen Rudolf Polifka mit diesem Adjektiv assoziiert. Wenn aber heute irgendwo „smart“ draufsteht, dann sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit stumpfsinnige und darüber hinaus kurzsichtige Effizienzsteigerungen drinnen. Manchmal wird der Schein der Effizienzsteigerung auch nur dadurch erzielt, dass Smartisten Aufwand, Anstrengung oder Kosten auf andere abwälzen, auf Menschen, die in unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten müssen zum Beispiel. Oder auf explodierenden CO2-Ausstoß. Wofür die durch Effizienzsteigerung frei gewordenen Kapazitäten genutzt werden, wird übrigens bemerkenswert selten gefragt und nie beantwortet.

Wenn dann aber lamentiert wird, dass den Gesellschaften der Zusammenhalt abhandengekommen ist, und im Handumdrehen nach sogenannten „smarten“ Lösungen in der Verwaltung, im Zahlungsverkehr, aber auch in der Bildung, im Gesundheitswesen und letztendlich ein bissl eh bei allem gerufen wird, dann könnte man die klassische Frage „Cui bono?“ stellen.

So oder so, liest, respektive hört der Rudl heute „smart“, dann geht ihm das sprichwörtliche Geimpfte bis weit zurück in die früheste Kindheit wieder auf. Der Rudl ist gerne bereit den Smartisten das, was man früher als „Bauernschläue“ bezeichnet hat, zuzuerkennen. Der geistige Horizont dieser Hocheffizienzapostel endet jedoch sehr oft an ihrer eigenen Nasenspitze. Und ganz neu ist die Erkenntnis, dass der neoliberalistische Individualismus hocheffizient, aber letztendlich sehr oft anti-sozial ist und in der Vergangenheit immer wieder einmal Faschisten das Terrain aufbereitet hat, ja auch wieder nicht. Aber Hauptsache, es geht ganz einfach und man muss nicht viel denken. Früher hat man dazu „faul“ gesagt. Interessiert sich eigentlich die Linguistik dafür, dass sich die sprachlich immer schon äußerst limitierte Digitalisierung permanent ideologisierend Begriffe unter den Nagel reißt („sozial“, „Intelligenz“, „smart“, …)?

Smartismus in der Reberziehung

In den späten Fünfzigerjahren hat der Smartismus in den Weingärten Einzug gehalten. Das war am Beginn der Hochblüte des „Mochma-liawa-vü“ (© A.K.). Diese Hochblüte hält trotz massiver Überproduktion an, verweigert sich damit einerseits nicht unsympathisch dem Marktprinzip, ist andererseits aber natürlich trotzdem dumm. Diverse „Die-besten-Weine-unter-soundsoviel-Euro“-Verkostungen und -Kampagnen passen da ins Bild, das unsägliche Gerede über ein Preis-Leistung-Verhältnis von Wein detto. Es vergeht kein Tag, ohne dass dem Rudl Weine unter zwei Euro angeboten werden. 1,39 Euro war das Angebot der vergangenen Woche. So etwas kann man kaufen. So etwas kann man trinken. Und so etwas kann einem möglicherweise sogar schmecken. Aber so etwas kann ganz bestimmt nicht Ausdruck von Terroir sein und so etwas wird immer zu Lasten von Lebensgrundlagen gehen. Dass er derlei Angebote erhält, verdankt der Rudl dem Algorithmus. Und etwas Smarteres als den Algorithmus gibt es nicht. Der Algorithmus kennt einen schließlich besser als man sich selber kennt.

Aber es geht anders.

Kein Drahtrahmen, kein gestriegeltes Paradieren in Reih‘ und Glied, keine Traktorbreite Luft (oder Dieselabgase) zwischen den Zeilen und keine Ka I im Weingarten und im Keller. Stattdessen wächst jeder Rebstock an einem Pfahl nach oben. Der Abstand zwischen den einzelnen Stöcken ist beträchtlich kleiner. 10.000 Rebstöcke oder mehr tummeln sich da am Hektar. In Anbetracht des Platzmangels haben die Wurzeln gar keine andere Wahl, als in Richtung Australien zu wachsen. Allerdings spielt das Gedränge über der Erde aufgrund mangelhafter Durchlüftung manchen Schwammerln oder Insekten in die Karten. Das bedeutet mehr Arbeit. Eine kurze Stammhöhe von etwa zwanzig Zentimetern ist der unmittelbaren Versorgung der Trauben mit Mineralstoffen zuträglich, allerdings auch nicht ganz unproblematisch, wenn es um Frostschäden oder eben ungute Patrone im Boden geht. So oder so hat Stockkultur intensiven Einsatz von Handarbeit zur Folge. Und die ist wirklich alles andere als smart. Sie verlangt von der Winzerin oder vom Winzer Fleiß, Intelligenz und Kreativität. Aber die sind nicht umsonst.

  • 2023 Chignin-Bergeron « Échalas », Domaine H, Torméry, AOC Vin de Savoie (6/9)
  • 2023 Schiste, Domaine des Ardoisières, Cevins, IGP Vin des Allobroges (8,50/13)
  • 2022 Altesse « Solar », Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (10/15)
  • 2019 Quartz, Domaine des Ardoisières, Cevins, IGP Vin des Allobroges (12/18)

Altesse ist keine weltberühmte Rebsorte, nicht einmal in Wien, aber auch nicht in Frankreich und genaugenommen auch nicht in Savoyen, denn dort ist die Hälfte der Rebfläche mit Jacquère bestockt. Die übrigen tausend Hektar teilen sich Chasselas, Mondeuse, Pinot noir, Persan, Chardonnay, Mondeuse blanche, Gringet, Verdesse, Pinot gris, Douce noire, Gamay, ein paar noch viel seltenere Rebsorten und eben Altesse. Etwa dreihundert Hektar sind es, wenn Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, es halbwegs genau wissen wollen. Eine Altesse aus einem Weingarten in Stockkultur ist noch viel seltener. Und dass man zwei Altesses aus zwei verschiedenen Weingärten und beide in Stockkultur miteinander vergleichen kann, das kommt dann wirklich nicht alle Tage vor. Solar aus dem Maurienne-Tal, Quartz quasi ein Häusel weiter östlich aus der Tarentaise. Zwei begnadigte Weinbauern, wie der Herr Kurt sagt.

  • 2020 Douce noire „Nebula“, Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (6,50/10)
  • 2020 Mondeuse „Dark Side“, Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (8/12)

Das ist der zweite Vergleich von zwei Weinen einer raren Rebsorte. Zwar wächst nur Dark Side in Stockkultur, aber es gibt noch ein paar Gläser Mondeuse von der Prieuré Saint Christophe. Diese ist von Michel Grisard gegründet worden. Jetzt wird sie von den Giachinos auf das Würdigste bewirtschaftet. Und der Vergleich von Maximes stockkultivierter Mondeuse aus dem Zwanzigerjahr und der drahtrahmenerzogenen Prieuré Saint Christophe rouge aus 2019 könnte aufschlussreich, was Besonderheiten von Wein aus Stockkultur betrifft, sein. Die Jahrgänge liegen nicht nur eng nebeneinander, sondern sind auch ihrem Wesen nach gut vergleichbar, wie der Rudl vor einer Woche ausgeführt hat. 

Donnerstag, 11. Juni von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Smartfrei grüßt Monsieur Rudolf!

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