Naturwein. Versuch, keiner Annäherung an einen Begriff

Wo?

Bei der diesjährigen VieVinum hat es eine Naturweinbar gegeben. Betrieben wurde diese von einer großen Weinhandelskette. Man wird das als Indiz dafür ansehen können, dass Naturwein im Weinestablishment angekommen ist.

Was?

Wenn man jetzt noch sagen könnte, was das ist, „Naturwein“, … Den Rudl dürfen Sie auf alle Fälle nicht fragen. Das hindert ihn nicht daran, schriftliche Überlegungen über das Wesen von Naturwein anzustellen. Der Rudl will es auf der relativ gut frequentierten Seite www.vinsnaturels.fr genau wissen. Diese Seite ist für Monsieur Rudolf naheliegend. Sein Kaufgeschäft ist dort angeführt, gleich zweimal. Unter den „Cavistes“ und unter „Bar à vin“. Weil er sich in Savoyen besonders gut auszukennen meint, schaut er sich die savoyardischen Winzer genauer an. Jacques Maillet, Giachino, Dominique Belluard, Château de Merande, Dupasquier und Jean-Yves Peron sind dort als Produzenten verzeichnet. Das sind sechs von insgesamt sieben auf www.vinsnaturels.fr verzeichneten savoyardischen Weinbauern. Caviste Rudolf hat sie alle im Sortiment, was für eine Weinhandlung mit Bioweinschwerpunkt aber auch wieder nicht so überrascht. Von den österreichischen Winzern aus dem Sortiment vom Rudl hat es Karl Schnabel auf www.vinsnaturels.fr geschafft. Bemerkenswerter erscheint dem Naturudl das Fehlen mancher Winzer auf dieser Seite. Brice Omonts Domaine des Ardoisières, Sepp Muster, Josef Umathum, die Domaine Arretxea oder Vincent Dauvissat sucht man auf www.vinsnaturels.fr umsonst.

Warum, noch viel mehr jedoch warum nicht?

Eine Auswahl ist sowieso subjektiv. Intersubjektiv mehr oder weniger nachvollziehbare Kriterien vermutet der Rudl aber schon. Allein er findet sie nicht. Ginge es um die Biointensität, dann würde man wohl mehr biodynamisch arbeitende Weinbauern vermuten. Ginge es um den Chronos im Allgemeinen, dann fehlerten zu viele Biopioniere. Ginge es um Zeit auf der Maische, dann hätte zum Beispiel Jacques Maillet dort nichts verloren. Und ginge es um Zertifizierungen, dann dürften Dupasquier und Jean-Yves Peron nicht genannt sein.

Eine Menschheitsfrage: Natur oder Kultur

Ziemlich sicher hat die Sache mit den Naturweinen auch mit der Frage, ob der Mensch jetzt eher ein Kulturwesen ist oder doch mehr zum Naturwesen neigt, zu tun. Eine Kulturpflanze wie die Vitis vinifera liefert schon ein paar Gründe, Ersteres als zumindest teilweise zutreffend anzunehmen, auch wenn es gerade in der Naturweinszene Winzer gibt, die so tun, als mache sich Naturwein quasi von selbst. Der Rudl hält das im besten Fall für charmantes Understatement, im nicht so guten Fall für Blödsinn. Wo es wirklich so praktiziert wird, schmeckt es auch so.

Wurzeln

Herkunftsbedingt hat Herr Rudolf viel Zeit in der Natur verbracht, auch mangels Alternativen. Aber der Rudl hat dort auch schnell bemerkt, dass etliche besonders demonstrative NaturburschInnen zum Beispiel nicht den Schlagrahm von der Milch der eigenen Kühe abschöpfen, sondern die industrielle „Sahne“ in Freilassing kaufen. Beim Bier schaut die Sache nicht viel anders aus. Und was in musikalischer Hinsicht für „hoamatlich“ gegolten hat, das kann man sich heute noch auf Regionalradiosendern oder auf der Wiener Wiesn.

Musik, Wein und ein Politoid. Eine Assoziationskette

Gibt es unter Naturweinen gar so etwas wie ein „Gabalier-Syndrom“. Mit anderen Worten: Rudolf Polifka hat sich schon in den Achtziger Jahren geweigert, einen Goiserer, der im Jägerleinen-Sakko durch Schickimicki-Lokale und Dorfdiscos gezogen ist und Kärntner-Dialekt imitiert hat, für einen Naturburschen zu halten. Wenn heute ein Wiener so einen Kasperl nachäfft, dann ist das in den Augen vom Rudl ein Fall für eine Kleinkunstbühne oder für ein philosophisches Proseminar über das Höhlengleichnis von Platon.

Bei der Musik ist es nicht anders. Wenn sich ein gewiefter Jusstudent wahlweise als „Bergbauernbua“ oder „Rocker“ bezeichnet, ist die Frage nach den Motiven schon zulässig. Und vielleicht ist es auch beim einen oder anderen „Naturwein“ angebracht nachzufragen. Eine Flasche aus überdickem Glas, Siegellack über dem Naturkork und flüchtige Säure machen einen Wein nicht per se natürlich. Oft genug ist Vordergründigkeit in einem Wein auf Reinzuchthefen zurückzuführen. Aber ganz ausschließen möchte es der Rudl nicht, dass Azetonnoten, Oxidation oder Rancio in manchen Weinen Naturtümlichkeit vermitteln sollen. Brauchen tut das der Rudl nicht um jeden Preis.

Andererseits. Eine Antithese

Nur weil es Nachäffer gibt, darf man sich seine Leidenschaften nicht madig machen lassen.

Keine Schlussfolgerung

Eine definitive Bedeutung hat der Terminus „Naturwein“ nicht, an einer Zertifizierung wird angeblich gearbeitete. Viel Spaß. Warum biologischer Wein, biodynamischer Wein oder Wein aus biologisch angebauten Trauben nicht genügt, wissen vielleicht Menschen, die sich über Marketing Gedanken gemacht habe. Als Qualitätsgarantie wird man das Etikett „Naturwein“ auf alle Fälle nicht betrachten können, meint der Rudl. Aus Gesundheitsgarantie auch nicht. Angst braucht man vor Naturweinen aber auch keine zu haben.

Kultur. Doch so etwas wie zumindest eine Synthese

Im Zweifelsfall tendiert Herr Rudolf auf alle Fälle eher zum Bild vom Menschen als Kulturwesen, vor allem wenn man den Begriff als Imperativ versteht. Das umfasst Lernfähigkeit und –willigkeit, Höflichkeit, Herzensbildung, Kunst, absichtslose Zivilcourage, die Bereitschaft zur argumentierenden Auseinandersetzung, zivilisierte Zähmung von Rivalitäten und Begehrlichkeiten, vielleicht sogar Religion. Alles andere riecht ihm zu stark nach biologistischem Menschen- und Gesellschaftsbild, nach Verhaltensforschung, Boulevardmedien, Sozialdarwinismus und NLP-gesteuerte Appelle an Instinke. Aber das ist keine ganz andere Geschichte.

Kulturwein

Der Rudl regt hiermit an, den Begriff „Kulturwein“ in die Weinsprache einzuführen. Meinen tut er damit Weine, die auf höchstes handwerkliches, intellektuelles, soziales und ökologisches Niveau der Winzerin, respektive des Winzers zurückzuführen sind, von Sepp Musters „Erde“, der Trockenbeerenauslese „Schrammel“ von Josef Lentsch über Michel Riouspeyrous „Hégoxuri“ bis Umathums „Lindenblättrigem“. Dazu mehr dann am 13. und 14. Oktober.

Diese Woche aber die folgenden – laut www.vinsnaturels.fr – Naturweine, aber nicht ausschließlich diese glasweise beim Rudl

  • Marestel 2010, Domaine Dupasquier, Aimavigne, Savoie (4/6)
  • Primitif 2011, David et Frédéric Giachino, Chapareillan, Savoie (2/4)
  • Le P’tit Canon 2013, Jacques Maillet (4/6)
  • Le Feu 2012, Dominique Belluard, Ayze, Savoie (6/9)
  • Zweigelt Kreuzegg 2013, Karl Schnabel, Sausal, Südsteiermark (4/6)
  • Mondeuse La Belle Romaine 2015, Château de Merande, Arbin, Savoie (4/6) – Dieser Wein ist hiermit neu im Sortiment der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils. Biodynamische, rebsortencharakteristische Mondeuse, traditionelle Vinifizierung ganzer und halb gerebelter Trauben. Zehn bis zwölf Monate im Fass.

Keiner davon ist übrigens ein Orangewine. Und das Bierexperiment gibt es auch noch einmal

am Donnerstag, den 6. Oktober und am Freitag, den 7. Oktober

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Nachrichten aus dem Flaschensortiment

Ab sofort sind Schiste 2014 und Argile blanc 2015 von der Domaine des Ardoisières verfügbar. Und auch die Jiddische Hühnerleberpastete von der Dankbarkeit gibt es wieder.

Der Rudl grüßt vielleicht naturgemäß, kulturgemäß ganz sicher.

 

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