Welschriesling – hors norme: drei Jahrgangsduelle zwischen Südburgenland und Südsteiermark, feat. Podersdorf und Hainburg: 1983, 2021 und 2023, Donnerstag, 9. April von 17 bis 21 Uhr

Viele Wörter sind es nicht, die Caviste Rudolf Polifka im positiven Sinn hängen bleiben, wenn er Weinbeschreibungen liest, insbesondere wenn es sich dabei um deutschsprachige Weinliteratur handelt. Nicht aufzählbar scheint hingegen das nichtssagende bis blödsinnige Vokabular von schreibenden Wichtigtuern, wenn es um Wein geht: von „stoffig“ über „saftig“ bis zu „kernig“ oder dem „Antrunk“. Wie Oberlehrer K. ermittelt hat, ist auch der Terminus „Stilistik“ falsch, denn es ist stets Stil gemeint. „Stilistik“ wäre die Bezeichnung für die Lehre vom Stil. Aber vielleicht soll es einfach nur besser klingen. Warum man dann dem an sich völlig treffsicheren Wort „kosten“, das Präfix ver- voranstellt, hat sich dem Rudl auch noch nicht erschlossen, verweist dieses doch in der Regel eher auf ein Missgeschick oder Scheitern (verkühlen, versalzen, verschießen, …). Auch die „Fruchtsüße“ scheint dem Rudl unsinnig zu sein, zumal Fruchtaromen in der Nase – und sei es auch durch Retroolfaktion über den Rachen – wahrgenommen werden, wohingegen Süße als Geschmackseindruck ausschließlich am Gaumen stattfindet. Den Gipfel an Blödheit stellt wahrscheinlich das sogenannte Preis-Leistungs-Verhältnis dar. Darauf verweist auch Monsieur Charles aus dem Sausal gerne. Wenn ein Wein etwas leisten sollte, dann wäre das sogar für den Rudl ein ausreichendes Motiv zur Abstinenz.

Der Terminus „hors norme“ hingegen ist ein Ausdruck, bei dem sich der Rudl stets freut, wenn er ihn liest, gerade weil er inhaltlich nicht vor Präzision strotzt, aber eben auch nicht so tut, als würde er es.

Darum kredenzt Caviste Rudolf Polifka kommende Woche Weine von der Rebsorte, die zumindest bis Mitte der Achtzigerjahre die Norm eines trockenen österreichischen Weißweins gewesen ist: Welschriesling. Weinschulrat Rudolf Polifka hat das nicht evidenzbasiert erforscht, aber den Eindruck, dass der in seiner, dem Rudl seiner, Weinjugend noch sehr flächenwirksam gepflegte Welschriesling – vielleicht mit Ausnahme des Südburgenlandes – im Norden und Osten gegenüber dem Grünen Veltliner und im Süden gegenüber Sauvignon blanc ins Hintertreffen geraten ist. Weder gegen Grünen Veltliner noch gegen Sauvignon blanc hat Monsieur Rudolf etwas einzuwenden, eher im Gegenteil. Aber ein Welschriesling kann auch ein formidables oenologisches Erlebnis sein, sofern er nicht zu früh heruntergerissen und als grünes Apfelwasser banalisiert worden ist.

Jetzt erst recht!

Vielleicht ist es gerade auf sein Schattendasein als graue Maus zurückzuführen, dass sich einzelne Weinbäuerinnen und Weinbauern justament des Welschriesllings angenommen und zum Ziel gesetzt haben, mit dieser Rebsorte bis an die Grenzen zu gehen.

  • 2025 Welschriesling, Dankbarkeit, Podersdorf, Neusiedlersee (3/5)

klassischer Welschriesling mit einem Etikett, das vor fünfzig Jahren nicht „hors norme“ gewesen wäre

  • 2023 Welschriesling Concrete, Riedmüller, Hainburg, Carnuntum (4,50/7)

Dass für einen achtmonatigen Ausbau im Betonei nur Welschriesling in Frage kommt, war für Michaela Riedmüller von Anfang an klar. Filigran und salzig, wie man es von dieser Rebsorte nicht immer bekommt.

  • 2023 Welschriesling Reserve, Weingut Jalits, Badersdorf, Eisenberg, Südburgenland (5/8)

wächst auf Schiefer in der Riede Szapary am Eisenberg; vergärt und reift danach sechzehn Monate im Holzfass; kein Granny Smith, dafür gelber Apfel, Marzipan und Orangenzesten; goldgelb statt grün, eine veritable Steinigkeit und ein Reifepotential, wie man es bei Welschriesling heute nicht mehr erwarten kann … Der Rudl ist begeistert.

  •  2023 Welschriesling vom Opok, Weingut Sternat-Lenz, Remschnigg, Südsteiermark (5/8)

Opok-Boden in der Lage Hohenegg bei Leutschach, alte Reben auf einer steinig-kargen, abgeschotteten Kessellage, achtzehn Monate in Fünfhundertliterfässern ausgebaut

  • 2021 Weißer Opal, Rainer Stubits, Harmisch, Csaterberg, Südburgenland (5/8)

Den „Silex von …“ gibt es vermutlich in fast allen Weinbaugebieten. Darum wird der Rudl diese Formulierung nicht strapazieren. Aber wer schon einmal über den Csaterberg spaziert ist und dort herumgegraben hat, wird sich der Erinnerung an die Silex-Stenderln, wie sie in Saint Andelain bei Pouilly-sur-Loire in den Weingärten der Domaine Didier Dagueneau herumliegen, nicht so einfach erwehren können. Und dass Rainer Stubits eine ziemlich präzise Vorstellung vom Potential dieser Rebsorte hat und für dessen Realisierung keine Kompromisse kennt, ist auch kein Geheimnis. Ein Welschriesling, der zwei Jahre lang ausgebaut wird, ist unstrittig deutlich außerhalb der Norm, der Csaterberg auch. Er besteht aus zwei Lagen: Kleincsater und Hochcsater, die eine einzigartig mit sehr viel weißem Süßwasseropal, die andere stark schieferig. Karg, Kräuter, Tabak und pfeffriger als sehr viele Weinviertel DAC

  • 2021 Welschriesling Kapellenstück, Weingut Gerngross, Rettenberg, Sausal, Südsteiermark (6/9)

alte Reben auf kargem Sausaler Schiefer, Sechshundert-Liter-Holzfass, goldgelb, reife Stachelbeeren, Cassis, Pfirsich und vor allem schieferstreng

  • 1983 Welschriesling Auslese, Riegelnegg, Olwitschhof, Sernau, Südsteiermark (4/6)
  • 1983 Welschriesling Spätlese, Rathauskeller Rust, Neusiedlersee Hügelland (4,50/7)

DONNERSTAG, 9. April von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Rudolf Polifka grüßt alle innerhalb und außerhalb der Norm!

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien