APC – Altesse, Pinot, Cinsault – ein Beitrag zu Bildung, Sprache und Schulanfang, Donnerstag, 4. September, 17 bis 21 Uhr

Sprache und Wirklichkeit

Citoyen Rudolf Polifka kann sich noch gut erinnern. Gar so lange ist es auch noch nicht her, da wurden Politiker (sic!) für sprachliche Unschärfen, von dialektalen Färbungen über Anhäufungen der Verlegenheitsfüllsilbe „äh“ bis hin zu grammatikalischen Vergehen, gescholten. Und das ist noch ein Euphemismus. Daran hat sich zumindest zweierlei geändert: Umschalten auf Dialekt oder etwas Ähnliches gilt heute weniger als Ausdruck sprachlicher Hilflosigkeit bei emotionaler Anspannung, sondern quasi als zertifizierte Bodenständigkeit und Volksnähe. Syntaktische und grammatikalische Regelverstöße sind in der politischen Sprache selten geworden. Der Rudl würde das gerne als Indiz für eine Erhöhung des Niveaus von Politik diagnostizieren. Allerdings sind da ja diese Legionen an politischen Kommunikationsberaterinnen und -beratern. Die haben sich als Gewerbe etabliert und die haben  dafür gesorgt, dass die allermeisten Politikerinnen und Politiker heute kommunikationsstrategisch alle Register ziehen, auch wenn sie nur eine neue Schottergrube in einem Provinzweiler einweihen. Man muss schon ganz genau Obacht geben, wenn man erkennen will, ob das geschliffene kommunikative Auftreten mit einem Mindestmaß an realpolitischer Substanz des Artikulierten korreliert.

a wie Altesse. Am Anfang eine Stundenwiederholung

Möglicherweise ist Altesse mit Furmint verwandt und heißt so, weil Furmint der Wein für den Hof war. „Altesse“ bedeutet nämlich Hoheit. Der Ertrag ist nicht hoch. Die Rebsorte liebt es steinig. Viel steinigere Böden als jene der Dupasquiers hat der Rudl noch nicht gesehen. Oidium ist weniger ein Problem, Peronospora dafür umso mehr. Wenn die Lage nicht wirklich vorteilhaft ausgerichtet ist, dann brennt schnell einmal der Hut. Auch das scheint ein Grund dafür zu sein, dass man den Quartz von der Domaine des Ardoisières nicht mir nix – dir nix aus jedem Jahrgang kaufen kann. Und dass es Jacques Maillet seinerzeit gelungen ist, die Damen und Herren vom Komitee zum Schutz der Appellation AOP Vin de Savoie davon zu überzeugen, dass man Jacquère und Altesse verschneiden darf, ist detto auf die Empfindlichkeit dieser Rebsorte zurückzuführen. 2011 haben die klimatischen Bedingungen seiner Altesse derartig zugesetzt, dass das entsprechende Fassl nicht voll geworden ist. Die Geburtsstunde von Le P‘tit Canon. Seither gibt es eine ganze Menge Weinmeisterinnen und Weinmeister, die Altesse und Jacquère fusionieren.

Die Trauben sind lockerbeerig und werden rötlich bis kupferfarben, wenn sie vollreif sind, daher der Spitzname Roussette. Dass sie für Wespen ganz besonders attraktiv zu sein scheinen kann der Rudl gerade eigenäugig am Balkon beobachten und hängt vielleicht auch mit der auffälligen Farbe zusammen.

Die Weine erinnern an die Aromen von Mandel, Haselnuss, Quitte, Bergamotte und Lindenblüte. Für den Rudl und Brice Omont ist Altesse eine der allergrößten Rebsorten überhaupt. Aber das ist eine andere Geschichte, um die es hier sehr bald gehen wird.

p wie Pinot noir

Geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, über Pinot noir wird Ihnen der Rudl jetzt nicht dozieren. Die Rebsorte gewordene Eleganz kennen Sie möglicherweise besser als der Rudl.

c wie Cinsault

Cinsault ist alt und für das Languedoc ist er ungefähr das, was Pinot noir für Burgund ist, mit dem Unterschied, dass Pinot noir in Burgund quasi als Einzelkämpfer auftritt, Cinsault im Languedoc aber sehr oft Geleitschutz von Carignan, Grenache, Mourvèdre, Syrah oder anderen erhält. Auch im Châteauneuf-du-Pape ist Cinsault eine von dreizehn Rebsorten mit Zutrittsgenehmigung.

Cinsault ist großtraubig und dichtbeerig. Dazu sind die Beeren groß – drei Voraussetzungen, die dem Rudl eigentlich ein ausreichendes Motiv zur großräumigen Umfahrung dieser Rebsorte wären. Aber wie bei Sprachen bleibt auch bei den Rebsorten kaum eine Regel ohne Ausnahme. Von den einundzwanzig in Frankreich zugelassenen Klonen sind weniger als eine Hand voll locker- und kleinbeerig. Wenn dann der Rebstock noch gut fünfzig Jahre alt ist, wie das in den Weingärten von Maxime Magnon in den Corbières der Fall ist, dann wird für den Rudl aus einem Motiv zum Ausweichen ein Bedürfnis zum Umweg, hin zu diesen Rebstöcken. Und Ende Juli 2024 ist Caviste Rudolf Polifka diesem Bedürfnis gefolgt. Gut ein Jahr später wäre er zu dieser Zeit in einem Waldbrand gestanden, nicht in den Weingärten von Maxime Magnon, aber etwas weiter nördlich, wo der Rudl auch oenologische Studien durchgeführt hat. Die Cuvée Rose hat nichts mit der Weinfarbe Rosé zu tun, eher im Gegenteil. Denn der Name ist auf die Tochter Maximes zurückzuführen. Der hat Maxime diesen Wein gewidmet, was wiederum nachvollziehen lässt, dass der Wein Zeit braucht, im Kaller vergessen will, bis die nächste Generation mittrinken darf. Ohne Schwefelzusatz vinifiziert, würzig, dicht und delicat. 

  • 2020 Roussette de Savoie, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Roussette de Savoie (4/6)
  • 2022 Altesse « Solar », Domaine de l’Aitonnement, Aiton, IGP Vin des Allobroges (10/15)
  • 2020 Les Grandes Jorasses, Dominique Belluard – Domaine du Gringet, Ayse, Vin de France (9/14)
  • 2022 Ceux d’avant, Côteaux des Girondales, Villaz, Haute-Savoie, Vin de France (5/8)

ein Drittel Pinot noir, ein Drittel Mondeuse, ein Drittel Persan von einem rekultivierten Terroir

  • 2023 Pinot noir, Domaine H, Chignin, AOC Vin de Savoie

der erste Rote, den der Rudl von der Domaine H glasweise kredenzt – eine Mondeuse gibt es auch  

  • 2019 Cuvée Rose, Maxime Magnon, Durban-les-Corbières, AOC Corbières, (9/14)

Donnerstag, 4. September von 17 bis 21 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Im Übrigen ist der Rudl der Meinung, dass der 27. Jänner, der Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Konzentrationslager Auschwitz, zu einem gesamteuropäischen Feiertag erklärt werden muss.

Sprechskeptisch grüßt Rudolf Polifka!

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