Biopioniere im Weinbau, energieferienbedingt viel Text, immer noch neue Öffnungszeiten am Dienstag und am Donnerstag von 16 bis 22 Uhr und auch noch drei Vins Jaunes

Der Rudl hat nie behauptet, keine schwache Seite für einen Kalauer zu haben. Da legt sich ein Lehrveranstaltungsthema „Biopioniere“ mehr oder weniger quasi von selber auf.

Dazu kommt eine beim Rudl sich im Alter offenbar nicht unbedingt abmildernde Skepsis gegenüber Modewellen.

Grunsätzliche Klarstellungen zu Semesterbeginn

Klarstellung eins

Rudolf Polifka schreibt keinen Blog. Er kennt nicht einmal die Kriterien der Textsorte Blog. Und er weiß auch nicht, woher das Wort kommt. Vermutlich irgendwie von logos, aber vielleicht halt b-, quasi ein Logos der zweiten Wahl.

Der Rudl schreibt gerne etwas und jemandem, vielleicht gerade weil er in seiner Kindheit und Jugend nicht gerne etwas geschrieben hat. Der Rudl interessiert sich für Wein. Und der Rudl verbreitet gerne Ideen, von denen er glaubt, dass sie gut sind. Aus.

Klarstellung zwei

Rudolf Polifka, da Bua, ist selbstverständlich kein Influencer, in seiner Weinhandlung nicht und in der Schule noch viel weniger. Darum beschreibt er lieber als er empfiehlt. Und er freut sich, wenn er etwas dazu beitragen kann, dass eine oder einer eine verantwortungsbewusste, eigenständige Entscheidung trifft, gegebenenfalls selbst dann, wenn dem Rudl die betreffende Entscheidung gar nicht einmal so gut gefällt. Auf die Gefahr hin unbescheiden zu sein, sieht sich der Rudl da, jetzt nur was die Vorgangsweise betrifft, in der Tradition eines gewissen Bauarbeiters aus Nazareth. Der hat auch niemandem eine Entscheidung abgenommen, lieber Gleichnisse erzählt. Gerne würde der Rudl so geniale Gleichnisse erfinden können, aber das spielt es halt nicht. Darum beschreibt er lieber und schwadroniert ein bissl.

In die Zeit im Bild zwei wird es der Rudl so nicht schaffen. Dazu muss man schon eine Influencerin sein. Vor ein paar Tagen ist dort eine geschäftstüchtige Japanerin vorgestellt worden. Die hat die orientierungslosen Menschen endlich darüber aufklärt, wie man seinen Kasten ausmistet und ein T-Shirt zusammenlegt, wenn man heute angesagt sein will. Einen Patzen Gerstel wird sie damit auch verdient haben. Genauso wie der Konzern, bei dem die Leute dann die neue Fetzen kaufen. Ein Win-win-Situation, wie man sagt, nur halt nicht für die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Fetzenfabrik. Aber man kann schließlich nicht an alles denken, wenn man angesagt influencen will.

Angesagte Aufklärer

Ansagen sind bekanntlich Diktate, nicht nur in der Schule. Und bei Diktat kann man an den Dictatus Papae von Gregor VII. denken. Das ist ganz bequem so. Da kann man sich in historisch ausgepolsterter Empörung suhlen und muss nicht überlegen, ob man nicht heute da oder dort ein bisserl am Gängelband von irgendwelchen Ansagerinnen oder Ansagern hängt. Mit Mündigkeit, Eigenverantwortung und Aufrichtigkeit scheinen diese ansagenden Influencerinnen und Influencer nicht viel anfangen zu können. Aber aus Mündigkeit, Eigenverantwortung und Aufrichtigkeit lässt sich vermutlich auch schwer ein Geschäftsmodell basteln.

Da schicken sie lieber hasspredigende Pseudosäkularisierer über die Lande, um den Menschen gebetsmühlenartig vorzuleiern, dass immer noch irgendein alter Mann oder eine obskure Verschwörung im Vatikan die Menschen an der Befreiung aus ihrer Unmündigkeit hindere. Und dann influencen sie weiter, streng säkularisiert, und lassen sich dafür bezahlen.

So unangesagt kann der Rudl gar nicht sein, dass er das unkommentiert lassen könnte. Da geht Monsieur Rudolf lieber einen Schritt weiter und bekennt sich zu seinem altmodischen Konzept der Weinhandlung als moralischer Anstalt, retrostes achtzehntes Jahrhundert.

Wenn Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, jetzt einwenden, dass das en bissl selbstgerecht ist, dann kann es schon sein, dass sie Recht haben.

Klarstellung drei

Manche natürlichen Lebensmittel sind teurer als im Plastik erstickte und mit dem Chemiekasten geschmacklich zur Unkenntlichkeit gebrachte.

Sehr oft liegt der Unterschied aber im Aufwand der Beschaffung. Und da kann man, auch ohne ein Mathematikgenie zu sein, ganz leicht ausrechnen, dass der Kaffee, wenn man ihn aus Wassonstkapseln trinkt, doppelt so viel kostet, wie ein wirklich sauguter aus fairem Handel. An dieser Stelle kommt dann ganz gerne das Argument von Raum und Zeit. Jetzt ist der Rudl natürlich im Hauptberuf Angehöriger einer Berufsgruppe, deren Wochenarbeitspensum bis Dienstag Abend erledigt sein sollte, und er übt diesen Beruf in der Stadt aus, in der immer weniger Erwachsene in der Früh aufstehen. Vielleicht stehen auch nur die falschen auf, aber das lässt Monsieur Rudolf einmal dahingestellt. Subjektiv fühlt sich der Rudl weder der Gruppe der Unterbeschäftigten, noch jener der Superreichen zugehörig, ja nicht einmal zur Gruppe derjenigen, die mit der Karre einkaufen fahren, gehört er. Sehr wohl hält sich Herr Rudolf für einen, der danach trachtet, den kategorischen Imperativ von diesem gewissen Kant zum Kriterium seines Handelns zu machen und das auch anderen Menschen gerne nahe legt. Für ihn ist es plausibel, dass die Welt ein bissl besser ist, wenn jeder so lebt, dass es sich gut ausgeht, wenn alle so leben, dass man also nicht im Wissen um die Probleme auf der Welt aus Frust gleich ganz auf alles pfeift, nur weil sich das Paradies auf dieser Welt nicht vor der nächsten Werbepause umsetzen lässt. In der nächsten Werbepause erfährt man dann, dass das individuelle Paradies – und nur um das geht es in der Werbepause, denn wenn jeder für sich selber sorgt, ist für alle gesorgt – schon geht.

Der Rudl hält diesem Vollholler den etwas sperrigen Terminus „eschatologische Differenz“ entgegen; sich einzusetzen für eine gerechtere Welt; es auszuhalten, dass die totale Gerechtigkeit in der Immanenz nicht so einfach umzusetzen ist; sich von Letzterem aber auch nicht entmutigen zu lassen und darauf zu hoffen, dass diese Welt nicht das letzte Wort ist, ohne diese Hoffnung als Vertröstung zu missbrauchen sich im diesseitigen Bestreben um das Gute bremsen zu lassen.

Bioweinbaupioniere

An wen sollte man in diesem Zusammenhang eher denken als an die Biowinzer, die zu einer Zeit biologisch gearbeitet haben, als das nicht nur weder angesagt gewesen, sondern ein willkommenes Motiv für Geringschätzung und Witze gewesen ist.

Die Domaine Pierre Frick

ist schon 1970 biologisch konvertiert. Direkt typisch ist das nicht für den Elsass, aber weniger atypisch als es das für Bordeaux wäre.

Typisch für den Elsass ist die geologische Vielfalt, mit der es Jean-Pierre Frick, Femme et Fils zu tun haben. Demeterzertifiziert seit 1986. Das erspart Ihnen und dem Rudl jetzt etliche Zeilen und dem Wein mehr oder weniger alle Erungenschaften der modernen Oenologie. Alte Eichenfässer erspart sie ihm nicht. Es geht um den Boden und den Jahrgang. Davon hängt auch ab, ob ganz minimal oder gar nicht geschwefelt wird.

Jean-Pierre Frick hat beobachtet, dass seine Weintrauben viel resistenter gegenüber Fäulnis und Würmern sind. Auch den Boden bringen sie klarer zum Ausdruck.

Für Frick endet Biodynamie nicht am Zaun seines Weingartens und bei der Kellertür. Darum wird er auch nicht müde, darauf hinzuweisen, dass die konventionelle Landwirtschaft durch ihren unverschämten Einsatz an Wasser, Energie und anderen Ressourcen zu einer Spaltung der Welt führt. Der Rudl ergänzt ganz gerne, dass das auch für jene Modernisierungsgewinnler, die Wochenendstädteflüge zum Preis von einer Wurstsemmel und alle zwei Jahre ein neues mobiles Endgerät für Grundrechte halten, gilt. Rudolf Polifka findet die Hinweise auf den Tschickpackerln in Ordnung, erlaubt sich aber, darauf hinzuweisen, dass Zigaretten in allererste Linie den Konsumenten und die Konsumentin selber schädigen. Könnte man auf mobilen Endgeräten, Flugtickets und Tankstellenrechnungen nicht auch groß und deutlich anmerken, in welcher Form und in welchem Ausmaß Menschen in afrikanischen Edelmetallminen, von der Klimatkatastrophe ruinierten Gegenden oder in vielen erdölexportierenden Ländern Leid zugefügt wird?

Zurück in den Elsass

Jean-Pierre Frick hält nichts von schnellem Wachstum. Darum kommt ihm auch nicht zu viel Kompost in den Weingarten. Den Rebschnitt beschränkt er auf ein Minimum. Vor der Blüte Knospen zu schneiden hält er für eine „Häresie“.

Die Lese erfolgt in etlichen Durchgängen von Mitte September bis Mitte Oktober, manchmal auch später. Ganztraubenpressung. Spontangärung ist für Jean-Pierre Frick eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem macht er nicht in erster Linie Reinzuchthefen, sondern unreife Trauben, einen Mangel an Hygiene und die Ungeduld in Form des Jungweinkultes für die Mittelmäßigkeit vieler Weine verantwortlich. Diese Mängel hält Monsieur Frick für die Ursachen der sich immer mehr auch an den Genen der Hefen vergreifenden Hexenmeisterinnen und Hexenmeister in den Laboren.

Auch wird bei der Gärerei im Keller von Frick nicht gehudelt. Eine Wandlung braucht Zeit. Was aus Menschen wird, die im Kindergarten schon Kurse machen, anstatt zu spielen und in der Pubertät Slim Fit Wursthäute oder Kostüme tragen, das setzt der Rudl als bekannt voraus.

Jean-Pierre Frick amüsiert sich auch über die gegenwärtig stattfindende Hundertachtziggradchristler der Weinbehörden in Sachen Filtration. Die längste Zeit hat man die Spitzenweine zu einer Filtration im Dezember nach der Lese gezwungen. Jetzt weht der Wind aus der anderen Richtung und Bâtonnage bis in den Frühling ist angesagt. Frick pfeift auf beides, erlaubt den Weinen fünf bis neun Monate Ruhe in alten Dreitausendlitereichenfässern, ohne Bâtonnage. Er hält das für den Schlüssel zum Terroir Alsace. Die Fässer sind größtenteils hundert Jahre alt. Für Frick sind sie die pflanzliche Haut seiner Weine. Zwei Stunden vor der Füllung wird mit Zelluloseschichten dezent filtriert und aus.

Barriques können ihm gerade so wie Inoxtanks gestohlen bleiben.

Viele halten Pierre Frick quasi für den Herrn Ohneschwefel. Und auf seiner Karte finden sich seit 1999 jeden Jahrgang zwei oder drei ungeschwefelte Weine. Trotzdem weist Frick darauf hin, dass Schwefel keine Wunder wirkt, aber seit dem Mittelalter im Weinkeller verwendet wird, um frühzeitige Reifung zu verhindern und den Wein vor allzu gravierenden Temperaturstürzen oder -steigungen zu schützen. Daran ist auch nichts auszusetzen, solange mit dem Schwefel nicht geurasst wird.

Inspiriert von der Champagne verschließt Jean-Pierre Frick seine Flascherl mit einer Inox-Chromkapsel, auch die Grand Crus. Der Rudl kennt sonst keinen namhaften Weinbaumeister, der das macht.

  • Riesling Grand Cru Steinert 2012, Domaine Pierre Frick, Pfaffenheim, Alsace

Nicolas Joly. La Coulée de Serrant

Weniger als andere Mittel und andere Maßnahmen interessiert sich Nicolas Joly für ein anderes Denken, vor allem was die Ursachen des Lebens betrifft. Das macht ihn für vielen Naturwissenschaftlern suspekt.

Es interessiert ihn auch nicht, Wein zu machen, der dem Mister X oder der Madame Y gefällt. Nicolas Joly interessiert sich für das Leben, auch im Wein, und für Originalität. In den Dreißiger Jahren ist in einem Geniestreich das Konzept der Appellation entstanden. In einer ganz präzisen Gegend soll aus einem bestimmten Jahrgang aus bestimmten Trauben ein unverwechselbarer Geschmack der Konsumentin und dem Konsumenten garantiert werden. Siebzig Jahre später meint Nicolas Joly, davon nicht mehr sehr viel erkennen zu können. Das führt er auf das Wirken der Agrarberater in den Fünfziger und Siebziger Jahren zurück. Die haben Arbeitserleichterung via Chemiekasten propagiert. Dabei ist die Originalität des Geschmacks verloren gegangen. Aber wie es gar nicht so selten der Fall zu sein scheint, haben sich die Verursacher des Problems bald lautstark als Lösung desselben aufgespielt, mit mehr als dreihundert Aromaheferln in ihren Koffern.

Das ist Nicolas Joly ein ausreichendes Motiv zur Gründung der Renaissance des Appellations gewesen. Der Geyerhof aus dem Kremstal ist Mitglied, Michel Grisard aus Savoyen ein Mitbegründer. Dazu später mehr.

  • Coulée de Serrant 2008, Coulée de Serrant (Nicolas Joly), AOC Coulée de Serrant, Loire

Michel Grisard

Über den hat der Rudl im Zusammenhang mit der Domaine des Ardoisières geschrieben. Letztere gäbe es ohne Michel Grisard nicht. Der ist Anfang der Neunziger Jahre schon kein Jungwinzer mehr gewesen, hat aber trotzdem die Initiative ergriffen und den aufgelassenen Weinberg von Cevins zuerst terrassiert, dann rekultiviert. Kulturwein der Weltklasse! Brice Omont, damals noch kein Jungwinzer, ist auch dabei gewesen und hat das Weingut dann an die Spitze geführt.

Es ist die Domaine des Ardoisières aber nicht das erste Weingut gewesen, das Michel Grisard quasi aus dem Nichts in die Höhe gebracht hat.

1978 übernimmt er das, was heute Domaine Prieuré Saint Christophe heißt und seit dem Jahrgang 2015 von den Giachinos bewirtschaftet wird. Vier Jahre später, es ist das Jahr, in dem Didier Dagueneau seinen ersten Jahrgang keltert, verlässt Michel Grisard dann ganz das Weingut von seinem Vater und seinem Bruder, um sich ausschließlich auf seine inzwischen reaktivierte Prieuré Saint Christophe zu konzentrieren, mit dem Anspruch, dort den Nachweis zu erbringen, dass die Rebsorte Mondeuse zu einem großen Wein fähig ist. Dass dieser Anspruch heute nicht mehr so verrückt klingt wie vor fünfunddreißig Jahren, dafür ist Michel Grisard nicht ganz unwesentlich verantwortlich. Damals hat man Mondeuse lieber ausgerissen als ausgepflanzt.

Ein bissl Altesse hat er auch gemacht. Der hat immer wieder die Grenzen dessen, was man als typisch für die Appellation Vin de Savoie Controllée erachtet hat, gesprengt und ist von Michel Grisard dann als Altesse de refus etikettiert worden.

 

  • Prieuré Saint Christophe Blanc 2016 (Domaine Giachino) AOP Roussette de Savoie (6/9)

Dominique Belluard. Terroir du Mont Blanc. Eine Wiederholung

 

1988 hat er den Betrieb übernommen. Seine Ausbildung dürfte eher nicht das, was man heute wenig treffsicher als „kompetenzorientiert“ bezeichnet, gewesen sein. Darum hat sich Dominique Belluard nicht gleich einmal das Maul darüber zerrissen, was er alles darauf hat, sondern sich demütig ein paar Fragen gestellt. Das gefällt Fils Rudolf ausgesprochen gut. Denn er ist ein Kind der Achtziger Jahre, damals als bio und öko noch zusammen gehört haben.

 

  • Mondeuse 2016, Dominique Belluard, Ayze, AOP Vin de Savoie, Haute Savoie

Österreichs erstes anerkanntes Bioweingut. Weingut Weinsteindl, Purbach, Neusidlersee Hügelland

Es wird im Frühjahr 1992 gewesen sein. Und es wird in Sankt Veit an der Glan gewesen sein. Da hat der Rudl im Schaufenster von einem Bioladen eine deutlich als Biowein erkennbar gemachte Flasche vom Weingut Weinsteindl in Purbach gesehen. Das Geschäft ist zu diesem Zeitpunkt geschlossen gewesen. Gemerkt hat sich der Rudl Bub das mit dem Biowein aber schon. Sein Interesse für Landwirtschaft ist damals gerade im Entstehen gewesen, obwohl er Zeit seines damaligen Lebens in einem Ort gelebt hatte, in dem es außer Landwirtschaft so gut wie nichts gegeben hat. Es war die Zeit, in der Österreich darüber diskutiert hat, ob es der EG beitreten solle. Rudolf Fils war ein glühender Gegner so eines Beitritts, den er damals „Anschluss“ genannt hat.

Zuerst einmal hat Herr Rudolf auf Distanz zur Bundesrepublik Deutschland Wert gelegt. Diesbezüglich stellt sich dem Rudl die Situation heute doch deutlich anders dar, zumal sich das Deutschland von Kohl und Strauß in der Wahrnehmung vom Rudl der postkreiskyanischen Republik Österreich diametral entgegengesetzt entwickelt hat.

Zweitens sind dem Rudl damals die EG-Subventionen für landwirtschaftliche Massenproduktion und vor allem für den Export derselben via Straße säuerlichst aufgestoßen und tun das jetzt noch, wobei man sicher unterschiedlicher Meinung sein kann, was damals in Verhandlungen möglich gewesen wäre. Dass vor allem Deutschland und Italien großes Interesse an einem EG-Mitglied Österreich gehabt haben, scheint hierzulande heute noch ganz gerne weniger beachtet zu werden als Bedenken seitens Frankreich.

Drittens hat es dem Rudl damals bei der Vorstellung, Bürger eines politischen Gebildes zu sein, dessen Gesetze nicht von einer unmittelbar von ihm gewählten Legislative ausgehen, die republikanischen Zehennägel eingerollt. Und auf die Gefahr hin, jetzt als rechthaberisch dazustehen, fühlt sich der Rudl in dieser Skepsis aber schon so etwas von bestätigt. Würden die für Europa relevanten Gesetze von einem kompetenten Europäischen Parlament gemacht, dann wäre der Schaden, den verhaltensauffällige Zeitgenossen aus England, Oberkärnten oder dem „ehemaligen Osten“ (© Lukas Resetarits) anrichten können, nicht halb so groß.

Der Rudl hat seinerzeit sogar eine Podiumsdiskussion mit dem damaligen Landeshauptmann von Salzburg, Hans Katschthaler organisisert. Teil der Veranstaltung war ein Buffet von Biobauern, die gegen die Pyhrnautobahn Widerstand geleistet haben. Die Gespräche mit diesen Bauern sind dem Rudl Fils vor allem als wohltuender Kontrast zum geistigen Klima in seinem Heimatdorf in Erinnerung.

Die Familie Steindl hat auf alle Fälle schon 1980 umgestellt. Damit ist es laut ihrer Homepage das allererste anerkannte Bioweingut Österreichs gewesen, fast gemeinsam mit Rudolf Beilschmidt aus Rust, dessen Weine Caviste Rudolf die Ehre gehabt hat, in seinem Sortiment zu führen, als es das Weingut noch gegeben hat. Das bedeutet freilich nicht, dass nicht andere Weinbäuerinnen und Weinbauern vielleicht sogar schon vorher biologisch gewirtschaftet haben.

Das Weingut Weinsteindl gibt es zum Glück noch. Sechs Hektar, klare Handschrift, klare Frucht, ohne Schnickschnack, weder aus dem Gummibärensackerl, noch aus dem Nagellackentfernerflascherl.

  • Welschriesling 2016, Weinsteindl, Purbach, Neusidelersee Hügelland

Religionslehrer Erwin Binder, Platt

  • Grüner Veltliner Landwein 1993, Platt, Westliches Weinviertel

Weingut Dieter Dorner, Mureck. Auch eine Wiederholung

 

Das Wohnhaus der Familie Dorner ist eines der geschmackvollsten in Mureck. Die Weingartenhütte hat die Adresse Novi Vrh 4. Dazwischen rinnt der größte Fluss des Lungaus, als Staatsgrenze. Von 1918 bis 1989 konnten dort Menschen wie die Familie Dorner das erfahren, was heute wieder immer mehr verhaltensoriginelle Staatsmänner als probaten Ersatz für Mut und Visionen in der Politik propagieren, Grenzerfahrungen. Grenzerfahrungen, die die Konflikte nicht weniger und Gehässigkeiten und Angst auf beiden Seiten noch nie kleiner gemacht haben.

Nachdem dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges auch noch die Murecker Brücke zerstört worden war, durfte die Mutter von Dieter Dorner mit dem Radl einen Umweg von vierzig Kilometern über Bad Radkersburg strampeln.

1953 regelte dann das Gleichenberger Abkommen wenigstens, dass Betriebsmittel und Ernte mit Grenzübertrittsscheinen zollfrei über die Grenze gebracht werden durften.

Dieter Dorner hat schon sehr früh im Weingarten mitgearbeitet. Und er hat sich schon früh mit spirituellen Grundlagen des Lebens beschäftigt. Dabei hat auch das Verhältnis des Menschen zur Natur eine Rolle gespielt. Die zunehmende Intensivierung und Industrialisierung in der Landwirtschaft hat er vor anderen als Holzweg erkannt und ab 1976 biologisch gearbeitet. Von anfänglichen Misserfolgen hat er sich nicht den Mut nehmen lassen. Zu groß war seine Gewissheit, dass es auch anders gehen muss. Damit ist Dieter Dorner ein Pionier des steirischen Bioweinbaus, am Bild vor seinem Weingartenhaus:

Heute führt Jakob Dorner das Weingut, unterstützt von seinem Bruder Elias und der Mutter Helene, einer praktischen Ärztin, Parallelen zu einem anderen Pionier des biologischen Weinbaus. Kurzatmigen Trends verweigert man sich, dem familiären und kulturellen Erbe bleibt man treu. Das Resultat sind klassisch schöne Bioweine.

  • Blauer Burgunder 2015, Weingut Dieter Dorner, Mureck, respektive Novi Vrh

Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen

Dem Rudl seine ganz persönliche Wiederentdeckung des Jahres 2014. Low-Tech Zierfandler aus dem großen Holzfass, so steht es auf der Homepage von Freidrich Kuczersa und so schmeckt er auch, niedrig im Alkohol, elegant in der Aromatik und – das ist gerade Gegenstand der Rudl’schen Forschung – vermutlich auch ziemlich langlebig, weil lebendig. Mineralisch und bekömmlich im wirklichen Sinn der beiden Wörter. Seit sozusagen allerweil schon biologisch und gewachsen auf dem Kreidekalk der Ausläufer des Wiener Waldes.

  • Zierfandler 2016, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, Thermenregion

 

 

Weingut Geyerhof, Oberfucha, Kremtal. Trotzdem keine reine Wiederholung

Usprünglich hat man am Geyerhof nicht nur Landwirtschaft betrieben, sondern auch Ziegel produziert. Maria Theresia muss von diesen Ziegeln etwas gehalten haben, sonst hätte sie nicht erlaubt, dass sie auf der Donau verschifft werden. 1988, als Ilse Maier das Weingut Geyerhof biologisch umgestellt hat, ist die Ziegelfabrik schon stillgelegt gewesen. Ihr Sohn Josef Maier hat den Betrieb jetzt wieder um Vieh- und Bienenzucht erweitert. Wer weiß, wie die nächste Generation am Geyerhof über Ziegelfabrikation denkt?

Lage Steinleithn

Steinleithn ist karg, nach Osten ausgerichtet und besteht aus den fast genauso kargen Resten des geologischen Schulwissens vom Rudl: Feldspat, Quarz und Glimmer – geschiefert. Fette Weine wachsen auf anderen Böden.

Keller

Der Wein wird Ende Oktober gelesen, Ganztraubenpressung, natürliche Vorklärung, langsame Vergärung im Stahltank, auf der Hefe bis Ende Juli und Füllung Ende August. Der Wein ist steinig, elegant, schmeckt nach Äpfeln, Birnen und vor allem nach den Wiesenkräutern.

  • Grüner Veltliner Steinleithn 2016, Kremstal

 

Nikolaihof, Mautern

Erstens hat der Rudl jetzt eh schon viel geschrieben und zweitens ist es auch gar nicht notwendig, über den Nikolaihof viel zu schreiben.

  • Grüner Veltliner Federspielt Im Weingebirge 2010, Nikolaihof, Mautern, Wachau
  • Welschriesling 2016, Weinsteindl, Purbach, Neusidelersee Hügelland (2/3)
  • Zierfandler 2016, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, Thermenregion (2/3)
  • Grüner Veltliner Landwein 1993, Platt, Westliches Weinviertel (leider mit einem Presskork verschlossen, darum das Gegenteil vom Preis der Erzeugnisse der Wiener Edelfedern: gratis, aber nicht umsonst)
  • Grüner Veltliner Steinleithn 2016, Kremstal (4,50/7)
  • Grüner Veltliner Federspiel Im Weingebirge 2010, Nikolaihof, Mautern, Wachau (4/6)
  • Riesling Grand Cru Steinert 2012, Domaine Pierre Frick, Pfaffenheim, Alsace (4,50/7)
  • Prieuré Saint Christophe Blanc 2016 (Domaine Giachino) AOP Roussette de Savoie (6/9)
  • Coulée de Serrant 2008, Coulée de Serrant (Nicolas Joly), AOC Coulée de Serrant, Loire (12/18, ohne Probieren en avance)
  • Blauer Burgunder 2015, Weingut Dieter Dorner, Mureck, respektive Novi Vrh (3/5)
  • Mondeuse 2016, Dominique Belluard, Ayze, AOP Vin de Savoie, Haute Savoie (6/9)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

nicht nur diese Weine, sondern auch noch ein paar Vins Jaunes gibt es glasweise

diese Woche am Dienstag, den 12. Februar und am Donnerstag, den 14. Februar

von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man statt über den Karfreitag lieber über den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz als einen europäischen Feiertag nachdenken sollte!

Herr Rudolf grüßt ohne Influenz!

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57

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