Quarz, Holler und auch noch etliche alte Rebsorten und neue Weine aus der Vorwoche

Zeit x Ort = Bedeutung

Um etwas als besonders wichtig zu kennzeichnen, werden gerne Tradition oder zentrale Lage ins Treffen geführt. Auf den Pinot Gris von Josef Umathum trifft beides zu.

Zeit

Die Rebsorte Pinot Gris, alias Grauburgunder, alias Ruländer, alias Grauer Mönch, alias Oststeirischer Traminer, alias Malvoisie, … ist alt. Und auch im Seewinkel ist sie schon lange daheim. Seit dem Mittelalter auf jeden Fall. Ob es damals überhaupt den Seewinkel schon gegeben hat?

Ort

Der Pinot Gris von Josef Umathum ist quasi das Herz des Seewinkels. Zumindest insofern, als er in der Riede Hallebühl wächst. Die befindet sich mehr oder weniger in der Mitte des Seewinkels, dort, wo man auf der Straße von Frauenkirchen nach Podersdorf durch diese fast z-artige Kurve fährt. Und links von der Verbindung der beiden Querbalken des Z liegt, wächst und ruht die Riede Hallebühl. Der Rotburger von dort ist ziemlich berühmt. Was manche möglicherweise nicht wissen werden, ist, dass der Rotburger rund um einen Grauburgunder-Weingarten wächst. Man könnte den Pinot Gris mitten in der Riede Hallebühl quasi als Herz der Riede Hallebühl und damit des Seewinkels bezeichnen. Claude Bourgignon, ein nicht ganz unwesentlicher Bodenforscher aus Frankreich, hat übrigens seinerzeit schon auf den Ausnahmecharakter der Lage Hallebühl hingewiesen, auch als Weißweinlage.

Ried Hallebühl – ein heiliger Hügel, hundertachtundzwanzig Meter über dem Meer, und andere Gebirge

 

Es ist, als wäre es gestern gewesen, aber der Rudl kann sich noch gut erinnern, als er im Alter von vierzehn Jahren zum ersten Mal ostösterreichischen Boden betreten hat. Der elterlichen Erklärung bei der Überquerung des Leithagebirges konnte er damals nicht viel mehr als ein ungläubiges Kopfschütteln abgewinnen. Dieser Hügel – ein Gebirge?

Analog dazu hat man früher im Seewinkel das, was heute als Weingarten neben der Z-Querbalkenverbindung in der Kurve zwischen Frauenkirchen und Podersdorf wächst, als Hügel, genauer als „heiliger Hügel“ oder „Hollerhügel“ bezeichnet. Seinerzeit, unter den Kelten, ist dort kein Wein, sondern Holler gewachsen. Der war den Kelten heilig. Herr Rudolf hat nichts gegen Holler, noch weniger gegen Hollerblüten, aber getränketechnisch stehen ihm die Römer wahrscheinlich näher als die Kelten.

Später hat man den Holler Hügel dann „Hallebühl“ genannt und Wein gepflanzt. Die Wasserbruchlinie darunter ist älter, circa fünf bis zehn Millionen Jahre.

128 Meter über dem Meer ist Hallebühl die höchste Erhebung im Seewinkel und damit fast so etwas wie das Gegenstück zur Riede Tiglat, die sich in der Nähe des tiefsten Punktes Österreichs befindet.

 

Pinot Gris aus der Riede Hallebühl

 

Der Herr Kurt hat dem Pinot Gris auf der „Trost & Rat“ ein Denkmal gesetzt.

Wie er, der Pinot Gris, das macht, dass er rabiat hohen Temperaturen trotzt und dabei formidable Weine statt müdes, brandiges Gschloder zusammenbringt, das müssen Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, schon den Ruländer selber fragen. Dem Rudl ist es auf alle Fälle ein Rätsel.

Wäre die Pinot Gris Reserve von Josef Umathum ein Tonträger, würde man im Abspann dem vielen Quarz und dem hohen Eisenanteil für die rauchigen Aromen danken, dem großen Holzfass für die harmonische Reife und dem Gansl oder der Ente für die charmante Begleitung.

Aufe und owe

Monsieur Rudolf fühlt sich jung. Meistens. Aber ein direkter Teenager ist er keiner mehr. Das muss er schon zugeben. Und mit jeder zusätzlichen Dekade der Entfernung vom Teenageralter wird der Zahl der Dinge, über die er sich wundert, kleiner. Ein paar Verwunderlichkeiten scheinen sich indes hartnäckig zu halten. So alt und grau kann der Rudl gar nicht werden.

Warum?

Warum werden bestimmte Männer heilig gesprochen? Von der katholischen Kirche. Warum andere nicht? Warum werden bestimmte Männer mit viel zu engen Anzügen, einem penetranten Dauergrinser und der ewig selben Häuslrhetorik zu politischen Genies erklärt? Von Blättern und Kanälen? Und warum wird diesen Blättern und Kanälen Förderungswürigkeit bescheinigt? Warum werden manche Weinproduzentinnen oder Weinproduzenten zu Popstars hochstilisiert? Von Wichtigtuern, die das, was ihnen an Wortschatz fehlt, durch Geltungsbedürfnis und Zeitgeist kompensieren.

Der Herr Kurt hat sich da seinerzeit auf der „A blede Gschicht … oba uns is Wuascht!“ Gedanken gemacht. Über Angesagt- oder Nichtangesagtsein entscheiden sehr oft die Experten. Und die können es sich offenbar auch ganz schnell wieder anders überlegen.

Manchmal kann die Klassifizierung ziemlich abrupt und für den Rudl überhaupt nicht nachvollziehbar umschlagen. Das denkt sich der Rudl ganz besonders immer dann, wenn er sich nach ein paar Jahren wieder einen Weinguide kauft. Da kann es vorkommen, dass eine „Découverte de l’année“ zwei Jahren später hinunter geschrieben wird, dass es nur so kracht.

Josef Umathum

Eigenständige, präzise und saubere Weine. Ökologisches und soziales Gewissen, das nicht bei der Kellertür oder an der Weingartengrenze endet. Und die Bereitschaft, sich nötigenfalls auch mit den Mächtigen anzulegen.

Das imponiert dem Rudl.

Josefe

Es gibt überhaupt auffallend viele Winzer, die Josef heißen, authentische Weine machen und sich dem aufgeregten Gezwitschere und Gegackere der Influenza entziehen. „Reschpekt!“ würde der Herr Kurt vermutlich sagen.

Sozialmedizinischer Exkurs: Influenza

Der Rudl kriegt ja vieles sehr spät mit. Dass Influenzer heute keine Krankheit mehr sein soll, zum Beispiel. Kann man bitte geschäftstüchtige, aber sozial schwer gestörte Schulabbrecher, die meinen, sie müssten einem erklären, wie man legospielt, jemanden anbrät oder sich die Schuhbandl bindet, wieder zum Psychologen oder vom Rudl aus zum praktischen Arzt schicken, anstatt sie zu einer Berufsgruppe, einem Geschäftsmodell und einem Vorbild zu erklären!

2017

Viel zu milder Winter und Spätfrost Ende April, beziehungsweise Anfang Mai sind in den letzten Jahren sowieso schon beinahe Geschwister geworden.

Fünf Hitzewellen im Sommer. Mitte August kommt das Wetter zumindest insofern zur Raison, als die Nächte kühler werden.

 

  • Pinot Gris Reserve 2017, Josef Umathum, Frauenkirchen, Seewinkel (4/6)
  • Grauburgunder Reserve 2016, Herrenhof Lamprecht, Pöllau bei Markt Hartmannsdorf, Oststeiermark (6/9)
  • Pinot Gris Reserve 2015, Josef Umathum, Frauenkirchen, Seewinkel (4,50/7)
  • Ruländer 2014, Weingut Dieter Dorner, Mureck (3/5)
  • Pinot Gris 2013, Josef Umathum, Frauenkirchen, Seewinkel (5/8)
  • Pinot Gris 2012, Josef Umathum, Frauenkirchen, Seewinkel (5/8)
  • Pinot Gris 2010, Josef Lentsch, Dankbarkeit, Neusiedlersee (5/8)
  • Pinot Gris 2008, Josef Umathum, Frauenkirchen, Seewinkel (6/9)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

nicht nur diese Weine, sondern auch noch etliche alte Rebsorten aus Savoyen und neue Weine aus Frankreich gibt es glasweise

diese Woche am Dienstag, den 17. September und am Donnerstag, den 19. September

von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die Lehrveranstaltung vom 24. und 26. September

Hoheit (Altesse) als Gegenmittel zur Tiefheit

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag der Menschenwürde erklärt!

Herr Rudolf grüßt die Influenzafreien und wünscht allen anderen gute Besserung!

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57

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