Happy Birthday, Sir Neuburger-Paul! Mittwoch, 24. Mai geöffnet, Freitag, 26. Mai geschlossen

Der Rudl hat vor zwei Jahren um diese Zeit schon einmal darauf hingewiesen, dass englischer Fußball schon einmal weniger Prestige genossen hat als heute, wobei man der englische Fußballnationalmannschaft das redliche Bemühen, an das Desaster von 1988 anzuschließen, nicht absprechen kann. Zwischen 1988 und heute hat es einmal sechs oder sieben Jahre lang anders ausgeschaut. Aber das ist lange her.

 

Dunston Excelsior Working Men’s Club, droben beim Hadrian Wall

 

Angefangen hatte alles in Dunston, einem Vorort jener Stadt, die nach einer autochthonen Wachauer Rebsorte, dem Neuburger, benannt ist: Newcastle upon Tyne. Dort kommt am 27. Mai 1967 Paul John Gascoigne auf die Welt, als Sohn einer Fabriksarbeiterin und eines Ziegelschleppers. Nach einer Kindheit, für die das Wort „schwierig“ ein Euphemismus ist, unterschreibt Gascoigne an seinem sechzehnten Geburtstag einen Vertrag beim Newcastle United Football Club, um 120 Pfund in der Woche, um für etwas zwanzig Jahre ein anderes Leben zu führen und nach diesen zwanzig Jahren wieder ziemlich nahtlos an seine Kindheit anzuschließen.

Am 13. April 1985 wird er im St. James‘ Park gegen die Queens Park Rangers eingetauscht. Bald gilt er als die Hoffnung Englands. England sollte in seinen Hoffnungen weniger enttäuscht werden als Paul Gascoigne. Nach der Weltmeisterschaft 1990 in Italien ist Gascoigne populärer als Lady Diana. Wer ihn an einem guten Tag spielen gesehen hat, hat seither eine Ahnung von Transzendenz. Wer ihn vermarktet und vermittelt hat, einen Haufen Geld.

 

Fünfzig

 

Am kommenden Samstag wird Paul Gascoigne fünfzig Jahre alt. Das Wort „Geburtstagskind“ ist wahrscheinlich selten so angebracht wie in diesem Fall. Ihm und den inzwischen noch viel rarer gewordenen Kickern, für die Fußball ein Spiel ist und die das nicht durch eine affektierte Coolness zu kaschieren trachten, öffnet der Rudl diesen Mittwoch ein paar Neuburger, sowie einen und keinen Wein aus den beiden Jahren, in denen das Fußballgroßereignis im Zeichen eines Fußballkünstlers, aber bedauerlicherweise nicht Lebenskünstlers gestanden ist, Paul Gascoigne.

 

Neuburger vom Mantlerhof

 

Sepp Mantler gilt sowieso bei allen, die sich ein bissl mit Wein beschäftigt haben, als Tüftler. Dem Rudl seiner Meinung nach ist er noch viel mehr. Margit und Sepp Mantler sind mindestens Philosophen, Bauern und personifizierte Herzlichkeit zugleich. Der Neuburger vom Mantlerhof ist eine Hommage an Kristof Ferstel (1805 – 1888), einem Vorfahren von Margit Mantler. Der soll seinerzeit ein Rebbündel aus der Donau gefischt haben. Bei diesem Rebbündel soll es sich um eine Zufallskreuzung aus Rotem Veltliner und Sylvaner gehandelt haben. 1992 haben Margit und Josef Mantler eine heiße und trockene Terrasse mit Neuburgerreben, die Frau Mantler aus Oberarnsdorf in der Wachau mitgebracht hatte, bepflanzt (www.mantlerhof.com). Ziemlich sicher ist das einer der Gründe, warum der Neuburger vom Mantlerhof etwas Besonderes ist. Der Neuburger als solcher ist kapriziös. Auf irgendeinem Boden oder in irgendeiner Lage kann es schon sein, dass er ziemliche Brösel macht. Man kennt das von genialen Fußballspielern.

 

 

2008 – gemeinsam mit 2010 und 2013 ein Lieblingsjahrgang vom Rudl in den letzten zehn Jahren, mit „Eleganz statt Opulenz“ beschreibt Sepp Mantler den Jahrgang

 

2013 –  nicht zu kühl und nicht zu heiß – Wenn es nach Rudolf Polifka geht, ein idealer Jahrgang. Ein Wein, den man noch immer nicht aufmachen muss. Caviste Polifka tut das dieses Mal trotzdem.

 

2015 – an und für sich aufgrund weitgehend ausbleibender Wetterkapriolen fast schon ein ungewöhnlicher Jahrgang

 

1990 Pinot Gris Vendange Tardive Josmeyer, Wintzenheim, Alsace

 

Lothar Matthäus hat in diesem Jahr als Kapitän mit der deutschen Fußballnationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen und er hat danach noch lange gespielt. So alt wie im Semifinale am 4. Juli 1990 im direkten Duell mit Paul Gascoigne hat er nicht einmal als Trainer des SK Rapid ausgeschaut. Paul Gascoigne war nach diesem Spiel in Großbritannien populärer als Lady Diana.

Der Hagel am 19. Juni 1990 hat die Lage Fecht verschont. Während des Semifinales in Turin war es regnerisch und kühl. Der Boden ist geprägt von Ton und Löss.

Fünf bis acht Stunden Kontakt mit Schalen und Kernen, an und für sich hat man vorgehabt, die indigenen Hefen durch Temperatursteuerung ans Gängelband zu nehmen, ihnen aber dann bald das Tempo selber überlassen.

Nur ganz dezente Filtration, kein Säureabbau, vierundfünfzig Gramm Restzucker.

Die Josmeyer Homepage schreibt über diesen Wein von Trüffeln, feiner Säure und hoher Klarheit, ohne jedweden Exzess.

Empfohlen werden dazu Desserts mit getrockneten Früchten und Maroni, die sich selber mitzubringen der Rudl Ihnen heftigst empfiehlt.

 

1996

 

Gelegentlich ist zu lesen, Deutschland hätte die Fußballeuropameisterschaft 1996 gewonnen. Mit dem Rudl seinen Aufzeichnungen deckt sich das nicht. Gascoignes Golden Goal nach Stangelpass von Shearer in der Verlängerung im Semifinale gegen Deutschland ebnet England den Weg zum Turniersieg. So hat es der Rudl in Erinnerung.

 

2001 Galea, i Clivi, DOP Colli Orientali, Friuli

 

Bis zu diesem Jahr hat Sir Paul warten müssen, um vom Rudl auf einen Orangensaft mit Eiswürfeln eingeladen zu werden. Zugetragen hat sich das Ganze im Rahmen eines Trainingslagers vom Everton FC im Hinterland des toskanischen Städtchens Lucca.

Außerdem hat Paul Gascoigne in diesem Jahr sein erstes und einziges Tor in einem Meisterschaftsspiel für Everton erzielt. Dass es einen kausalen Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen gibt, hat der Rudl nicht behauptet.

Reinsortiger  Friulano, den sie früher „Tocai Friulano“ geheißen haben. Siebzig Jahre alte Stöcke, Mergel und Sandstein. Vierundzwanzig biologische Monate auf der Feinhefe im großen Stahl.

 

2014 Galea, i Clivi, DOC Colli Orientali, Friuli

 

Wein aus dem Jahr, in dem Sir Paul immer noch nicht das Mindeste, das England und viele Vereine ihm schulden, nämlich irgendeine Tätigkeit, die seinem Leben Struktur und Verantwortung zurück gibt, angeboten worden ist. Im Fußball scheint man heute erfolglose, pseudointellektuelle Aufschneider und Ich-AGen zu favorisieren. Das merkt man auf den Plätzen.

 

Die folgenden Weine …

  • Neuburger Hommage 2015, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (2,50/4)
  • Neuburger Hommage 2013, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (3/5)
  • Neuburger Hommage 2008, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (4/6)
  • Pinot Gris Vendange Tardive 1990, Josmeyer, Wintzenheim, Alsace (16/24)
  • Galea 2001, i Clivi, DOC Colli Orientali, Friuli (4,50/7)
  • Galea 2014, i Clivi, DOP Colli Orientali, Friuli (3/5)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

…, aber nicht ausschließlich diese gibt es

 

am Mittwoch, den 24. Mai

von 16 bis 22 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Vorschau auf die Lehrveranstaltung vom 31. Mai und vom 2. Juni:

Erde-Vertikale von Maria und Sepp Muster: 2007, 2011, 2012, 2013, 2014

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

 

Herr Rudolf ersucht diese Woche um Nachsicht ob der saloppen, ungegenderten Grußformel. In Anbetracht des Geburtstagskindes iist aber keine andere möglich. Cheers, mates!

 

Eine kleine Schilcher-Vertikale von Sepp Muster, andere gelungene Rosés und alles, was es aus sprachwissenschaftlicher Sicht über den Unterschied zwischen manchen Orangeweinen und manchen Rosés zu schreiben gibt

Wochen, in denen Rosé im Mittelpunkt eines Weinthemas der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils gestanden ist, gehören in der Geschichte des Geschäfts vom Rudl nicht gerade zu den großen Erfolgen, zumindest wenn man „Erfolg“ als umsatzorientierte Größe betrachtet. Trotzdem lässt das Roséthema den Rudl nicht ganz los. Dabei ist er nicht einmal ein ausgewiesener Roséfreund. Sonst den farblichen Zwischentönen nicht abgeneigt hat er sowohl mit vielen Rosés als auch mit deren komplementären Orangeweinen immer wieder seine Probleme. Was ihn an beiden manchmal stört, hängt linguistisch betrachtet an der Differenz zwischen r und l, linguistisch ausgedrückt an zwei läppischen Merkmalen.

Phonologie

Laute können sich in drei Kategorien voneinander unterscheiden.

Hinsichtlich ihrer Artikulationsart kann ein Laut explodieren, verwirbeln, reiben, näseln, vibrieren oder seiteln. Ein anderer Unterschied kann den Artikulationsort von Lauten betreffen. Der kann auf den Lippen, den Zähnen, der Zunge, dem Gaumen oder am Kehlkopf sein. Und Laute können stimmhaft oder stimmlos sein. Im einen Fall haben die Stimmbänder einen Auftrag, im anderen nicht. R und L sind beide stimmhaft, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Artikulationsart und ihres Artikulationsortes jedoch nur minimal. R vibriert in der Mitte, wohingegen L auf die Seiten ausweicht. Darüber hinaus strapaziert L die Zähne, R wird am Gaumen gebildet. Sonst nichts. Und so eine Lappalie wie der Weg zwischen dem Rachen und der Zunge macht dann phonologisch den Unterschied zwischen Frucht und Flucht. Dabei bestehen die Wörter noch aus vier anderen Lauten, die alle auch einen Artikulationsort, eine Artikulationsart und eine oder eben keine Stimmhaftigkeit haben. Das wären zwölf Möglichkeiten sich von einander zu unterscheiden. Aber nix. Im einen Fall ist das Resultat der Jahresarbeit einer Pflanze gemeint, im anderen Fall die absichtliche Wegbewegung von einem Ort, einem Menschen oder einer Sache, die man zu seinem Glück ungefähr so dringend braucht wie einen klemmenden Reißverschluss, oft genug auch noch viel weniger dringend. Der Kurtl hat dieses Thema im Zweiundneunziger Jahr im Text „Radl noch Rio“ abgehandelt.

Um zu den Weinfarben zurückzukommen: Bei vielen Rosanen stört den Rudl ein Überschuss an Frucht, zumal wenn sie nicht natürlich ist, bei etlichen Orangenen wiederum macht eine Säure Hals über Kopf einen Abgang, was im Rudl seinerseits dann Flucht- oder zumindest Nichttrinkreflexe aktiviert. Und bei manchen so sogenannten Kultnaturweinen scheint sich Aciditätsflucht geradezu als Statussymbol wichtig zu machen. Dann für den Rudl lieber doch Kulturwein. Sonst wäre die gesamte kultur- und zivilisationstechnische Hackn von Noah abwärts ja regelrecht für die Haare gewesen.

Diese Woche kredenzt Caviste Rudolf auf alle Fälle Rosés, bei denen Sie unter Garantie kein Flankerl künstliche Fruchtigkeit finden werden.

Schilcher von Maria und Sepp Muster aus Schlossberg in der Südsteiermark

Kalk, Mergel und Ton hindern die Wildbacherstöcke vom Maria und Sepp Muster an der Flucht zu ihren Kolleginnen und Kollegen in der Weststeiermark, und zu den Roteribisel-Stauden dort. In der Weststeiermark ist der Schilcher an und für sich zu Hause, nicht ausschließlich dort, aber vor allem dort. Und in der Tat ist eine Lehrverasntaltung zum Thema Schilcher und Rosé ohne Wein von Franz Strohmeier aus Lestein maximal ein halbe Sache. Blöderweise oder erfreulicherweise, je nachdem wie man das halt so sieht, liegt Lestein ein bissl abgelegen. Dort kommt der Rudl äußerst unregelmäßig und vor allem selten hin, jetzt schon ein Zeitl gar nicht, beziehungsweise nur am Sonntag. Am Sonntag will der Rudl selber, abgesehen von zwei Ausnahmen im Jahr, seine Ruhe haben. Und weil er den kategorischen Imperativ von Monsieur Kant für eine ziemlich gscheite Sache hält, geht Caviste Rudolf davon aus, dass auch ein Weinbaumeister am Sonntag sein Recht auf Ruhe hat. Nur ist das eine andere Geschichte. Irgendwann wird Caviste Polifka wieder in Lestein antanzen, dann wird es hoffentlich wieder etwas Rosanes von Franz Strohmeier geben und der Rudl wird es nachreichen.

 

Zurück nach Schlossberg

 

Dass die Weingärten von Maria und Sepp Muster ziemlich steil sind, hat der Rudl nicht erst einmal erwähnt. Dass die Kessellagen weitgehend verhindern, dass übereifrige Kunden des Spritzmittelnahversorgers ihren Dreck auch auf die Weingärten vom Graf-Hof verfrachten, detto. Diesbezüglich haben Maria und Sepp Muster das gleiche Glück wie Jacques Maillet.

Tage können auf den Steilhängen rund um den Graf ziemlich heiß werden, Nächte sind dort oben kühler als in vielen anderen Weinbaugebieten. Das ist für das Aroma und die Frische der Trauben nicht so schlecht.

Rosé vom Opok 2014, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2013, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2012, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2010, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Ob es eher ein erfreulicher oder eher ein tadelnswerter Reflex ist, bei besonders guten Weinen aus Österreich schnell über ein französisches Pendant nachzudenken, müssen Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, selber beurteilen. Der Rudl tendiert eher zu Letzterem. Trotzdem ist es ein Reflex von ihm. Wenn es um einen französischen Rosé, den man sinnvollerweise mit Schilcher von Maria und Sepp Muster vergleichen kann, geht, dann muss Herr Rudolf nicht lang nachdenken. Dann ist es der von den Riouspeyrous.

Irouléguy Rosé 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest

Der Weinbau in der Pyrenäenappellation Irouléguy war im elften Jahrhundert Sache der Mönche von Roncevaux. Die haben damit die Pilger am Weg nach Santiago de Compostela verköstigt und dabei ein ganz schönes Knödel verdient. Irgendwann sind dann Reisebüros gegründet worden und das Pilgern scheint an Attraktivität verloren zu haben. In Anbetracht der Kollateralschäden damaligen Pilgerns, muss man das auch gar nicht bedauern, wobei natürlich der Massentourismus auch kein Lärcherl ist, aber halt doch nicht so stark bewaffnet.

Dass der Weinbau in Irouléguy an Bedeutung verloren hat, ist ein Euphemismus und auch nicht nur auf das gesunkene Prestige des Pilgerns zurückzuführen gewesen, sondern auch auf Heinrich IV., Protektionismus und natürlich auf die Reblaus. Ohne die 1954 gegründete Genossenschaft Cave d’Irouléguy würde es in dieser Gegend womöglich gar keinen Weinbau mehr geben. Sie zählt heute zu den renommierstesten des Landes und war sicher auch ein Grund, warum die sonst nicht immer ganz flexible französische Weinadministration 1970 Irouléguy den Status einer Appellation verliehen hat.

Jetzt selektioniert man akribisch Reben und stimmt sie auf die Terroirs ab. Die Rebfläche wächst wieder und hält bei 220 Hektar, größtenteils Terrassenlagen.

Die Bezeichnung „Winterrosé“ deutet schon darauf hin, dass der Irouléguy Rosé von den Riouspeyrous kein gerbstoff- und gesichtsloses sommerliches Fruchtwasserl ist, sondern zum Beispiel ziemlich großartig zu gegrillten Würsteln von den Wursthaberern passt.

Jetzt darf der Rudl natürlich keinen Griller in seinem Geschäft aufstellen, aber ein Reindl und eine E-Herdplatte kann er Ihnen schon anbieten, wenn Sie sich ein Wursthaberer-Würstel oder irgendetwas anderes, das durch Hitze veredelt werden will, als Weinbegleitung mitbringen.

Achtzig Percent Tannat, zwanzig Cabernet Franc, Fe-hältiger Sandstein, Handlese und zweimalige ebensolche Auslese, parzellenspezifische Vinifizierung und Spontanvergärung, vorsichtiger Saftabzug, keine Malolaktik und Ausbau auf der Feinhefe, so viel zu den mehr oder weniger technischen Daten des Rosés von der Domaine Arretxea.

 

Rosé 2013, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

An der Seite der oben beschriebenen Exemplare könnte dieser Rosé vielleicht wie ein Zugeständnis an die Zugänglichkeit dastehen. Von den Erbeer- und Himbeeroiden, die jetzt dann fast überall zwischen Bernhardsthal und der Strandpromenade von Saint Tropez ausgeschenkt werden, unterscheidet sich aber auch der erheblich. Soviele Zweitausenddreizehner Rosés sind es nicht gewesen, die erst 2016 in Verkauf gekommen sind. Gamay und Pinot Noir vom Kalk aus dem Kimmeridge.

Guett in Reuth 2011, Reiterhaindl, Großgmain bei Salzburg, Bergland

Ein Wein als Gegenstück zu den Wiener Qualitätsblättern, gratis, aber hoffentlich nicht umsonst.

Folgende Weine, aber nicht ausschließlich die folgenden gibt es diese Woche glasweise in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

  • Rosé vom Opok 2014, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2013, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2012, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2010, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Irouléguy Rosé 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest (3/5)
  • Rosé 2013, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2,50/4)
  • Guett in Reuth 2011, Reiterhaindl, Großgmain bei Salzburg, Bergland (-)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

am Mittwoch, den 17. Mai und am Freitag, den 19. Mai

jeweils von 16 bis 22 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Vorschau auf die Lehrveranstaltungen vom 24. Mai:

Happy Birthday, Paul Gascoigne!

Freitag, 26. Mai geschlossen

Herr Rudolf grüßt stimmhaft!

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

Fremd. All you can eat N°2 out now! Weißweine aus dem französischen Teil des Baskenlandes 2009 bis 2014 – horizontal und vertikal

Hat man Fragen nach den Hobbys mit „Wein“, „Kochen“ oder „Essen“ beantwortet, dann hat man darauf schon einmal verständnislosere Blicke als Reaktion bekommen, als man das heute tut. Der Rudl vermutet ja, dass das mit der Industrialisierung, wenn nicht sogar mit der Digitalisierung von Ernährung zu tun hat. Zum einen gibt es gar nicht so wenige Menschen, die Maschinen für sich kochen lassen, zuerst einmal in der Fabrik und dann oft noch ein zweites Mal in der Mikrowelle. Dem Rudl Seines ist das nicht, aber wer meint… Fast noch bemerkenswerter erscheinen Monsieur Rudolf Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die essen, beziehungsweise trinken, das zu Verzehrende davor aber photographisch festhalten, um es in weiterer Folge irgendwo hochzuladen, auf dass es möglichst oft geteilt werde. Rudolf Polifka hält vom Teilen der Nahrungs- und Genussmittel sehr viel. Er hält es für möglich, dass es geradezu zu den Bestimmungen eines vernünftigen Nahrungs- oder, beziehungsweise im Idealfall und Genussmittels gehört, geteilt zu werden. Als ersten Schritt dazu würde er auf einer globaleren Ebene einem gutheißen, dem Fladern von Lebensmitteln entschieden Einhalt zu gebieten. Da wäre dringendst mit dem Wasser zu beginnen und auf gar keinen Fall bei eben demselben stehen zu bleiben. Beim Rudl stetzt es da mit dem Verständnis sowieso aus: Gar nicht so wenigen kann dort, wo es nichts kostet, gar nicht genug auf Teufel komm‘ heraus gegendert, inkludiert, sprachsensibilisiert und hyperkorrektiert werden. Gleichzeitig legen sie ein imperiales Konsum- und Mobilitätsverhalten an den Tag, dass es einem die Sprache verschlägt und man sich in einem feudalistischen Schnöselcircel wähnt. Darum sagt Monsieur Rudolf Nein! Zu den Imperien, zu denen auf den Landkarten genauso wie zu denen in den Köpfen, die sich in hirn- und gewissenlosem Mobilitäts- und Konsumverhalten manifestieren. Den Einwand, dass es da um Menschen ginge, von denen man aufgrund ihrer nicht so komplexen Bildung nicht mehr erwarten dürfe, lässt der Rudl nicht gelten. Er hält das eher für ein Problem von Bequemlichkeit als eines von mangelnder Bildung, wobei diese beiden Faktoren einander nicht ausschließen müssen.

Aber zurück zum Teilen: Herr Rudolf hat nicht erst einmal die Erfahrung gemacht, dass ein noch so formidables Flascherl Wein, auf das er sich noch so lange gefreut hat und das er noch so ideal temperiert und belüftet hat, nicht so gut schmeckt wie ein geteiltes. Nur muss die Teilung dem Rudl seiner Auffassung nach eine analoge sein. Digitalisiertes Teilen von hochgeladener Nahrung ist dem Rudl zu platonisch und also für die Fische, wenn Sie so wollen für den Victoriabarsch, mit dem Tansania mitzerstört wird, damit ihn in Japan oder Europa jemand in sich hinein stopfen kann.

Das digitalisierte Teilen von Bildern mit Tellern und Gläsern ist in den Augen vom Rudl zu hundert Percent wertfrei. Aber es hält halt das Thema am Kochen. Und spätestens nach dem zwanzigsten Aufkochen, ist auch das exotischste Gericht nicht mehr fremd, was den Rudl zum zugegebenermaßen nicht nobelpreisverdächtigen Schluss bringt, dass fremd eine relative Kategorie ist und unter Umständen sogar mehr über den eigenen Standpunkt und auch den Zeitgeist aussagt als über das gerade als fremd Empfundene. Professor Karl Valentin hat Bier getrunken und das vor fast hundert Jahren schon eleganter auf den Punkt gebracht.

Vielleicht wecken Industrialisierung und Digitalisierung von Speisen und Getränken als Gegenbewegung eine Sehnsucht nach Natürlichem und Authentischem. Dass die in jedem Wein erfüllt wird, behauptet Monsieur Rudolf nicht. Monsieur Rudolf behauptet nicht einmal, dass diese Sehnsucht in jedem Naturwein erfüllt wird. Aber das ist eine andere Geschichte.

So oder so, der Rudl kann sich noch gut an die Zeit erinnern, in der er mit seiner Begeisterung für Wein und vor allem mit der für das Weinkaufen und noch viel mehr mit der für das Bioweinkaufen einen beträchtlichen Erklärungsbedarf gehabt hat. Dass sich das geändert hat, liegt nicht nur daran, dass der Rudl heute kein Student mehr ist. Heute gilt die Beschäftigung mit Wein in studentischen Kreisen als ziemlich angesagt, was in besonderem Ausmaß auf die Beschäftigung mit Biowein in akademisch geprägten Milieus zutrifft. Jetzt ist dem Rudl grundsätzlich jeder Hype ein bissl suspekt. Aber dass es besorgniserregendere Entwicklungen gibt, als die Zunahme von relativ jungen Menschen, die immer mehr Biowein trinken, das muss sogar Herr Rudolf zugeben. Und wie manch Kultwinzer auf diese Entwicklung im Weingarten, im Keller und in den Society-Redaktionen darauf reagiert, steht ja wieder auf einem ganz anderen Blatt.

Caviste Rudolf Polifka freut sich immer ganz besonders, wenn er den Eindruck hat, dass ein Winzer stolz auf seinen guten Wein ist, sich der Publicität aber weitestgehend verweigert, wie der Baske Michel Riouspeyrous von der Domaine Arretxea oder Sepp Muster und auch Jacques Maillet und einige andere.

Fremdes am Etikett und in der Flasche

Sprachlich geht es in Europa nicht viel fremder als in Irouléguy, der Weinappellation des französischen Teil des Baskenlandes, zumal Baskisch die einzige Sprache in Europa ist, die einer Sprachfamilie entraten muss, was erkenntnistheoretisch ein Unfug ist, denn selbstverständlich hat auch das Baskische eine Familie. Nur hat so noch kein Sprachforscher dieser Welt gefunden. Dass Baskisch dennoch als „isolierte Sprache“ gilt, findet der Rudl erkenntnistheoretisch wieder höchst aufschlussreich. Kann es sein, dass der postfaktisch säkularisierte Mensch dazu tendiert, sein kleines Hirnderl mit dem Maß des Universums zu verwechseln? Und alles, wofür da drinnen kein Platzerl mehr frei ist, das kann und darf es dann zwangsläufig nicht geben. Just ned!

So oder so, die verwandtschaftlichen Verhältnisse des Baskischen sind ziemlich ungeklärt. Für einen großen Teil der nicht baskisch sprechenden Welt, gilt das auch bezüglich der Aussprache. Und für einen wahrscheinlich kleineren, aber immer noch ziemlich großen Teil der nicht baskisch sprechenden Welt, steht zu befürchten, dass das auch hinsichtlich der Weine aus dem Baskenland gilt. Was weinmäßig aus dem Baskenland dann unter Umständen schon bekannt ist, scheint am ehesten noch der Txakoli zu sein. Den erachtet Monsieur Rudolf aber, vielleicht abgesehen vom Namen, wieder als nicht so bemerkenswert.

Aber die Appellation Irouléguy schätzt der Rudl halt einmal, weil oder obwohl sie weitgehend als fremd betrachtet wird.

AOP Irouléguy

Bei der Appellation Irouléguy handelt es sich um versprengte Überreste eines Weinbaugebietes, das Mönche im Mittelalter kultiviert haben. Das wäre an sich jetzt nicht besonders erwähnenswert. Nur im Fall von Irouléguy sind das die Mönche von Roncevaux gewesen. Das ist in Niedernavarra, wo Roland und seine Kollegen in einen Hinterhalt geraten sein sollen. Der phaffe Chunrat hat die Geschichte über Rolands Kampf gegen die Zivilisation aufgeschrieben, nicht als die erste, aber doch als eine besonders gern kopierte Vorlage für bornierte Närrinnen und Narren mit Hang, jede Zwangsneurose und Ideologie gleich einmal für eine Religion zu halten.

Heute gilt Irouléguy als „mosaïque de terroirs“. Das muss derweil einmal genüben. Und wer mehr über diese Appellation lesen will, der sollte besser nicht das Terroir-Büchl von James E. Wilson lesen, sondern sich im gut sortierten Fachhandel die aktuelle Ausgabe von All you can eat zulegen.

Hégoxuri, Domaine Arretxea

Dass Thérèse und Michel Riouspeyrous sich beim Versuch, ihre Weingärten zu verstehen, von Wissenschaftlern unterstützen lassen, hat Sie Caviste Rudolf schon einmal wissen lassen. Dass sie danach trachten, diese Erkenntisse schmeckbar zu machen, auch. Dass Michel Riouspeyrous nicht gerade in Freudenskundgebungen ausbricht, wenn man das Wort „Terroir“ inflationär verwendet, sowieso.

Hégoxuri wächst auf vier Böden: Schiefer, Ophite, Sandstein und Ampèlite.

Ananas- und Zitrusaromen sind der Beitrag der Rebsorte Gros Manseng, zu Baskisch Izkiriota. Wenn Sie daraus korrekt ableiten, ob eher Petit Manseng oder eher Courbu auf Baskisch Izkiriota Ttipia heißt, dann wissen Sie jetzt zumindest schon das baskische Wort für Manseng.

Zu jung kann man den Hégoxuri schon auch trinken. Man muss es aber nicht. Die Trüffelaromen tanzen auf alle Fälle erst nach ein paar Jahren Flaschenreife an.

Kalk

In Irouléguy gibt es auch Kalk. Auf dem wächst der Weißweine von Peio Espil (Domaine Ilarria).

Literaturbegleitung: All you can eat

Was Sie zu diesen Weinen essen können, das steht in der neuesten Ausgabe des überaus erfreulichen Magazins „All you can eat“. Wenn Sie eher empirisch vorgehen, sind Sie herzlich eingeladen, sich etwas zum Essen in die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils mitzubringen und es einfach auszuprobieren. Als ideale Lektürebegleitung erlaubt es sich der Rudl noch einmal, auf die Nummer zwei von All you can eat hinzuweisen, zu erwerben im gut sortierten Fachhandel sowie im Abonnement.

Nicht ausschließlich folgende Weine gibt es diese Woche glasweise in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

  • 2014 Hégoxuri, Domaine Arretxea, AOP Irouléguy, Sud Ouest (5/8)
  • 2013 Irouléguy Blanc, Domaine Ilarria, AOP Irouléguy, Sud Ouest (5/8)
  • 2012 Irouléguy Blanc, Domaine Ilarria (5/8)
  • 2012 Hégoxuri, Domaine Arretxea (6/9)
  • 2010 Irouléguy Blanc, Domaine Ilarria, AOC Irouléguy (6/9)
  • 2009 Hégoxuri, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest (6,50/10)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

am Mittwoch, den 10. Mai und am Freitag, den 12. Mai

jeweils von 16 bis 22 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Vorschau auf die Lehrveranstaltungen vom 17. und 19. Mai:

vermutlich eine kleine Schilcher-Vertikale von Sepp Muster und andere extraordinaire Rosés

Herr Rudolf würde gerne auf Baskisch grüßen, vermag es jedoch nicht.

Schicken Sie ein entsprechendes E-Mail, wenn Sie keine Nachrichten der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils bekommen möchten.

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

Heute (5.5.) ausnahmsweise erst ab 18 Uhr geöffnet

Wie angekündigt öffnet Caviste Rudolf heute erst um sechs Uhr die Pforten seiner Weinhandlung.

Dafür und auch weil der 2009er Argile Blanc von der Domaine des Ardoisières schon ausgetrunken ist, gibt es quasi abseits des Wochenthemas einen Jahrgangsvergleich 2015 – 2016 vom Zierfandler von Friedrich Kuczera aus Gumpoldskirchen, aber wie gesagt halt erst ab 18 Uhr.

Der Rudl bedankt sich für Ihr Verständnis!

Weißer, geschieferter Ton und zwei Annoncierungen – Freitag, 5. Mai aus kulinarischen Gründen ausnahmsweise erst ab 18 Uhr geöffnet

Michel Grisard

 

Wir schreiben April 1997. Der Biodynamiedoyen Savoyens und Weggefährte von Nicolas Joly, Michel Grisard, will es immer noch wissen. Andere planen in diesem Alter ihre Pension. Monsieur Grisard bewirtschaftet damals ein biodynamisches Weingut in Freterive. Das hat er vorher schon gemacht, in einer Zeit, in der Biodynamie noch als Lifestyle, sondern als extraterrestrisch und vernunftwidrig abgetan worden ist. Sein Weingut hat er vom konventionell geführten Betrieb seines Bruders abgetrennt. Ein Sektierer, wie er im Buch steht und wie ihn der Rudl ganz besonders schätzt. In den Neunziger Jahren gehören die Weine von Michel Grisard schon zu den gefragteren in Sayoyens, wobei savoyardische Weine zur Zeit Plinius‘ des Älteren in Rom gefragt waren, jetzt sind sie es in Paris. In der nicht ganz kurzen Zeit dazwischen, unter anderem in den Achtziger Jahren, als Michel Grisard seinen Betrieb biodynamisch umgestellt hat, war Wein aus Savoyen auch in Frankreich ungefähr so populär gewesen, wie er es jetzt in Österreich ist. Dass sich das geändert hat und savoyardische Weine nicht mehr nur mit identitätsschwachem Gschloder oder Glühweinbasis assoziiert werden, hat mit den Petavins, einer Gruppe von biologisch und biodynamisch arbeitenden Winzern, zu tun. Dass es die Petavins gibt, hat wiederum viel mit Michel Grisard zu tun. Der hat um sich und seine Weine nie ein großes Theater veranstaltet und seine Energien auch dafür verwendet, junge Winzer für seine Ideen zu begeistern. Jacques Maillet ist einer von diesen und jetzt selber schon in der Rentn, die Giachinos andere. Sie haben mit dem Jahrgang 2015 die Weingärten von Michel Grisard übernommen. Dominique Belluard wäre ein dritter.

 

Eine Domaineifizierung von Verbindlichkeit

 

Michel Grisard ist ein Typ, dem so ein extraordinärer Status aber weder genügt, noch wichtig ist. Das kann ein Grund sein, warum er in den Neunziger Jahren auf die Idee kommt, einen damals etwa fünfzig Jahre der Verwaldung überlassenen Weinberg in Cevins zu rekultivieren. Jetzt unterscheidet sich das Tal der Isère, was das Klima für den Weinbau berifft, sowieso schon zumindest in zweier- oder dreierlei Hinsicht von denen der Rhône, der Loire oder gar des Rheins. Bei Cevins kommt dazu, dass es relativ weit am Oberlauf des Baches liegt, fast ein bissl „aus dem Schuss“ möchte man sagen.

Darüber hinaus verdient der Weinberg von Cevins die Bezeichnung „Berg“. Als Berg ist er dort nicht unbedingt ein Sonderling, als Weinberg aber ganz bestimmt. In diesem Tal, auf diesem Gefälle rekultiviert man einen Weinberg vermutlich nur dann, wenn man eine sehr konkrete Vorstellung vom Potenzial so eines Terroirs und zumindest ausreichend Energie hat.

Ersteres hat Michel Grisard, Zweiteres auch mehr als die meisten anderen in seinem Alter. Trotzdem hätte das ziemlich sicher nicht gereicht. Darum sucht er sich 2003 einen jungen Compagnon, Brice Omont aus der Champagne. Bereits 2002 hat Grisard den ersten nennenswerten Jahrgang aus den Trauben von Cevins gekeltert. In Zeitl arbeiten Brice Omont und Michel Grisard dann gemeinsam, 2008 übernehmen sie zusätzlich Weingärten in Saint Pierre de Soucy, etwas weiter flussabwärts. 2010 ist für Michel Grisard die Mission erledigt. Er übergibt an „den Jungen“ und zieht sich wieder auf seine zwei Hektar mit Mondeuse und Altesse in Freterive zurück.

Seither kann man die Kommentare zu den Weinen der Domaine des Ardoisières Schülerinnen und Schülern mit Grammatikdefiziten als Übungstexte zum Komparativ und zum Superlativ vorlegen. Mit dem Jahrgang 2017 wird ein drittes Terroir das Triumjardinat ergänzen.

 

Argile Blanc, Coteau de Saint Pierre de Soucy

 

Exposition und Boden

 

Der Weingarten ist nach Westen ausgerichtet. Der Boden ist geprägt von Mergel aus dem Jura und Schiefer, reich an Kalk und Ton.

 

Rebsorten

 

In Jahren, in denen die Schafe von nebenan keines Lochs im Zaun gewahr werden und infolgedessen nicht über die Chardonnaytrauben herfallen können, besteht der Wein aus vierzig Percent Jacquère, vierzig Chardonnay und zwanzig Mondeuse Blanche.

 

Vinifizierung und Ausbau

 

Biodynamie versteht sich bei einem von Michel Grisard initiierten Projekt von selber, spontane Vergärung detto, so gesehen fast ein Wunder, dass man den Weinen der Domaine des Ardoisières noch nicht das Naturweintaferl umgehängt hat.

Argile Blanc wird acht Monate zu einem Drittel in gebrauchten Barriques und zu zwei Drittel im Stahltank ausgebaut. Ziemlich sicher ist das der Grund, warum ihn der Rudl etwa bis zum Jahrgang 2010 dem teureren Schiste und dem noch teureren, aber sowieso kaum derglengbaren Quartz vorgezogen hat. Bei diesen beiden war ihm das Holz zu neu. Spätestens mit dem Jahrgang 2012 hat sich das geändert. Entweder haben die immer noch nicht als Methusalemreben zu bezeichnenden Stöcke inzwischen ausreichend tiefreichende Wurzeln, um dem Holz genug Energie entgegenzusetzen oder es sind immer noch dieselben Barriques, nur inzwischen halt entsprechend gebrauchter. Vielleicht ist beides der Fall. Als lebendig und elegant, kristallin und vibrierend wie der Riff einer elektrischen Gitarre werden sie immer wieder beschrieben. Aufgrund der besessenen Arbeitsweise von Brice Omont und früher von Michel Grisard, für die das Adjektiv „kompromisslos“ ein Understatement darstellt, liest man immer wieder, dass diese Weine eher schon mittelfristig als langfristig den Olymp der gefragtesten Flascherl des Landes derkraxelt haben werden, wobei das dem Rudl weder notwendig noch wünschenswert erscheint.

 

2015

 

In einer Reihe von Jahrgängen, die sich nicht durch ein Übermaß an Empathie für Weinbäuerinnen und Weinbauern auszeichnen, fällt 2015 aus dem Rahmen. Ziemlich ideale Witterung, gesunde, Trauben, passable Menge.

 

2014

 

Davon gibt es weniger, was Caviste Rudolf zuerst dem Wetter in die Schuhe geschoben hätte. Aber in Saint Pierre de Soucy waren es die Schafe. Zum Glück war zu dem Zeitpunkt, als die den Zaun überwunden haben, nur der Chardonnay reif. Jetzt sind aber die Weine der Domaine des Ardoisières sowieso viel stärker vom Boden als von den Rebsorten geprägt. Darum kann es sein, dass man die etwas veränderten Rebsortenproportionen gar nicht so deutlich schmeckt. Zu wenig gibt es halt.

 

2013

 

Der kalte und niederschlagsreiche Winter hat den savoyardischen Rebsorten keine grauen Federn wachsen lassen. Auf den sind sie eingestellt. Auf einen furchtbarer Frühling wie 2013 nicht. Ein heißer Sommer bedeutet auch in Savoyen ein erhöhtes Hagelrisiko. Die Trauben, die im September das Handtuch immer noch nicht geworfen hatten, haben bei der Lese nicht durch Pünktlichkeit geglänzt, erwiesen sich in qualitativer Hinsicht aber als äußerst kompetent, ausgeglichen und gesund.

 

2009

 

In diesem Jahr ist der Rudl zum ersten Mal bei Brice Omont am Weingut gewesen, was kaum Spuren in den Weinen dieses Jahrgangs hinterlassen haben dürfte. Beim ersten Besuch vom Rudl war der Sitz des Weingutes noch in Cevins, direkt am Fuß des Felsnockens, auf dem ein Großteil der Weine der Domaine des Ardoisières wächst und der dem Weingut den Namen gegeben hat. „Ardoisières“ sind Schieferplatten. Weil sich Monsieur Brice verspätet hat, ist der Rudl damals zu den Schieferterrassen hinauf gekraxelt. Das war an sich imposant. Wenn man sich oben dann vergewissern kann, dass das tatsächlich der einzige Weingarten in der Umgebung ist, schmälert das die Beeindruckung nicht gerade. Im Jahr darauf hat Brice Omont den Sitz des Weingutes nach Freterive verlegt. Das liegt ungefähr auf halbem Weg zwischen seinen beiden Weingärten.

Den eeißen Zweitausendneunern aus Savoyen sagt man nicht die allergrößten Fähigkeiten auf der Langstrecke nach. Zu heiß der Sommer, zu wenig Säure die Weinderl. Auf einen mittelkalten Winter mit ausgesprägtem Weitblick, was die hohen Niederschläge betrifft, folgen ein sehr sonniger Frühling und ein heißer Sommer. Der Argile Blanc 2009 soll nach Auskunft des Dirigenten der Domaine des Ardoisières gerade sehr gut dastehen. Der Rudl hat ihn schon länger nicht mehr getrunken, wird die Einschätzung von Monsieur Brice aber anhand seiner letzten Flasche zu verifizieren trachten.

 

  • Argile Blanc 2015, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges (4,50/7)
  • Argile Blanc 2014, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges (4,50/7)
  • Argile Blanc 2013, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges (4,50/7)
  • Argile Blanc 2009, Domaine des Ardoisières, IGP Vin des Allobroges (5/8)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

, aber selbstverständlich nicht ausschließlich diese Weine gibt es glasweise

 

am Mittwoch, den 3. Mai von 16 bis 22 Uhr

und am Freitag, den 5. Mai von 18(!) bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Verzichtbares und Ganzbestimmtnichtverzichtbares. Ankündigung eins

 

Es gibt schon das eine oder andere, auf das der Rudl in Wien verzichten könnte, auf die Flexibilität zum Beispiel. Möglicherweise hat die ja mit dem Wind zu tun. Der bewirkt, dass ein Manterl oder ein Fahnderl und auch ein Beuterl schön flattert, wenn man es nach ihm hängt. Letzteres scheinen manche mit einer atemberaubenden Wendigkeit und Geschwindigkeit zu vermögen. Da fallen die biblischen Samenkörndel dann weder auf den Weg, noch auf Stein und auch nicht auf Erdreich, nicht einmal in die Dornen, sondern bleiben im wehenden Mantel hängen, bevor sie die Nähe zum Terroir auch nur gespürt haben. Ein solides Fundament stellt sich der Rudl anders vor. Aber wenn, vor allem in urbanen Kreisen, lange und intensiv genug Wertfreiheit propagiert, der Rudolf Polifka ist fast geneigt zu schreiben „gepredigt“ wird, dann braucht man sich vermutlich nicht zu wundern, dass irgendwann irgendwer in dieses Vakuum der Wertfreiheit hineinplatzt. In der Regel tun das geschäftstüchtige Konzerne und primitive Hetzer, das dann dafür aber nicht nur in urbanen Kreisen. Mit Unverbindlichkeit und Lifestyle wird man den hetzenden und trommelnden Wichten kaum das Wasser abgraben, vor allem nicht in der Schule. Den Rudl hat, wie schon das eine oder andere Mal erwähnt, Wertfreiheit noch nie interessiert, allein schon weil es sich auf der Basis von veritabler Wertfreiheit nicht gut streiten und disputieren lässt. Auf der Basis angemaßter Wertfreiheit wiederum mehr oder weniger nur fundamentalistisch. Darum wird man entgegen einer in Wien immer wieder artikulierten Prognose eben schon einen Richter brauchen, nicht zuletzt deshalb, weil das goldigste und wertneutralste Herz auch ziemlich hart sein kann. Dann hört sich der Spaß auf und mit dem Spaß ganz oft auch Humanismus, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nachdem Ihnen, gemeigte Oenologin, gewogener Oenologe, der Rudl jetzt des ziemlich Langen und Breiten eröffnet hat, worauf er unter anderem verzichten kann, ist es ihm jetzt ein Gebot der Ausgewogenheit, kundzutun, worauf er in Wien und Umgebung durchaus nicht verzichten möchte: den Heurigen „als solches“.

 

Der Heurige

 

Diese Konzept hat es dem Rudl angetan, in einem Ausmaß, dass er vielleicht nicht gleich lieber, aber zumindest doch faszinierter einen nicht so guten Wein beim Heurigen als einen formidablen zuhause trinkt. Und wenn es dann, wie bei Leo Uibel, der Dankbarkeit, an den Augustwochenenden beim Kloster am Spitz in Purbach und drei mal drei Tage im Jahr bei Friedrich Kuczera in Gumpoldskirchen möglich ist, einen guten Wein beim Heurigen zu trinken, dann kommt das am Gaumen vom Rudl schon einem veritablen gastronomischen Ideal nahe.

Der Heurige des Rentnerkollegen Friedrich Kuczera hat kommendes Wochenende, Freitag, den 5. Mai bis Sonntag, den 7. Mai ab 15 Uhr ausg’steckt, dann bis Anfang September nicht mehr. Da sind Planung und Verbindlichkeit von Vorteil. Sonst geht sich das womöglich gar nicht aus.

 

Der langen Schreibe kurze Begründung

 

Das ist der Grund, warum am Freitag, den 5. Mai die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils erst ab 18 Uhr geöffnet hat. Vorher hockt zu Rudl im Heurigen von Friedrich Kuczera, isst Karst-Teller und trinkt Zierfandler. Dann düst er mit der nach dem Spitznamen des Zierfandlers benannten Bahn nach Wien und sperrt um spätestens 18 Uhr sein Geschäft auf.

 

Vorschau auf die Lehrveranstaltung vom 10. und 12. Mai. Ankündigung zwei

 

Fremdes, wie es fremder kaum mehr geht, zumindest in oenolinguistischer Hinsicht. Irouléguy Blanc 2009 bis 2014, Arretxea und Ilarria.

In diesem Fall hat das Thema relativ ungewöhnlicher Weise sogar einen Sinn, no ja, zumindest ein ausreichendes Motiv. Am 6. Mai wird die zweite Ausgabe einer der wenigen erfreulichen Zeitschriften über Essen und Trinken erschienen sein. Diese nennt sich All you can eat. Nachdem sich die erste Ausgabe des Magazins dem Thema Fett gewidmet hat, wird die zweite Ausgabe mit dem Titel Fremd ziemlich sicher noch deutlicher nachvollziehbar machen, dass es so eine Zeitschrift bis jetzt nicht gegeben hat und das Ende dieses Mangels überaus erfreulich ist. All you can eat N° 2, Fremd – zu beziehen im gut sortierten Fachhandel und im Abonnement.

 

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

 

Herr Rudolf grüßt Sie verbindlichst!

Jetzt genau richtig! Trinkreife Weine aus den Jahrgängen 1959, 2003, 2004, 2010, 2013, 2014, 2015 und 2016

Gar nicht so selten hört man, dass ein Wein zu jung sei. Der Rudl hat manchmal den Eindruck, je lieber er einen Wein hat, desto eher kommt der ihm zu jung vor. Nicht immer, aber oft stimmt das auch. Und es ist auch gar nicht so erstaunlich. Ein seriöser Wein braucht Zeit. Die kann er im Fass am Weingut verbringen. Die kann er in der Flasche am Weingut verbringen. Die kann er in der Flasche im Keller vom Rudl verbringen. Und er kann sie in der Flasche beim Endverbraucher verbringen.

Der Rudl würde ja gerne alle Weine aufheben, bis sie die seines Erachtens ideale Reife haben. Aber das ist erstens eine ziemlich relative Angelegenheit, weil unterschiedliche Menschen ein und denselben Wein in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gerade als ideal trinkreif erachten können. Und es setzt platz- und mariemäßig einen ziemlichen Aufwand voraus. Darum ist das mit der gerade idealen Trinkreife bedauerlicherweise nicht immer möglich. Caviste Rudolf ist jetzt aber einmal sehenden geistigen Auges sein Sortiment abgeschritten und hat ein paar Weine herausgesucht, die jetzt genau passen. Die hat er dann durch ein, zwei Weine, die nicht zu seinem Sortiment gehören, ergänzt. Das ist das Thema dieser Woche.

1959 Rivesaltes, Mas de la Garrigue, AOC Rivesaltes, Roussillon

Bei seinem ersten Besuch in Banyuls 1996 ist der Rudl irgendwo auf diesen Wein aufmerksam geworden. Seinerzeit noch viele Jahre vor einem Internetzugang am Urlaubsort hat er trotzdem nicht lange gebraucht, um herauszufinden, wo dieser Wein herkommt. Und dann ist es nicht mehr weit zu einem Zwölferkarton gewesen.

Grenache, gespritet, trockener, karger Boden.

Kaffee, Tabak und Kakao. Getrocknete Früchte, Nuss und Mandel, Unterholz, Leder, Zimt und dezent oxydativ. Einen Wein zu beschreiben ist ja keine ganz einfache Sache. Ob es eine sinnvolle Sache ist, bleibt ziemlich umstritten. Aber dass sich bei diesem Wein die Primäraromen über die Häuser gehaut haben, das stellt der Rudl fest, ohne sich damit weit aus dem Fenster zu lehnen.

Die Kombination Wein und Schokolade hat der Rudl nie so richtig nachvollzogen. In diesem Fall wäre das vielleicht eine Possibilität.

2004 Muscadet, Michel Brégeon, Les Guisseaux, Gorges, AOC Muscadet, Loire

89 Monate hat dieser Patron in unterirdischen verfliesten Tanks seine Feinhefe ausgebrütet. Dann hat ihn Monsieur Brégeon Anfang 2012 gefüllt. Der Rudl kennt keinen Wein, der sur lieer war als dieser.

André-Michel Brégeon

Auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen, kommt der Rudl nicht darum herum, die Geschichte wieder einmal zu erzählen. Samstag viertel vor zwölf, nach zwei Wochen Dienstreise durch Frankreich und in einem plattelvollen, längst nicht mehr voll belastbaren Ford Focus: Kein idealer Zeitpunkt für einen Besuch bei einem Weinbauern, kein ideales Transportmittel für Wein und schon gar keine Ausgeglichenheit in der Stimmung der Madame auf dem Beifahrersitz. Trotzdem.

Scheu klopft Herr Rudolf an mehrere holzverschlagartige Türen. Hinter einer ertönt ein „Oui, entrez!“ und sitzt ein sehr gebückter Herr, der händisch und einzeln Etiketten auf seine Schaumweinflaschen klebt. Es folgt die ziemlich sicher kurioseste Verkostung, die der Rudl erlebt hat. Schaumwein, Gros Plant Nantais, Muscadet Sèvre et Maine sur lie, Muscadet Cru Gorges 2004, 64 Monate auf der Feinhefe, Muscadet 2002, 84 Monate sur lie und Cabernet Franc 2005. Erkläungen über die besonderen Beschaffenheiten der Böden, auf denen der Cru Gorges wächst, Küche, Keller und das Leben an sich geben den Weinen einen kongenialen Rahmen. Die hätte sich Monsieur Rudolf in einer derartigen Präzision nach allem, was er bis zu diesem Tag über Muscadet gelesen hat, nicht erwartet. Jean-François Raveneau, Ikone aus Chablis, soll es ähnlich gegangen sein. Am Rande einer Verkostung soll er Brégeon gefragt haben, warum seine Weine zweihundert Euro kosten und dessen Weine zwanzig. „Weil Du in Chablis bist und ich im Muscadet“, die Antwort von Brégeon.

2004 Breg Rosso, Joosko Gravner, IGT Venezia Giulia

100% Pignolo. Der Weine hätte auch zum Dreikampf zwischen Mondeuse, Tannat und Blaufränkisch gepasst. Über Josko Gravner muss man nicht so viel schreiben. Er redet ja auch nicht so viel.

2010 Hégoxuri, Domaine Arretxea, Irouléguy, Sud Ouest

Thérèse Riouspeyrous soll einmal ein Alter von etwa sieben Jahren als beginnende ideale Trinkreife ihres weißen Basken genannt haben, wobei das natürlich auch auf den Jahrgang ankommt. Wieder einmal hinein schauen.

2013 Rosé, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

Alltäglich ist es nicht, dass ein Dreizehner Rosé jetzt in Verkauf gebracht wird, so selten wie früher zum Glück aber auch nicht mehr. Mondeuse, Pinot Noir und Gamay.

2014 Gamay, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

Ein guter Rotwein kann auch vor einem guten Rosé trinkreif sein. Ein guter.

2015 Grüner Veltliner Vollmond, Leo Uibel, Ziersdorf, Weinviertel West

Sollte jetzt gut passen. Für die Geduldigen hat Leo Uibel fünf andere Veltliner.

2016 Sauvignon Blanc, Biohof Heideboden, Pamhagen, Neusiedlersee

Ein junger Wein, kein Jungwein.

Giac‘ Bulles, Domaine Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie

Pétillant Naturel aus Jacquère

Les Perles du Mont Blanc, Dominique Belluard, Ayse, AOP Vin des Savoie

Méthode Traditionelle, die zum Mont Blanc hinauf schaut.

sowie ein hier nicht namentlich genannter Wein

Die folgenden Weine …

  • Pirat (4/6)
  • Les Perles du Mont Blanc, Dominique Belluard, Ayse, AOP Vin des Savoie (4/6)
  • Giac‘ Bulles, Domaine Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (3/5)
  • 2016 Sauvignon Blanc, Biohof Heideboden, Pamhagen, Neusiedlersee (2/3)
  • 2015 Grüner Veltliner Vollmond, Leo Uibel, Ziersdorf, Weinviertel West (2,50/4)
  • 2014 Gamay, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (3/5)
  • 2013 Rosé, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2/3)
  • 2010 Hégoxuri, Domaine Arretxea, Irouléguy, Sud Ouest (6/9)
  • 2004 Breg Rosso. Gravner, IGP? Venezia Giul? (17/26)
  • 2004 Muscadet, Michel Brégeon, Clisson, Gorges, AOC Muscadet, Loire (5/8)
  • 1959 Rivesaltes, Mas de la Garrigue, AOC Rivesaltes, Roussillon (10/-)

(in Klammern zuerst der Preis für das Sechzehntel, dann der für das Achtel)

aber nicht ausschließlich diese gibt es glasweise

am Mittwoch, den 26. April und am Freitag, den 28. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die nächste Woche

Der Rudl überlegt noch

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt diese Mal die Reifen noch eine Spur mehr als die Unreifen!

10 Jahre danach. Weinjahrgang 2007 am Schlossberg, in Sancerre, Chablis, Meursault, Gedersdorf, Savoyen, dem Jura und dem Burgenland & ein 1997er

Achtunddreißig

1993 ist dem Rudl die Idee gekommen, dass es interessant sein könnte, reife Weine zu trinken. Es gibt Orte auf den Weinlandkarten dieser Welt, wo das naheliegender ist als in Poysdorf. Der Rudl wurde in einer Verkaufsstelle der niederösterreichischen Winzergenossenschaft in Poysdorf auf Altweine aufmerksam, konkret auf einen Poysdorfer Saurüssel 1979. An dem hat er nicht vorbei können. Er wollte es auch nicht. Und dieser Saurüssel 1979 hat ihm damals ganz besonders gut geschmeckt. Die Frage, ob das heute noch so wäre, ist unsinnig. Der Neunundsiebziger Saurüssel wäre heute nicht fünfzehn Jahre alt, sondern achtunddreißig und hätte sich entsprechend verändert, gerade so wie der Rudl und sein Geschmack das getan haben. Ein heute fünfzehn Jahre alter Saurüssel wiederum ist 2002 nicht gekeltert worden. Da haben sie vorher den Saurüssel dermaßen in den Keller gefahren gehabt, dass es ihn 2002 nicht mehr gegeben hat. Ursprünglich wurde der Saurüssel in der Poysdorfer Riede Saurüsseln gelesen, dann bald einmal irgendwo in und um Poysdorf. Das „Um“ haben sie dann immer freier interpretiert, bis knapp vor der Jahrtausendwende ein Großteil der Trauben für den Saurüssel nicht mehr in Österreich gewachsen sind. Das muss nicht gleich ein Nachteil sein. Im Fall vom Saurüssel ist es aber einer gewesen. Das Nichtsogenaunehmen hat sich nicht auf das Anbaugebiet für die Trauben beschränkt und das Ergebnis war kaum mehr zu trinken. Aus und Ende. Vorläufig und für zehn Jahre. Mit dem Jahrgang 2010 haben dann ein paar Winzer die Rechte für die Marke Saurüssel gekauft. Als der Rudl das mitgekriegt hat, war er zuerst einmal ziemlich begeistert. Das Etikett der angeblich wiederbelebten Legende hat seine Begeisterung dann schon limitiert. Und beim Trinken des Weines war dann schon eine ziemliche mentale Kraftanstrengung zum Bekämpfen der Enttäuschung notwendig. Mit dem Saurüssel, wie der Rudl ihn seinerzeit kennengelernt hatte, war das kaum mehr zu identifizieren, vom Stil her nicht und von den Heferln her noch viel, viel weniger.

Was ist alt?

Herr Rudolf hat damals in weiterer Folge zahllose andere Altweine erstanden, ja er hat Winzer regelrecht sekkiert, mit seinen Fragen danach. Kriterium für einen Altwein war dem Rudl damals die Zweistelligkeit in der Altersangabe. 1983 hat er gerade noch als Altwein durchgehen lassen, 1986 nicht mehr. Und ganz hat er sich von dieser Klassifizierung heute noch nicht lösen können. Um einen Wein, der nach 1983 gewachsen ist, als alt betrachten zu können, muss er seine kognitive Instanz dazwischen schalten. Gefühlsmäßig ist für den Rudl heute ein Sechsundachtziger noch jung. Noch kognitiver könnte man heute nach der Rudlklassifizierung vom Beginn seines Altweininteresses bereits Zweitausendsiebener als Altweine betrachten. Die sind jetzt so alt wie die Dreiundachtziger vor vierundzwanzig Jahren.

Etikettentrinker

Caviste Rudolf ist schon klar, dass von den europäischen 2007ern um diese Jahreszeit vor zehn Jahren noch nicht einmal die Rede sein können hat. Manches, was im April 2007 ungewöhnlich weit war, hat gar nicht gewusst, dass es nie zu einem Wein werden würde, weil es zwei Monate später von Hagel zerstört werden sollte. Aber dem Etikett nach feiern die 2007er heute ein rundes Jubiläum. Und einem Etikettentrinker wie dem Rudl, der diese Tatsache selbstverständlich nie zugeben würde, ist das ein ausreichendes Motiv, diese Woche glasweise Weine des Jahrgangs 2007 zu kredenzen, teilweise Weine, von denen er die Ehre hat, spätere Jahrgänge Mitglieder seines Sortiments zu nennen. In einem Fall sogar einen Wein, den er aktuell vertreibt.

2007 in Österreichs

Der Zweitausendsiebener gilt in Österreich als hervorragender Jahrgang, in der Steiermark als Jahrhundertjahrgang, weniger Gradation und mehr Säure als der Vorgängerjahrgang, passable Menge.

Mild und wenig Schnee im Winter, kurz ein bissl eine Reminiszenz an die Winterheit „als solches“ im März, von der sich die Weingärten aber mäßig beeindrucken lassen haben. Früher Austrieb, fast schon Rekordwärme im April, Mai und Juni prolongieren das fast schon kitschig wachstumsfördernde Wetter, abgesehen von Spätfrost am 2. Mai. Der Junihagel im Kremstal ist eh schon ein Topos, der in der Thermenregion und am Leithagebirge nicht. Am Beginn der zweiten Julihälfte Rekordhitze. Dass es Anfang August 2013 noch heißer wird, hat der Sommer Zweitausendsieben nicht wissen können. Im August hat sich das Wetter dann wieder erfangen. September dann etwas kühler. Die mancherorts erhoffte verfrühte Lese, allerdings ohne die mancherorts erhoffte überhöhte Gradation. Der Grund, warum der Jahrgang gerade in der Steiermark besonders gut ausgefallen ist, könnte der Regen im September sein. Der hat in der Steiermark nämlich nicht stattgefunden.

So oder so, der Oktober war dann ziemlich ideal, untertags trocken und warm, morgendlich und nächtlich trocken und frisch. Nicht die allerungünstigsten Konditionen für eine konvenierende Aromatik, wenn es nach dem Rudl seinem Geschmack geht. Der vergleichsweise geringere Ertrag ist auf den überproportional hohen Anteil an Prädikatsweinen zurückzuführen.

Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland

Auch in Niederösterreich war man mit dem Jahrgang sehr zufrieden bis darüber begeistert. Trotz eines alles in allem warmen Sommers hat es weder Trockenschäden noch überhöhte Gradationen gegeben. Die Säurewerte waren gut, die Menge, vor allem dort, wo kein Hagelschaden zu verzeichnen war, auch, die Haltbarkeit wird als ebensolche eingeschätzt.

 

Grüner Veltliner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Für das Burgenland hat die Lage ähnlich ausgeschaut.

 

Viognier 2007, Schönberger, Mörbisch, Weinland

2007 in Savoyen 

So viele Regionen waren es in Frankreich nicht, die mit dem Jahrgang 2007 ihre ungetrübte Freude gehabt haben. Savoyen schon, trotz eines frühlingshaften Winters, der sich in den Weinbaugebieten von einer frostresistenten Seite gezeigt hat. Analog sommerlich war der Frühling, nur dass es immer wieder ordentlich herunter gewaschelt hat. Vielen Rebsorten hätte das zahlreichere schlaflose Nächte bereitet. Jacquère und Altesse zumindest nicht so viele.

 

Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Roussette de Savoie

 

2007 in Meursault und Chablis

 

In beiden Appellation gilt 2007 als „grand millésime“. Das freut den Rudl insofern, als er 2009 eine längere Studienreise durch Frankreich unternommen hat. Im Zuge dieser ist er mit dem Radl der Côte de Beaune entlang gefahren.

Der Beginn des Jahres war auch in der Burgund „zu früh“. Die Mitte des Sommers hat sich dann hinsichtlich der Dichotomien heiß – kühl und trocken – feucht für ein Yoyo gehalten. Das Jahr hat dann bis September gebraucht, um sich unmissverständlich auf die Seite der Sonne und des Trockenen zu schlagen. Dann sind auch noch kühle Winde aus dem Norden gekommen. Viel mehr trauen sich Weinbauern und Weingärten dort eh nicht zu verlangen.

 

Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne

 

Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne

2007 im Jura

 

vor allem bei den weißen Rebsorten massive Ernteausfälle

 

Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura

 

2007 im Muscadet

 

ausgewogene, klare Weine

 

Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseaux, Gorges, Loire

 

2007 in Sancerre

 

Wie fast überall in Frankreich viel Niederschlag, aber überdurchschnittliche hohe Temperaturen von April bis Juni. Dann kommt ein kapriziöser Sommer, für den die Winzer ab Ende August mit Wind, Trockenheit und Sonne entschädigt werden. Präzise Sauvignons mit solider Säure und bemerkenswerten Lebenserwartungen.

 

Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire

 

20 Jahre danach

 

Eine extreme Kälteperiode zwischen Weihnachten und Neujahr, mit minus dreißig Grad. Der Rudl hat selbige seinerzeit genutzt, um mit einem Opel Corsa ohne vollfunktionstüchtige Heizung von Salzburg über die Wachau, das westliche, östliche und südöstliche Weinviertel nach Wien zu fahren. Dabei ist in ihm der Entschluss gereift, den Mittelpunkt seiner Lebensinteressen von Salzburg in die Bundeshauptstadt zu verlagern. Manchmal fragt er sich heute, warum es ihm die Bundeshauptstadt nicht vice versa gleichgetan hat. Aber bitte, man kann in so eine Bundeshauptstadt nicht hineinschauen. Dazu müsste man schon in deren Schuhe schlüpfen können. Aber das ist selbst für den Rudl nicht möglich. Und der lässt sich von der seiner Wahrnehmung nach wienerischsten aller amtlichen und halbamtlichen Phrasen, derzufolge etwas vor allem einmal „ned geht“, nicht so schnell in seiner Motivation irritieren.

Der Zapfen am Beginn des Jahres hat 1997 auf alle Fälle einmal zu einem deutlich verspäteten Dienstantritt der Vegetation geführt. Dann hat es im Juli viel geregnet und alles hat schon ein bissl an den Vorgängerjahrgang erinnert. Aber dann hat es bis Ende Oktober im Osten gefühlt überhaupt nicht mehr geregnet. Das waren dem Rudl seine ersten drei Monate in Wien. Und wenn man achtundzwanzig Jahre an die Niederschlagswerte in Salzburg assimiliert ist, bleibt man davon nicht ganz unbeeindruckt.

Dem Weinjahrgang 1997 dürfte der trockene, sonnige Spätsommer und Frühherbst auch gefallen haben. Er gilt in der Kategorie der trockenen Weißweine zu den Spitzenjahrgängen. Sehr sorteinreine, klare Weiße, die aus viel gesunden Trauben resultierten.

 

Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Diese Weine …

  • Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseau, Gorges, Loire (3/5)
  • Grüner Veltiner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (5/8)
  • Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne (4,50/7)
  • Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire (12/18)
  • Viognier 2007, Weingut Schönberger, Mörbisch, Neusiedlersee Hügelland (7/11)
  • Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland (6/9)
  • Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne (6/9)
  • Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (7/11)
  • Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aigmavigne, AOC Roussette de Savoie (4,50/7)

  • Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura (8/12)

(in Klammern zuerst der Preis für das Sechzehntel, dann der für das Achtel)

aber nicht ausschließlich diese gibt es glasweise

am Mittwoch, den 19. April und am Freitag, den 21. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die nächste Woche

aller Voraussicht nach Weine, die jetzt genau richtig sind

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt die Reifen gerade so als wie die Unreifen!

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

Ei! Jacquère. Ein Osternestsuchwein par excellence, aber nicht nur

Der Gefahr, Sie mit nicht ganz sentimentalitätsfreien Zeilen zu strapazieren, ins Auge blickend muss der Rudl für dieses Semester ein letztes Mal ein paar Worte über den Frühling in die Tastatur seines mobilen Nicht-Endgerätes nageln. Sollten Ihnen die Überlegungen rund um das Wetter im Wandel der Zeiten auf den Zeiger gehen, könnten Sie ein paar Zeilen überspringen und bei der Zwischenüberschrift „Sauvignonsubstitut“ weiter lesen.

Dort, wo Monsieur Rudolf vor gut vierzig Jahren aufgewachsen ist, dort war damals noch dieser Winter. Der hat dort irgendwann Ende November oder Anfang Dezember eine unterschiedlich dicke, aber ziemlich lückenlose Decke über die Wiesen und Wälder gezogen. Das war an sich schon eine aufregende Sache. Eine Spur aufregender war es für den Rudl dann immer, wenn Ende Februar oder Anfang März die Sonne den Blick auf bis dahin drei Monate lang verborgene Plätze, Pflanzen und Utensilien freigelegt hat. Die hat man gut und klar in Erinnerung gehabt. Die nicht gerade spärliche Freizeit war damals dort kaum anders zu verbringen, als in Bachbetten herum zu graben oder irgendwo im Freien herumzurennen,  zu kraxeln oder zu hängen und auf Veränderungen zu warten, von denen man sowieso gespürt hat, dass sie sich nicht einstellen würden, zumindest nicht vor Godot. Eine verwelkte Krenstaude, ein Holzbrettl oder vielleicht sogar ein fast vergessenes Spielzeug nach Monaten wieder zu sehen war zumindest interessant. Der Rudl kann sich sogar an eine Zehner-Münze erinnern, die er im Winter im Schnee verloren hatte und Wochen später nach der Schneeschmelze wieder in sein Geldtaschl integriert hat.

Drum wird es den Herrn Rudolf stets begeistern, wenn nach einem Winter die Vegetation den Dienst wieder antritt. Seine Begeisterung wird immer mit einem Anflug kindlicher Freude einher gehen und diese Freude wird immer in einem Schokoladeosterhasen in einer bunten Staniolpanier unter einem Strauch seinen schwer überbietbaren Höhepunkt erblicken. Sentimentale Verklärung hin oder her, aber so schaut es halt einmal aus.

 

Weinsubstitut

 

Schokoladeosterhasenmäßig ist der Rudl mittlerweile vom Bekommer eines solchen zum fast noch begeisterteren Verstecker geworden. Einer konsumierbaren Vergegenständlichung des anbrechenden Frühlings wollte er deshalb aber nicht gleich entraten. So ist Wein der Rebsorte Sauvignon Blanc zur Entsprechung des Osthasen in Staniolpanier geworden. Das hat der Rudl an dieser Stelle des ziemlich Langen und Breiten letzte Woche entfaltet. Dass vielen Sauvignons dann irgendwann die Schuhe des Schokoladeosterhasen um ein paar Nummern zu groß geworden sind, ist sicher nicht auf die Schuhe des Osterhasen zurückzuführen. Vielleicht haben sich die Sauvignons auch nur zu sehr dem Zeug, das sonst in Osternestern herum liegt, assimiliert.

 

Sauvignonsubstitut

 

Wie vor gut zwanzig Jahren Sauvignon Blanc die Agenden des Schokoladeosterhasen übernehmen musste, hat sie ihm Jacquère beim ersten längeren Savoyenaufenthalt des Rudl wieder abgenommen. Heute sprießen Schlüsselblumen, Obstbaumblüten und Löwenzahn vor dem geisten Auge des Rudl aus einem Weinglas mit Jacquère. Und dieser Aufgabe kommt Jacquère mit Kompetenz und Verlässlichkeit nach. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sich Caviste Rudolf dieser Rebsorte nicht in der Breite, sondern vom oberen Ende des Qualitätsspektrums genähert hat, was bei Jacquère um ein paar Häuser kostengünstiger ist als bei Sauvignon Blanc.

 

Jacquère „als Solches“

 

Etliches von dem, wovon Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, Schulmeister Rudolf im Folgenden in Kenntnis setzt, hat er so oder so ähnlich irgendwann schon einmal anlässlich des Themas „Weine mit weniger als zwölf Percent Alkohol“ zum Besten gegeben. Da sind damals naturgemäß eine ganze Reihe Jacquères mit von der Partie gewesen. Und von den sieben Jacquères, die Caviste Rudolf diese Woche offen zur Ausschank bringt, weist ein einziger mehr als elf Percent Alkohol auf.

 

Accorde

 

Wahrscheinlich zu oft endet Jacquère als Fonduebegleiter in den einschlägigen Skigebieten, als Winterwein, um nicht zu schreiben als Aprèsskiwein. Caviste Rudolf findet die Koalition mit dem Fondue säuretechnisch nicht ganz unpassend, ein bissl ideenlos aber schon. Kann man von einem Fondue nicht sowieso fast jeden Wein erschlagen lassen? So wie viele angeblich kongeniale Wildbegleiter gelegentlich auf ihren hohen Alkoholwert oder die Röstaromen in ihrem Fassl reduziert werden, läuft Jacquère neben dem Fondue Gefahr, zum Säureaufputz zu verkommen. Das ist schade und ein bissl vergleichbar mit einem Schulmeister – heute heißt man das „Lehrkraft“ und kaum eine solche scheint das zu stören,  was wiederum dem Rudl die Frage nach der Beschaffenheit dieser „Kraft“ stellt -, der einen Schüler für dessen gesamte Schullaufbahn als Witzbold behandelt, nur weil der in der allerersten Stunde irgendeine mehr oder weniger lustige Bemerkung von sich gegeben hat.

Der kulinarische Deckel für den Topf einer gelungenen Jacquère, sofern man einen Wein als Topf bezeichnen kann, ist wahrscheinlich die Bachforelle. Das dezente Prickeln, der niedrige Alkohol, das kongeniale Zusammenspiel von Frische, Leichtigkeit und appetitanregendem Temperament der Jacquère erinnern den Rudl an einen Gebirgsbach während der Schneeschmelze. Wenn er bei vielen Weinen aus dem Elsass an den Rhein denkt, dann symbolisieren savoyardische den Zubringer eines Zubringers der Isère. Einem wie dem Rudl, der quasi neben, beziehungsweise in Wald- und Wiesenbächen seine Kindheit verbracht hat, der Donau aber erst im stolzen Alter von vierzehn gewahr wurde, stehen kleine Gebirgsbäche und Wasserfälle und ihre korrelierenden Weine vielleicht näher. Der ist mit der Bachforelle quasi per Du wie der Cagney mit seiner Limousin.

Quidquid id est, Frische, Lebendigkeit und Bekömmlichkeit der Jacquère schreiben förmlich nach einer Essensbegleitung. Darum nützt der Rudl wieder einmal die Gelegenheit, Sie daran zu erinnern, dass es ausdrücklich erwünscht ist, wenn Sie sich selber etwas zum Essen in die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils mitbringen, ob das jetzt eine Bachforelle, eine Stelze – Monsieur Rudolf kocht die mit Heu und Chartreusekräutern – oder etwas ganz anderes ist. Wenn Sie sich etwas mitbringen, wird Ihnen der Rudl das mitgebrachte Papperl durch ein nach Möglichkeit von ihm selber höchst eigenhändig gefärbtes Bio-Osterei upgraden. Bringen Sie sich nichts mit, kriegen Sie ein solches Bio-Osterei selbstverständlich auch.

 

Crus

 

In und um drei Orte darf Jacquère einen Cru-Status beanspruchen, Abymes, Apremont und Chignin, alle drei im Combe de Savoie. Das Projekt, die gelungenen Exemplare dieser Crus im gereiften Stadium zu vergleichen, hat der Rudl nicht aufgegeben. Bis jetzt scheitert es daran, dass die Giachinos ihren Abymes nicht mehr machen und Caviste Rudolf noch keinen anderen passablen gefunden hat.

 

Jacquère ist nicht Jacquère ist nicht Jacquère ist nicht Jacquère

 

Es gibt Jacquères, denen das Glühweingewürzsackerl quasi als Schicksal in die Wiege gehängt worden zu sein scheint.

Es gibt auch Jacquères, die ausgesprochen ambitioniert, vor allem bodenspezifisch ausgebaut, aber mit einem synthetischen Korkimitator zugestoppselt werden. Ein Jammer.

Dann gibt es Jacquères von den Pétavins, einer Vereinigung biologisch und biodynamisch arbeitender Weinbauern aus Savoyen.

Und dann gibt es Jacquères von den Gebrüdern Giachino, denen das Ausloten der Möglichkeiten dieser Rebsorte eine Herzensangelegenheit ist.  Knapp mehr als tausend Hektar sind in Savoyen mit Jacquère bestockt. Mehr oder weniger handelt es sich bei diesen tausend Hektar um die weltweite Fläche an Jacquèreweingärten. Ganz präzise hat sie ihren Ursprung, soweit man das rekonstruieren kann, in Abymes de Myans. Das liegt am nordöstlichen Rand des Chartreusegebirges.

Die dicken Beerenschalen erlauben eine für die steinigen und kalkreichen Weingärten am Fuß der Alpen späte Reife und schützen die engbeerigen Trauben vor Oïdium und Meltau.

Die leicht ovalen Beeren sind durchschnittlich groß. Sind sie sehr reif, werden sie rötlich. Eine „schmeckate Rebsorte“ ist etwas anderes. Diesbezüglich hat Jacquère mit Muscadet viel mehr gemeinsam als mit Muskateller.

Als Wein ist Jacquère mit „weißgold“ farblich überhaupt nicht gut getroffen. Trotzdem liest man das immer wieder. Aber Farbzuschreibungen müssen bei Wein sowieso von Farbenblinden geschrieben werden. Den Verdacht hat zumindest der Rudl. In der Nase erinnert er an vieles, was im Frühling blüht. Dem Rudl seinem Geschmack nach stehen Alpenkräuter, Grapefruit, Bergamotte, Wacholder und aneinander geriebener Feuerstein im Vordergrund, Letzteres aber nur für den Fall, dass die Jacquère auf kargem Boden steht und im Ertrag eingebremst wird, im Idealfall vom Alter der Reben und einer hohen Konzentration an Steinderln im Boden. Ungebremst und auf fetten Böden neigt sie quantitativ zu Übertreibungen, was ihr eine schlechte Nachred und den Weinen einen blassen Charakter einträgt. Manchmal sollen Mandeln, Haselnüsse und Lindenblüten dazukommen, wenngleich nie so intensiv wie bei ihrer autochthonen Kollegin Altesse.

Wenn man die Auflistungen der alternativen Namen für „Jacquère“ auf Wikipedia liest, könnte man glatt den Eindruck gewinnen, dass da eh jeder sagen kann, wie er will. In der Gemeinde Roussillon etwa heißen sie die Jacquère Coufe-Chien. In Conflans gibt es zwar keine Weingärten mehr, aber auch eine lokale Sonderbezeichnung: Robinet. Das bedeutet Wasserhahn und könnte auf die Ertragsfreudigkeit anspielen. Bezeichnungen wie Altesse de Saint-Chef oder Roussette sind dann fast schon als Frotzelei oder Urheberrechtsverletzungen zu betrachten, aber bitte.

 

Jacques Maillet …

 

… ist ein Original. Um das zu bemerken, muss man ihm nicht besonders lange zuhören. Ein Schnurrbart als Lebenshaltung. Wenn Passionierte vom Weinforum La Passion du Vin Recht haben, kann man der Jacquère von Jacques Maillet Pouilly-Fumés von Dagueneau an die Seite stellen, ohne dass erstere schlecht dasteht.

Seine Art, Wein zu machen, nennt Jacques Maillet Ni-Ni-Ni. Das ist kein Zitat aus einem genialen Film der Monty Pythons über die Artussage, sondern heißt vielmehr „Weder-noch-und schon gar nicht“. Gemeint ist, dass Jacques seine Weine in keiner Weise anreichert, nicht filtriert und auch nicht schönt, wenn irgendwie möglich auch nicht oder nur ganz minimalistisch schwefelt.

Am übereifrigen Ertrag müssen die Jacquère-Reben von Jacques Maillet nicht gehindert werden. Dazu sind sie zu alt und zu konsequent selektioniert.

Jacquère, Mondeuse und Altesse stehen im Weingarten „Cellier des Pauvres“. Der ist süd-westlich ausgerichtet und weist eine Steigung von zwanzig bis fünfzig Percent auf. Er schaut aus mehr oder weniger dreihundert Metern Meereshöhe auf die Rhône hinunter. Wein aus dem Rhônetal, aber nicht aus der Weinbauregion Rhône, dazu ist das noch zu weit am Oberlauf des gleichnamigen Baches.

Der pickelharte Sandstein und das Geröll aus Ton und Kalk sind charakteristisch für die Chautagen, eine Rotweinenklave in der Weinbauregion Savoien. Mittlerweile quittiert Monsieur Jacques es mit einem milden Lächeln, wenn der Rudl in privater Mission bei ihm trotzdem immer Weißwein kauft. Und der Rudl hat es inzwischen auch kapiert, dass die Mondeuse von Jacques Maillet ein beachtenswerter Wein ist.

Die Chautagen, aber das hat Monsieur Polifka auch schon mitgeteilt, wird „Provence de Savoie“ genannt. Olivenbäume und ein paar andere Pflanzerl deuten darauf hin, dass es sich dabei nicht um Angeberei des örtlichen Tourismusverbandes handelt.

 

David und Fréd Giachino

 

Monsieur Jacques Kollegen, die Gebrüder Giachino haben die Jacquère auf die Spitze getrieben. Außer Weinbeißer machen sie fast alles aus Jacquère, lagentechnisch und weinstiltechnisch. Den Cru Apremont, den Monfarina, den rustikal ursprünglichen Primitif mit 9,2 Prozent Alkohol, einen dezent auf der Maische vergorenen Marius et Simone, einen Schaumwein nach der Méthode Traditionelle und einen Pétillant Naturel Giac‘ Bulles als Giachinos Antwort auf das koffeinhältige Blechdosengetränk.

Die Revue du Vin de France hofft, dass mehr Weinbauern in der Region dem Beispiel der Giachinos folgen und bedauert, dass die Weine der Giachinos schnell ausverkauft sind.

Die Reben stehen auf der Geröllhalde eines Felssturzes unter dem Mont Granier, dem nördlichen Ende des Chartreusemassivs. Auch sie muss niemand bremsen.

 

Monfarina 2015, Giachino

 

Kalk und Mergel am Fuß des Mont Granier. Seit neuem gesellen sich etwas Mondeuse Blanche und Verdesse zu Madame Jacquère.

 

Apremont 2015, Giachino

 

Jacquèrerebstöcke an den Ufern des Lac de Saint André, wobei Lac hier schon ein bissl dick aufgetragen scheint. Der Wienerberger Teich dürfte größer sein. Dass rund um den Lac de Saint André die größten Felsblöcke des Felssturzes von 1248 herumliegen, ist dagegen nicht dick aufgetragen. Die sind schätzungsweise am weitesten herunter gekugelt. Dazwischen wächst der Apremont von Giachino.

Offengestanden hat sich Caviste Rudolf immer schwer getan, den Unterschied zwischen Monfarina und Apremont von Giachino zu beschreiben. Darum hat er quasi als Recherchearbeit für die Lehrveranstaltung dieser Woche jeweils ein Flascherl mit nach Hause genommen, kostet jetzt seit dem Öffnen am Samstag daran herum und nötigt sein engeres soziales Umfeld, es ihm gleich zu tun. Die Unterschiede präzise beschreiben kann er immer noch nicht. Vielleicht ist Monfarina etwas bitterer, karger und steiniger und der Apremont eine Spur offener, mit einem sehr dezenten Hinweis auf Ananas und Hollerblüten, aber allenfalls sehr dezent.

 

Primitif 2010, Giachino

 

Sehr früh gelesen. So könnte Wein aus Savoyen geschmeckt haben, bevor Oenologie in den Kellern Einzug gehalten hat. Neun Percent Alkohol, den Giachinos zufolge mit Affinität zum Biss in eine Traube, dem Rudl zufolge mit einer zum Verjus. Spontanvergoren, drei Monate auf der Feinhefe, fast virtuos kaschierter Säureabbau, sowieso auch keine Zutaten. Den Trinkhorizont geben die Giachinos auf ihrer Homepage mit 1 bis 100 Jahren an. Ausverkauft ist der Wein bei ihnen immer schon früher.

Zu trinken mehr oder weniger wie kristallines Quellwasser mit viel Zitronenzesten. Da fällt dem Rudl die letzte Kottan-Folge „Mabuse kehrt zurück“ ein …

 

Marius & Simone 2015, Giachino

 

Eine Hommage an die Großeltern der Giachinos. Er, der alte Giachino soll begeistert ein Glasl getrunken und sie, die alte Giachino, ebenso begeistert darüber geschimpft haben.

Zwei Tage Vorgärung, dann zwanzig auf der Maische, vom Tank ins Fass, zehn Monate auf der Feinhefe, minimale Schwefelzugabe von einem Gramm pro Hektoliter, das aber auch erst bei der Füllung.

Zum bereits Erwähnten kommen Mandel- und Haselnussanklänge.

 

Apremont „Lisa“ 2015, Jean Masson et Fils, Apremont, AOP Vin de Savoie

 

Was Jacquère des Cru Apremont betrifft, ist ziemlich sicher niemand so verrückt wie Jean Masson. Auf neun Hektar erntet er Trauben für zehn verschiedene Apremonts, teilweise von hundert Jahre alten Rebstöcken. Man ist stolz, Wein aus Trauben zu machen, ohne Tralala, ohne Holzfässer und ohne Zertifizierungen. Bedauerlicherweise heute auch ohne Naturkork. Die Kraft, die diese Weine mit Flaschenreife entwickeln, kann man am Weingut verkosten oder in ganz wenigen Vinotheken ziemlich teuer kaufen. Die synthetischen Stoppeln werden, fürchtet der Rudl, eine Beschreibung des Potentials aktueller Jahrgänge nur im Konjunktiv zulassen. Dem Zweitausendfünfzehner sollte das Korkimitat jetzt noch nicht allzu sehr zugesetzt haben.

 

Jacquère 2014, Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2,50/4)

Jacquère 2015, Jacques Maillet, Chautagne, AOP Vin de Savoie (4/6)

Primitif 2010, Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie (2,50/4)

Monfarina 2015, Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (2,50/4)

Apremont 2015, Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (3/5)

Marius & Simone 2015, Giachino, Chapareillan, Vin de France (4/6)

Apremont „Lisa“ 2015, Jean Masson & Fils, AOP Vin de Savoie (4/6)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

…, selbstverständlich nicht ausschließlich diese sieben Weine gibt es glasweise

 

am Mittwoch, den 5. April und am Freitag, den 7. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Vorschau

In der Karwoche ist der Rudl auf Dienst- und Studienreise. Da bleibt die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils geschlossen.

19. und 21. April: Jahrgang 2007 – zehn Jahre danach

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt fast alles, was blüht!

 

 

Sauvignon vom Opok, Maria und Sepp Muster. Eine vertikale Offenbarung von Rebsorte, Stein und Zeit

Vorlieben und Rebsorten im Wandel der Zeiten

 

Es hat eine Zeit gegeben, da hat der Rudl überall zuerst einmal einen Sauvignon Blanc gekauft oder getrunken. Das war seine deklarierte Lieblingsrebsorte. Und das war vor zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, auf alle Fälle bevor der Rudl gewusst hat, dass Altesse nicht nur ein Hoheitstitel und Manseng keine Reinigungskraft mit iberischen Wurzeln ist.

 

Exkurs

 

Liebend gerne würde Schulmeister Rudolf jetzt über ein paar Seiten entfalten, dass seines Erachtens vermutlich als Aufwertung erdachte Termini wie „Reinigungskraft“ in Wirklichkeit viel beleidigender sind als Wörter wie „Putzfrau“. Aber das würde den gesprengten Rahmen atomisieren.

 

Seismograph Sauvignon

 

Heute kauft und trinkt der Rudl immer noch zuerst einmal den Sauvignon Blanc. Wenn der plaisiert, rechnet Herr Rudolf hoch, dass er bei diesem Weinbauern jeden Wein kaufen kann. Wenn der nach Gummibären schmeckt, geht er davon aus, dass er sein oenologisches Glück dort eher nicht finden wird. Damit ist er immer ganz gut gefahren. Sauvignon Blanc ist für den Rudl eine Art Seismograph im Sortiment eines Weinbauern und längst nicht mehr Lieblingsrebsorte. Dankbar ist er dem Sauvignon aber schon noch.

 

Zurück zu Sauvignon Blanc. Entfremdungen und Ursachen

 

Caviste Rudolf sieht im Prinzip drei mögliche Gründe für das Abhandenkommen seiner Begeisterung für die Rebsorte Sauvignon Blanc im Allgemeinen: Es können sich viele Sauvignon Blancs verändert haben. Es kann sich auch dem Rudl sein Geschmack verändert haben. Ganz ausschließen möchte es Monsieur Polifka auch nicht, dass beides der Fall war. Es ist, wie es ist. Ein verlässlicher Seismographen im Weinangebot eines Winzers ist für Herrn Rudolf aber keine zu unterschätzende Sache.

 

Welt- und Staatsmeister

 

Und in Bezug auf bestimmte Sauvignon Blancs hat sich an der Begeisterung, die ihnen der Rudl entgegenbringt, nichts geändert. Der Sancerre Clos la Néore von Edmond Vatan zählt ganz sicher zu den besten fünf Weinen, die der Rudl jemals getrunken hat. Und für das Aufmerksammachen auf diesen Wein ist er dem Herrn Grafen aus der Erne-Seder-Gasse sakrisch dankbar. Österreichischer Staatsmeister unter den Sauvignonen ist für Herrn Rudolf der Sauvignon vom Opok von Maria und Sepp Muster. Und das jetzt auch schon seit dem Jahrgang 2006, damals noch ohne „vom Opok“ im Namen. Ganz so weit zurück kann er diesen Wein bedauerlicherweise nicht kredenzen, aber eine lückenlose Vertikale von 2009 bis 2014 geht sich aus.

 

Sauvignon vom Opok, Maria und Sepp Muster, Schlossberg

 

Opok ist ein lokaler Ausdruck für Kalkmergel. Der Sauvignon vom Opok wächst am unteren Drittel der steilen Weinhänge von Maria und Sepp Muster.

Anzumerken, dass ein Wein von Sepp Muster nicht filtriert und erst recht nicht von irgendwelchen Zusätzen sekkiert wird, ist lächerlich. Auch in seinem Gärverhalten ist er autonom. Minimale Schwefelzugabe und zwei Jahre im großen Holzfass.

 

Sauvignon vom Opok 2009

 

Ein kühler Winter mit viel Niederschlag. Einen überdurchschnittlich warmen April und einen ebensolchen Mai betrachten die Reben als ausreichendes Motiv, mit der Blüte in diesem Jahr zwei Wochen früher als sonst zu beginnen.

Dann wird es kalt, bald auch nass und Hagel macht sich wichtig. Die zweite Julihälfte, der August und die erste Septemberhälfte versuchen dann, temperaturmäßig gutzumachen, was noch gutzumachen ist. Den Regen dürften andere Dinge mehr beeindrucken, was wiederum zum großen Gaudium von Oïdium und Meltau ausfällt. Ab Mitte September begünstigt spätsommerliches Wetter dann die Lese.

 

Sauvignon vom Opok 2010

 

Der Unterschied zwischen dem Ruf, den der Jahrgang 2010 in Frankreich genießt, und der schlechten Nachrede, die er in Österreich hat, könnte kaum größer sein. Vor allem die Jahrgangsbewertungen für Loire und Bordeaux überschlagen sich förmlich. In Bordeaux hat das zu selbst für Bordeaux ungewöhnlich drastischen Preissteigerungen geführt. Schon 2009 war als Jahrhundertjahrgang ausgerufen worden. Dann ist 2010 gekommen. Da hat man gar nicht anders können, als preismäßig noch einmal ordentlich nachzulegen.

In Österreich liest man über den Weinjahrgang vor allem ein Adjektiv: kompliziert. Bis August ist es ganz passabel, trocken und warm. Im August kommt dann der zuerst ersehnte, dann verfluchte Regen. In manchen Weinbaugebieten wird im Regen gelesen. Der Rudl verliert sicher kein schlechtes Wort über den Weinjahrgang 2010.

 

Sauvignon vom Opok 2011

 

2011 gilt in der Steiermark als besonders guter Jahrgang. Dem Rudl sein Lieblingsjahrgang ist es nicht. Einem Winter, den der Frühling kaum als Herausforderung ernst nehmen kann, folgt ein warmer März. Dem ein extrem warmer April. Ohne ein paar kalte Nächte Anfang Mai und einen dezenten Ausreißer im Juli könnte man den oben erwähnten Witterungsverlauf bis zur Lese fortschreiben. Gesunde, reife Trauben, aber trotzdem nicht dem Rudl sein Goût.

Man hat im Zusammenhang mit dem Weinjahrgang 2011 immer wieder von „gut abgepufferter“ Säure geschrieben. Was das genau bedeutet, dürfen Sie den Rudl nicht fragen. Seinen Verdacht möchte er ihnen trotzdem nicht vorenthalten: Könnte es sein, dass mit „gut abgepufferter Säure“ ein Mangel an Säure gemeint ist?

 

Sauvignon vom Opok 2012

 

Nach dem heißen Jahrgang 2011 hat es der 2012er nicht leicht. Abgesehen davon, dass es weniger Wein gibt, unterscheiden sich dem Rudl seine Geschmackseindrücke vom 2011er nicht dramatisch von denen vom 2012er.

Wieder wenig Schnee. Das ist mittlerweile nicht mehr explizit erwähnenswert. Die Februarkälte aber schon. Der Rudl ist damals durch Fünf- und Sechshaus, Braunhirschen und Reindorf gestreift, auf der Suche nach einem Geschäftslokal. Für die Zeit ab März gilt dann aber wirklich fast alles, was Sie oben über 2011 gelesen oder auch nicht gelesen haben.

 

Sauvignon vom Opok 2013

 

Dem Rudl sein Lieblingsjahr war geprägt von Kontrasten. Jänner und Februar waren niederschlagsreich und kalt. Hundertneunzentimeter Schnee fallen in Bad Radkersburg nicht jeden Februar, eher schon in fast keinem, 2013 aber schon.

In Klöch schneit es zu Ostern. Irgendwann hat aber das sturste Wetter ein Einsehen. 2013 ist das Mitte April. Nur zeigt sich sehr bald, dass die Niederschläge nur eine Pause gemacht haben.

Ein Mai, an dem sich keiner ein Beispiel nehmen muss. Dafür dann eine Affenhitze Mitte Juni, und das obwohl in diesem Jahr überhaupt keine Fußballwelt- oder -europameisterschaft stattfindet. Eine der vielen Arbeitshypothesen vom Rudl besagt ja, dass die Junis in geraden Jahren so affenartig heiß sind, damit man beim Fußballschauen mehr Bier trinkt.

Juli und Augustanfang sind extrem heiß und trocken. Das weiß der Rudl auch noch. Da hat er versucht, das Portal der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils zu streichen. Ab Mitte August legt der Regen los und kompensiert viel. Die Säure erweist sich trotz hoher Reife als passabel resistent, sofern der Lesezeitpunkt nicht verschlafen wird. Es gibt Schlimmeres für die Lagerfähigkeit eines Weines als die Kombination aus Körper und Säure bei vielen Zweitausenddreizehnern.

 

Sauvignon vom Opok 2014

 

Das Ganze fängt nicht gerade zum Vor-Kälte-Bibbern an. Viel zu warmer Jänner, nicht nennenswert besserer Februar. Der März noch wärmer. Irgendwie möchte man meinen, das warme Wetter habe damit sein Pulver verschossen. Der April ist wenigstens noch warm, aber verregnet. Da sind die Reben vegetationstechnisch noch zwei bis drei Wochen vorn. Im Mai ist es dann nicht einmal mehr warm. Und dann versucht sowieso nur mehr jeder Monat, seinen Vorgänger in der Kategorie Sauwetter in den Schatten zu stellen. Die konventionellen Vierzehner dürften eine Spur gesünder sein als die konventionellen Weine aus anderen Jahren, weil der permanente Regen die sogenannten Pflanzenschutzmittel im Handumdrehen immer wieder abwäscht. Sisyphos hätte seine Freude beim Spritzen gehabt. Geradezu konvenieren tut die Regnerei den Junganlagen.

 

  • Sauvignon vom Opok 2014, Maria und Sepp Muster (3/5)
  • Sauvignon vom Opok 2013, Maria und Sepp Muster (3/5)
  • Sauvignon vom Opok 2012, Maria und Sepp Muster (3/5) 
  • Sauvignon vom Opok 2011, Maria und Sepp Muster (4/6)
  • Sauvignon vom Opok 2010, Maria und Sepp Muster (4/6)
  • Sauvignon vom Opok 2009, Maria und Sepp Muster (4/6)

 

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

…, selbstverständlich nicht ausschließlich diese sechs Weine gibt es glasweise

 

am Mittwoch, den 29. März und am Freitag, den 31. März

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Vorschau auf die Lehrveranstaltung am 5. und 7. April:

Frühlingswein if there ever was one: Jacquère

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt diese Woche ganz besonders die Kräuter und die abgepackten Steine!