Graf Sauvignon von Maria und Sepp Muster, 2008 – 2017 – 2021 – 2022 – 2023, Donnerstag, 19. März von 17 bis 21 Uhr

Relation Text – Wein

Geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, Caviste Rudolf Polifka trachtet, sich immer wieder neue Lehrveranstaltungsthemen auszudenken. Auch das ist die Forschung und auch das unterscheidet den Menschen von Ka I, dem „Blechtrottel“, wie man früher weniger ideologisch, aber dafür doppelt so treffsicher gesagt hat.

Manche Themen kehren aber wieder, weil sie wichtig sind, weil sie zu einer bestimmten Zeit des Studienjahres genau passen oder aus anderen Gründen. Das Thema der kommenden Lehrveranstaltung hat es bereits gegeben, die dazugehörigen Jahrgänge aber mehrheitlich noch nicht. Darum erlaubt sich Weinlehrer Rudolf, Ihnen den Text des vergangenen Jahres zur Graf Sauvignon Vertikale von Maria und Sepp Muster noch einmal zu schicken, vor allem weil der ihm selber so gut gefällt und auch weil er ihm gar nicht so unaktuell erscheint. Von den Graf-Jahrgängen finden sich dafür nur 2017 und 2021 aus der Serie des vergangenen Jahres. Alle anderen hat Ihnen Caviste Rudolf Polifka noch nicht glasweise angeboten.

Einleitender Exkurs zum alttestamentlicher Auftrag, Leben zu schützen: כָּבַשׁ kabash

Maria und Sepp Muster bewirtschaften ihre Weingärten auf den Opokböden so, dass die Lebendigkeit nicht nur in Kauf genommen, sondern geschützt wird. Das wieder müssen Sie nirgends nachlesen, das können Sie in jedem Glasl Wein von diesem Weingut schmecken.

Dem Alten Testament mag man nachsagen, da oder dort nicht so einfach verständlich zu sein. In einem Punkt ist es straight forward: wenn es um das Leben geht: Alles, was das Leben fördert, ist heilig, alles was ihm schadet, sündig. Aus, Schluss, basta. Die hebräische Originalfassung des Alte Testaments kennt für das Schützen dieser Lebendigkeit übrigens das Wort כָּבַשׁ, kabash (Gen 1,28). Die deutsche Einheitsübersetzung gibt es völlig irreführend, um nicht zu schreiben pervertierend, mit „unterwerfen“ wieder. Aus alten Darstellungen lässt sich gut rekonstruieren, was die alte Orientalin und der alte Orientale seinerzeit unter kabash verstanden haben. Kabash war es demnach, wenn sich der Hirte schützend über sein Lamm beugt, um es vor einem Raubtier zu schützen. Gottes Auftrag an den Menschen ist also nichts Geringeres, als das sozial-darwinistische Recht des Stärkeren zu brechen, wenn das Leben in Gefahr ist. Neutestamentlich manifestiert sich dieser göttliche Auftrag zum Schutz von Leben und Lebendigkeit im unbewaffneten Widerstand der Machtlosen gegen das Imperium Romanum samt sadduzäischem Priestergeldadel auf dem Trittbrett.

Heute kann man sich die Frage stellen, wo man aufgerufen ist, das Leben gegen das Recht des Lauteren, Stärkeren und Dreisteren zu schützen: gegen Techfaschisten, Neofeudalisten, Beton- und Asphaltfetischisten, bezahlten Algorithmus, … to be continued …

Graf

Der Rudl ist ein Citoyen. Dass er keinerlei Schwäche für den Adel und noch einmal mindestens 50 % weniger davon für den Geldadel hat, das hat er Ihnen, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, vielleicht schon einmal erzählt. Aber im Fall des Graf Sauvignons von Maria und Sepp Muster schaut es anders aus. Der heißt Graf, ist jedoch hundertpercentig frei von feudalistischen oder neu-feudalistischen Allüren. Der Hofname von Muster heißt halt Graf und hat das auch immer schon getan. Oenologisch ergiebiger ist vielleicht, dass die Reben für den Graf Sauvignon ziemlich alt sind und auf kargen Opok-Böden mitten am Hang stehen. Opok ist ein lokaler Ausdruck für tonig schluffiges Sedimentsgestein mit kalkhaltigem Untergrund. Das erfahren Sie auf der Homepage des Weinguts.

Schlossberg

Klimatisch findet man dort illyrisches Klima, warme Sommer, kalte, wenn auch nicht eiskalte Winter. Wind von der Koralpe sorgt im Sommer für Nachtabkühlung. Diese wiederum begünstigt eine vielschichtige Bildung von Aromen. Die Rebstockerziehung ist am natürlichen Wuchs der Urrebe orientiert. Nicht zuletzt diese Orientierung resultiert in kleinbeerigen und hocharomatischen Früchten als Basis für lebendige Weine. Kabash halt, nicht mehr, zum Glück aber auch nicht weniger. Dass man am Graf Hof einerseits die Weine sich nicht selbst überlässt, andererseits die menschliche Intervention sich aber auch nicht zu wichtig macht, ist ganz im Sinne eines anderen alttestamentlichen Prinzips: Freiheit, eine Freiheit, die man der Natur zugesteht, eine mit dieser Freiheit Händchen haltende Unsicherheit, die man aushält und eine Lebendigkeit im Wein, die aus beidem resultiert. Im Keller manifestiert sich diese Freiheit in Geduld und Gespür für den richtigen Zeitpunkt, Kairos, wie der alte Grieche sagt, auch das ein alttestamentliches Motiv aus dem Buch Kohelet. Schonung, Zeit und Begleitung sind die Leitmotive der Kellerarbeit. Und damit ist auch klar, dass die Weine vom Graf Hof nicht Ergebnisse eines willkürlichen Anything goes, sondern Ausdruck höchster Zivilisation sind. Das waren sie übrigens schon beim alten Noah. Das Erste, was der seinerzeit nach dem Sauwetter gemacht hat, war, einen Weingarten zu pflanzen, um mit Wein der Welt einen zivilisatorischen Stempel aufzudrücken.

  • 2024 Sauvignon blanc, Kåarriegel, Sankt Andrä Höch, Sausal, Südsteiermark (6,50/10)
  • 2023 Graf Sauvignon, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (7/11)
  • 2022 Graf Sauvignon, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (7/11)
  • 2021 Graf Sauvignon, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (7/11)
  • 2017 Graf Sauvignon, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (7/11)
  • 2008 Graf Sauvignon, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (8/12) aus der Magnum

DONNERSTAG, 19. März von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

Reindorfgasse 22

Am 27. Jänner 1945 sind die Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz befreit worden. Was spricht dagegen, den 27. Jänner deshalb endlich zu einem gesamteuropäischen Feiertag zu erklären? Gar nichts!

Vive le sol!