Die Weinauswahl ist Programm.
Nein, Citoyen Rudolf Polifka möchte Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, nicht gleich am Beginn des neuen Jahres mit Vorsätzen zu dem animieren, was der Herr Kurt in der vierten Zeile von Da Joker gestisch als Reaktion unguter Zeitgenossinnen und Zeitgenossen auf seinen Namen andeutet. Sehr wohl aber hat er das Bedürfnis, am Jahresanfang programmatisch ein paar Pflöcke einzuschlagen, wie man sagt, und diese Ausrichtung durch ein Forschungsthema oenologisch zu manifestieren, Neujahrsansprache im Glas, präziser ausgedrückt: aus dem Glas heraus.
Der Hut brennt.
Wenn man will, kann man es seit den Fünfzigerjahren wissen. Und auch wenn man das nicht will, kann man es zumindest seit den Neunzigerjahren nicht mehr ignorieren. Die NS-Doktrin des „Mochma-liawa-vü!“ (© A.K.) hat uns in die Sackgasse manövriert und auch vor dem Weinbau nicht Halt gemacht. Aber auch dort ist den Helleren bereits in den Fünfzigern gedämmert, dass Intensivierung und Industrialisierung nicht nur grauslig schmecken, sondern auch die Lebensgrundlagen zerstören. Einer dieser Helleren war Prof. Jules Chauvet, Mitglied der Résistance, Biochemiker, Weinhändler und Weinbauer im Beaujolais. Was dieser Wissenschaftler in den Jahren zwischen 1949 und 1989 erforscht und publiziert hat, gehört zum Scharfsinnigsten, womit der Rudl im wahrsten Sinn des Wortes das Vergnügen gehabt hat. Auch Pierre Overnoy hat bereits vor fünfzig Jahres festgestellt, dass die Industrialisierung des Weinbaus zwar ein Gros der fehlerhaften Weine, mit diesen aber auch die veritablen Kunstwerke in der Flasche eliminiert hat, und mehr oder weniger zwangsläufig die Bekanntschaft mit Jules Chauvet gemacht. Als Rudolf Polifka ziemlich exact im Jahr 1992 begonnen hat, sich für Biowein zu interessieren, hat er von Professor Chauvet natürlich noch nichts gewusst. Dieser war drei Jahre zuvor gestorben. Aber der Rudl hätte ohne das extraordinaire Werk von Jules Chauvet ziemlich sicher nicht beginnen können, sich so für Biowein zu interessieren, wie er es getan hat. So schaut’s aus, um noch einmal Herrn Kurt zu strapazieren.
Naturwein. Eine Ambivalenz
Und auch das, was in den letzten Jahren im Zuge der Naturweinbewegung das Licht der Welt erblickt hat, wäre ohne Jules Chauvet nicht möglich gewesen. Impulse von Professor Chauvet aufgenommen zu haben, ist eines der ewigen Verdienste dieser Bewegung. Allerdings beschleicht den Rudl immer wieder einmal der Verdacht, dass bunte Hemden, Tattoos und auch eine gewisse Selbstgerechtigkeit gegenüber der Akribie, Ausdauer und Unbestechlichkeit von Professor Chauvet die Oberhand gewonnen haben. Wenn Marketing, Zeitgeist und Ideologie dominieren, bleibt das Niveau bald einmal auf der Strecke. Industriewein und Naturwein sind dann nur mehr zwei Seiten ein und derselben unerfreulichen Medaille. Übrig bleiben die ernsthaften, qualitätsorientierten und sauber arbeitenden Weinbäuerinnen und Weinbauern, weil Präzision, Vielschichtigkeit und Genialität wenig instagramabel sind als Lautstärke, Grellheit und Lifestyle.
Dann ist da noch das leidige Thema um den Verzicht auf Zugabe von Schwefeldioxid, gewiss nicht unbedeutend, wenn es um die Entfaltung der Natur im Glas geht, aber auch kein alleinseligmachender Weg zu genialem Wein.
Und wenn sich die Naturweinszene jedes halbe Jahr oder so mit dem Aeroplan deplaciert, um sich in der nächsten mondänen Metropole ein Stelldichein zu geben, dann erlaubt sich der Rudl schon die Frage nach der Vereinbarkeit von Mobilitätsverhalten und Naturweinanspruch. Für sich selber hat er diese Frage beantwortet und glänzt auf derlei Veranstaltung durch konsequente und überzeugte Abwesenheit. Die vielversprechenden Weinen finden trotzdem ihren Weg zum Rudl, nicht zuletzt dank Professor Chauvet.
Sélection par vélo
Die Weinhandlung Rudolf Polifka et fils ist sehr klein. Darum hat ihr der Rudl von Beginn an eine strenge Selektion des Sortiments verschrieben: Bioweine von den Bergetappen der Tour de France und Bioweine aus Österreich. Aufgrund des völlig unvorhersehbar über das Schulsystem hereingebrochenen Personalnotstandes ist es dem Rudl schon seit einem Zeitl nur mehr einmal in der Woche möglich aufsperren. Außerdem haben viele österreichische Weinbäuerinnen und Weinbauern einen Onlineshop eingerichtet. Damit kann und will der Rudl nicht konkurrieren. Und drittens erweisen sich die Weinbauregion Savoyen und die Appellation Irouléguy seit der Eröffnung der Weinhandlung Rudolf Polifka et fils als überaus dynamisch (kein kausaler Zusammenhang!), drei Gründe, warum das Angebot vom Rudl über die letzten Jahre noch selektiver geworden ist.
Wenn Caviste Rudolf Polifka jetzt auch noch das öffentliche Verkehrsmittel als Selektionskriterium heranzieht und von oenologischen Lehrausgängen sechs Flaschen von dem Wein, der ihm am allerbesten geschmeckt hat, in seinen Armen oder am Radlgepäcksträger in das Sortiment seines Geschäfts transportiert – Auslese per öffentliches Verkehrsmittel quasi -, dann nicht, weil er so naiv ist zu glauben, dass er sämtliche Weintransporte solcherart abwickeln könnte, und auch nicht weil er dem Handel die alleinige Verantwortung für mobilitätsbedingte Klimaschädigung zuschieben möchte. Diese müssen wir uns schon alle teilen, wenn substanziell etwas weitergehen soll. Dabei gibt der Rudl zu bedenken, dass ein Bereich bei der Frage nach Klimaschutz bis jetzt auffällig unterbelichtet geblieben ist: das Investment. Rudolf Polifka erinnert sich, dass ihm vor ziemlich genau zwanzig Jahren ein penetranter Finanzberater seiner Bank Osteuropafonds aufdrängen wollte. Der Rudl hat das damals schon als menschenrechtlich und ökologisch verantwortungslos abgelehnt. Und er möchte diese Erinnerung dazu nützen, Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, zu einer gewissenhaften Überprüfung der Klimaverträglichkeit Ihrer Investments zu ermuntern. Der Rudl hält so etwas für einen äußerst sinnvollen Vorsatz für das neue Jahr. Denn die skrupellosesten Welt- und Menschenzerstörer verstehen keine Sprache so gut wie die des Geldes.
mit der Nordbahn transportiert:
- 2024 Welschriesling, Weingut Roland Minkowitsch, Mannersdorf an der March, südöstliches Weinviertel. Nordbahn (2,50/4)
- 2024 Grüner Veltliner Rochus, Weingut Roland Minkowitsch, Mannersdorf an der March, südliches Weinviertel (3/5)
Zwei- bis dreimal im Jahr treibt sich der Rudl zum Zwecke oenologischer Studien am Rochusberg herum. Die bizarre Erhebung am südöstlichsten Weingarten des Weinviertels, mit Blick auf die Kleinen Karpaten ist einer der Lieblingsorte vom Rudl. Dass dort heute einer der besten Traminer des Landes gemacht wird, hat mittlerweile Tradition. Der Rudl findet, dass auch Grüner Veltliner, Welschriesling und Riesling äußerst gelungene Vertreter der alten Schule dieser Rebsorte sind.
mit der Ostbahn transportiert:
- MMXX Königlicher Wein, Josef Umathum, Viel mehr darf man bei diesem Wein ja nicht angeben. Eines schon: „Ostbahn lebt“ (4,50/7)
Ob Sie das Auspflanzen einer Rebsorte an einem Ort, wo diese Rebsorte seit allerweil gewachsen ist, heute aber für einen Wein mit Jahrgangs- und Ortsbezeichnung nicht mehr genehmigt ist, als Tradition, Innovation oder als beides betrachten, überlässt der Rudl Ihnen. Dass ein Winzer, der so etwas macht, ein Segen ist für ein Land ist, darf Rudolf Polifka als verifiziert voraussetzen.
mit der Südbahn transportiert:
- 2023 Zierfandler, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, Südbahn (2,50/4)
Gumpoldskirchner Wein hat einen guten Namen. Weine mit einem guten Namen verkaufen sich oft relativ einfach. Und Weine, die sich einfach verkaufen, müssen nicht immer den höchsten geschmacklichen Ansprüchen gerecht werden. Dass es in Gumpoldskirchen heute trotzdem wieder ein paar wirklich gute Weine gibt, wird nicht nur auf die Pionierarbeit von Herrn Fritz zurückzuführen sein. In Anbetracht der Tatsache, dass zwei dieser mehr als nur guten Winzer Weingärten von Friedrich Kuczera übernommen haben, wird man seinen Einfluss aber auch nicht ganz von der Hand weisen können, im Keller nicht und im Weingarten noch viel weniger.
Beschaffung mit der Westbahn und der Franz-Josefs-Bahn:
- 2023 Grüner Veltliner Steinleithn, Geyerhof, Oberfucha, Kremstal (6/9)
- 2019 Grüner Veltliner Große Reserve, Geyerhof, Oberfucha, Kremstal, Franz-Josephs-Bahn und Westbahn (7/11)
Im Fall der vielen vom Rudl überaus geschätzten Weine vom Geyerhof hat sich dieser geschäftlich auf den Grünen Veltliner Steinleithn beschränkt. Aber dann gibt es abgesehen von aller Strenge wieder Weine, an denen Caviste Rudolf Polifka einfach nicht vorbei kann. Selektion der besten Trauben aller Lagen, fünfeinhalb Jahre im großen Holz ausgebaut, zwölfeinhalb Percent Alkohol, mit Radl und auf den Gleisen der Westbahn von den ÖBB (nicht vom dings) transportiert, Hinfahrt mit der Franz-Josefs-Bahn.
mit der Tramway transportiert:
- 2023 Wiener G‘mischter Satz Obere Schos, Peter Uhler, Wien XIX (5/8)
DONNERSTAG, 8. Jänner von 17 bis 21 Uhr
Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils
Reindorfgasse 22
Im Übrigen ist der Rudl auch im neuen Jahr der Meinung, dass der 27. Jänner, der Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz, zu einem gesamteuropäischen Feiertag erklärt werden muss.
Vélo-oenologisch grüßt Rudolf Polifka!
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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien