Schaumweinsteuer und Augenauswischerei

Dass die Schaumweinsteuer ursprünglich am 26. April 1902 im Deutschen Reichstag zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte eingeführt worden ist, hat Ihnen Herr Rudolf schon einmal erzählt. Die Begründung, dass „bei einer so starken Steigerung der Ausgaben für die Wehrkraft des Landes auch der Schaumwein herangezogen werden muß“, wird 2014 eher nicht die Ursache für die Reaktivierung der österreichischen Schaumweinsteuer durch die Regierung Faymann – Spindelegger gewesen sein. Trotzdem erlaubt sich der Rudl, nach den Motiven zu fragen.

 

Steuern

 

Jetzt ist es dem Rudl ein Anliegen, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Rudolf Polifka gehört nicht zu der vor allem im Verbreitungsbereich der drei kleinformatigen Wiener Qualitätsblätter existierenden Bevölkerungsgruppe, die am liebsten alle Steuern abgeschafft, alle öffentlichen Leistungen ausgebaut und unentgeltlich zur Verfügung gestellt bekommen möchte.

Wer vernünftige Schulen, gut ausgestattete Krankenhäuser, intakte Polizei und Justiz sowie wenig Dreck auf dem Trottoir haben möchte, muss Steuern zahlen. Ohne Wenn und Aber. Und auch ohne Die-andern-sind-die-noch-viel-größeren-Schlaucherl.

Herrn Rudolf empören weniger die Steuern als der Umstand, dass für manches keine oder viel zu niedrige Steuern und Abgaben bezahlt werden müssen. Für das Wetten auf Börsenkurse oder dergleichen, völlig falsch als „Handel mit Finanzprodukten“ bezeichnet. Für den Handel mit Produkten bekommen Sie leichter Kreuzweh als einen Haufen Marie. Beim Wetten brauchen Sie bestenfalls Risikobereitschaft oder einen Rettungsschirm aus Steuergeld.

Auch das Vielfahren mit der Tschäsn, die Deplacierung mittels Aeroplans und die Giftspritzerei in der Landwirtschaft werden viel zu niedrig besteuert, um die dadurch entstehenden Schäden wieder reparieren zu können.

 

Steuern und Bürokratie

 

Was den Rudl akkurat an der Reaktivierung der Schaumweinsteuer ein bissl die Contenance verlieren lässt, sind die Umstände. Was war das 2014 für eine Zeit? Was wäre damals dringend notwendig gewesen zu tun? Was hat man getan und was ist der Effekt dieser Maßnahmen? Was hat man damals nicht getan und was ist der Effekt dieser Unterlassungen?

 

Eine Unterstellung als Arbeitshypothese

 

Nachdem Unternehmerverbände und Neoliberalisten mindestens zwei Jahrzehnte gebetsmühlenartig gepredigt hatten, dass der Staat ein schlechter Unternehmer sei, musste ebendieser Staat im Gefolge von 2008 gar nicht so wenige Banken der Neoliberalisten mit Steuergeld retten. Viel Gerschtl ist auch nach Griechenland und ein paar andere Staaten geflossen. Wieviel davon in griechischen Schulen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen angekommen ist, wird heute unterschiedlich beurteilt. Altruistische Entwicklungshilfe ist es nicht gewesen.

Diese Themen haben auf alle Fälle die öffentliche Diskussion beherrscht und gelegentlich auch die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des Neoliberalismus aufgeworfen. Dann sind noch neoliberalistischere Parteien und ebensolche Thinktanks gegründet worden.

Die Flüchtlingskrise hat die Themenlage 2015 sowieso dramatisch zum Negativen verändert, ungefähr so dramatisch, wie das eine Rede von Greta Thunberg wenige Jahre später zum Positiven getan hat. Mit der Reaktivierung der Schaumweinsteuer im Vierzehner Jahr wollten neoliberalistische Politiker auf alle Fälle den Eindruck erwecken, dass irgendwelche „Reichen“ zur Kasse gebeten würden. Nur ist Schaumwein, vielleicht abgesehen von zwei oder drei Champagnermarken, längst kein Getränk der Reichen mehr. Symbolpolitik für den Boulevard, der mit der Schaumweinsteuer plastisch und hysterisch das Durchgreifen der Politik zulasten irgendwelcher diffuser „Reichen“ besingen konnte.

 

Für den Rudl

 

… hat die reaktivierte Schaumweinsteuer zuerst einmal eine Entfesselung der Bürokratie zur Folge gehabt. Nach detaillierter Aufklärung seitens seiner zuständigen Sachbearbeiterin vom Zollamt Wien hat er deshalb den Hut auf die Einfuhr von Schaumwein aus der Europäischen Union geschmissen.

 

Ein paar Monate später

 

… hat er dann auf Dienstreise wieder einmal einen Mont Blanc Brut zéro von Dominique Belluard getrunken und gewusst, dass der im Sortiment fehlt. Seither ärgert der Rudl sich und den Nachfolger von seiner ehemaligen zuständigen Sachbearbeiterin am Zollamt mit Fragen zum Beantragen, elektronischen Empfangsbestätigen und Bezahlen der Steuer von beziehungsweise für innergemeinschaftlichen Erwerb von Schaumwein im Einzelfall oder mit dauerhafter Genehmigung.

Der Einfachheit halber ist für die Einhebung der Schaumweinsteuer nicht das Finanzamt, sondern das Zollamt zuständig, weil diese als Verbrauchssteuer gilt. Prosecco ist übrigens von der Schaumweinsteuer ausgenommen, weil er weniger als drei Bar Druck bei plus zwanzig Grad Celsius im Flascherl vorweisen kann, im Fall von Schaumweinverschluss und Agraffe genügen auch weniger als drei Bar.

Das ist Politik vom Format eines Tramwayfahrscheins. Schlanker und kleinkarierter kann ein Nachtwächterstaat nicht sein. Mit Steuern im Sinne von der richtigen Richtung hat das dem Rudl seiner Meinung nach gar nichts zu tun.

 

  • Rosa Pearls, Leo Uibel, Ziersdorf, Westliches Weinviertel (2,50/4)

Als der Rudl sein Geschäft eröffnet hat, hätte er sein Sortiment mit ungefähr drei Weinen bestreiten können. Rosa Pearls ist einer davon. Überhaupt nichts gegen diese drei Weine, ganz im Gegenteil. Aber das war nicht der Anspruch vom Rudl und das ist er auch heute nicht. Viel lieber riskiert es Caviste Rudolf, Ihnen einen Wein vorzusetzen, der Ihnen nicht konveniert, als permanent auf Bewährtes zu setzen. Sie können den Rudl diesbezüglich ruhig der Oberlehrerhaftigkeit zeihen. Das ist er ja.

 

  • Riesling Sekt, Weingut Roland Minkowitsch, Mannersdorf an der March, Südliches Weinviertel (4,50/7)

Der Herr Onkel von Martin Minkowitsch hat den Sekt immer mit dem Welschriesling gemacht. Der Neffe probiert es jetzt mit Riesling.

 

  • Perls d’Aimavigne, Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (4/6)

Jacquère, Altesse und Chardonnay. Kimmeridge. Und ein Weingut, in dem Innovation mit Augenmaß und vor allem nicht in Form von Ausweitung der Rebfläche praktiziert wird.

 

  • Don Giachino 2015, Gebrüder Giachino und Sohn. Chapareillan. AOP Vin de Savoie (4,50/7)

Möglicherweise einer der unterschätzteren Weine im Sortiment von Rudl, Jacquère nach der Méthode traditionelle.

 

  • Crémant d’Alsace Brut zéro, Zusslin, Orschwhir, AOP Crémant d’Alsace (5/8)
  • Crémant d’Alsace “Liebenberg“ Brut zéro, Zusslin, Orschwhir, AOP Crémant d’Alsace (6,50/10)

Caviste Rudolf ist eher kein Anlasseinkäufer. In diesem Fall hat er sechs Flascherl vom einfacheren Brut zéro von Zusslin und sechs Flascherl vom Brut zéro aus der Lage Liebenberg mit Schluck des geistigen Gaumens auf Silvester gekauft, beide ohne Schwefelzusatz.

  • Crémant de Jura „L’Autre“, Domaine Pignier, Montaigue, AOP Crémant de Jura (5/8)

    auch ohne Dosage und auch ohne Schwefelzusatz

  • Bela 2016, Branko und Vasja Cotar, Komen, Kras, Slowenien (5/8)
  • Crna 2010, Branko und Vasja Cotar, Komen, Kras, Slowenien (5/8)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

…nicht nur diese Weine gibt es glasweise

 

am Dienstag, den 17. Dezember, am Donnerstag, den 19. Dezember

jeweils von 16 bis 22 Uhr

und ausnahmsweise am Goldenen Sonntag, den 22. Dezember von 14 bis 18 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Nachrichten aus dem Flaschensortiment

Caviste Polifka ist kein Freund von Jungweinen. Trotzdem hat er jetzt den ersten 2019er im Sortiment, eine Cuvée aus Zierfandler und Rotem Veltliner von Friedrich Kuczera. Wenn alle Jungweine so schmecken würden!

Außerdem gibt es ab sofort den Grünen Veltliner Steinleithn 2017 vom Geyerhof, kein direkter Jungwein mehr und zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit Naturkork.

 

In den Weihnachtsferien bleibt die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils geschlossen.

Nächster Öffnungstag: Dienstag, 7. Jänner 2020: Altesse-Vertikale Dupasquier

 

Gaudete!

 

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57

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