Weine, Bürsten und ein 30 Jahre altes Fußballspiel auf VHS. Herrn Rudolfs Beitrag zur Vorbereitung auf die Fußballeuropameisterschaft

Daft as a brush“

… zu sein war bis 1990 kein Kompliment. Seither ist es eines. Sir Bobby Robson hat damit den Fußballer Paul Gascoigne gemeint. Der hat bei der Fußballweltmeisterschaft 1990 in Italien durch Unbekümmertheit, Schmäh, eine begnadete Technik und den Antritt eines Champagnerkorkens einem Land und nicht nur diesem seinen Lieblingssport zurückzugeben. Beckham und ein paar pfiffige Geschäftsleute haben dann abkassiert und aus einem Spiel ein Geschäftsmodell gemacht. Vielleicht haben sie das Spiel damit irreversibel beschädigt. Am Verdienst Gascoignes ändert das gar nichts.

Dem Rudl seine Lieblingswelt- und -europameisterschaften

Herr Rudolf ist ein rückwärtsgewandter Mensch. Für ihn endet die Fußballzeitrechnung am 31. Mai 1998. Da hat der als Fußballer ziemlich versierte Techniker Glenn Hoddle unglücklich probiert, Konturen als englischer Teamchef zu zeigen und den Spieler, der England zur Weltmeisterschaft nach Frankreich gespielt hat, aus dem Kader eliminiert. Damit war der Fußball an sein Ende gekommen. Er kann dort ruhig bleiben.

Zwanzig Jahre Fußball

In den zwanzig Jahren bis zum 31. Mai 1998 hat es die besten Fußballwelt- und -europameisterschaften gegeben. Und wenn Sie jetzt sagen: „Das ist aber sehr subjektiv“, dann fragt Sie der Rudl: „Was soll es denn sonst sein?“ Und wenn Sie dann sagen: „Sie können doch den modernen Fußball nicht mit Prohaska, Gascoigne oder Gasselich vergleichen“, dann erwidert Ihnen der Rudl: „Meine Worte!“ Und wenn Sie dann noch sagen: „Aber Neymar, Christiano Ronaldo und Messi sind doch nicht nichts“, dann sagt Ihnen der Rudl: „Eh. Aber das ist zu wenig.“

Freilich hat es selbst innerhalb dieser zwanzig Jahre von 1978 bis 1998 bemerkenswertere und weniger bemerkenswerte Fußballwelt- und – europameisterschaften gegeben. An erstere will Caviste Rudolf diese Woche mit jeweils einem Wein erinnern. Nicht alle wird man zahlen müssen, denn auffällig ist es schon, dass gar nicht so wenige beigeisternde Fußballgroßereignisse in hundsmiserablen Weinjahrgängen stattgefunden und mit einem unerfreulichen Sieger geendet haben.

Auch Bild-, Ton- und Textmaterial zu einigen dieser Turniere wird diese Woche in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils vorhanden sein.

Argentinien 1978

Wahrscheinlich vergisst niemand die erste Fußballweltmeisterschaft, die sie oder er bewusst wahrgenommen hat. Der Rudl auch nicht.

Der Wein zur WM 1978:

Joseph 1978, Weingut Frank, Zurndorf, Neusiedlersee

Frankreich 1984

Europameisterschaft in Frankreich. Drei Spieler. Allan Simonsen, Alain Giresse, Michel Platini. Und ein paar andere. Das einzige große Fußballturnier mit einem Sieger, über den sich der Rudl gefreut hat.

Der Wein zur EM 1984:

Seit 1970 einer von nur zwei Jahrgängen, aus denen der Rudl kein einziges Flascherl im Keller hat. Blede Gschicht.

Mexico 1986

Guadalajara, 21. Juni 1986.

Carlos, Edinho, Junior, Muller, Careca, Josimar, Julio Cesar, Alemao, Branco, Socrates, Elzo

gegen

Bats, Amoros, Bossis, Battiston, Fernandez, Tusseau, Tigana, Platini, Giresse, Stopyra, Rocheteau

…vielleicht das beste Fußballspiel, das der Rudl in seinem Leben gesehen hat, ganz sicher das offensivste. Darum wird am Freitag, den 10. Juni ab 16 Uhr ein VHS-Video mit diesem Spiel in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils abgespielt werden.

Der Wein zur WM 1986:

Pinot Noir 1986, Artner-Thunshirn (jetzt Bio-Artner), Göttlesbrunn, Carnuntum

Italien 1990

Nach der Weltmeisterschaft in Italien haben sie Lothar Matthäus zum inoffiziellen Weltfußballer des Jahres gewählt. Hätte es mehr Spiele wie das Halbfinale Deutschland v England am 4. Juli in Turin gegeben, wäre die Wahl sicher anders ausgegangen. Vor dem Spiel hatte Sir Bobby den jungen Paul Gascoigne auf die Seite genommen und versucht, diesem zu erklären: „The key issue will be you an Matthäus.“ Gascoignes Antwort: „Leave him to me, boss. Go and smoke your cigar!“ … halt in einem Geordieakzent. Gascoigne hat sich an seine Zusage gehalten. Darum musste Thomas Berthold das Problem dann auf die für die deutsche Fußballnationalmannschaft damals übliche Art regeln. Die gesamte deutsche Trainerbank rund um Beckenbauer hat hysterisch wie zwölfjährige Mädchen bei einem Konzert von Duran Duran eine gelbe Karte für Gascoigne gefordert und bekommen. Damit wäre der für ein Finale gesperrt gewesen und ein solches obsolet. So hat das Finale dann auch ausgeschaut.

Der Wein zur WM 1990:

Pinot Gris Vendange Tardif 1990, Domaine Josmeyer, Wintzenheim, Alsace

England 1996

Wieder. Wieder. Wieder, nur dass es dieses Mal ein paar fehlende Zentimeter gewesen sind, die Gascoigne in der Verlängerung zwei Meter vor dem leeren Tor an einer Flanke von Steve McManaman vorbei gerutscht ist. Damals hat die Golden Goal Regel gegolten. Der gesamte Weinjahrgang muss das gespürt haben. Herrn Rudolf ist es ähnlich gegangen. Darum hat er auch keinen Sechsundneunziger mehr im Keller. Traurig ist er darob überhaupt nicht.

Die deutsche Fußballnationalmannschaft

Wenn Sie jetzt sagen: „Der hat etwas gegen die deutsche Fußballnationalmannschaft“, dann haben Sie natürlich Recht. Noch mehr, der Rudl hat sich auch noch nie für einen deutschen Fußballverein begeistern können. Weder für einen erfolgreichen noch für einen sogenannten Kultklub. Trotzdem steht er nicht an festzuhalten, dass die Deutschen später für ihre Zumutungen 1982, 1986, 1990 und 1996 gebüßt haben. 2002 und 2006 wären sie dem Rudl seiner Meinung nach würdige und verdiente Weltmeister gewesen. Aber da haben andere ihren Antifußball aus den Achtziger und Neunziger Jahren erfolgreich kopiert.

Lernen Sie Geschichte, aber nicht ausschließlich!

Das alles heißt jetzt natürlich nicht, dass der Rudl heute eine Welt- oder Europameisterschaft ignoriert. Das geht ja gar nicht. Aber er hat bei den Dichotomien des Bildungssystems von Anfang an ganz klare Positionen bezogen: Lesen oder Rechnen? Rechnen. Musik oder Zeichnen? Musik. Französisch oder Griechisch? Französisch. Und Geographie oder Geschichte? Geschichte.

Privat. Aber die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils ist bekanntlich eine Bildungseinrichtung mit Öffentlichkeitsrecht. Als solche hat sie einen an Ganzheitlichkeit sowie humboldtschem Bildungsideal orientierten Bildungsauftrag und ist der Äquidistanz verpflichtet. Darum ergänzt Herr Rudolf das Weinprogramm dieser Woche um Franzosen, die sehr wohlwollend betrachtet, zumindest in der weiteren Umgebung der Austragungsstätten dieser Europameisterschaft aufgewachsen sind und sich trefflich als Matchbegleiter eignen, falls Ihnen einmal bei einem Match nach Wein sein sollte.

Hégoxuri 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest

Bordeaux und Toulouse

Altesse 2011, David und Frédérik Giachino, Chapareillan, AOC Roussette de Savoie

Saint Etienne, Lyon, Marseille und Nizza

Tradition Brut, Egly-Ouriet, Champagne

Paris, Saint Denis, Lille und Lens

Diesen Champagner könnten Sie in der Vinothek La Cave flaschenweise erwerben, für den Fall dass Ihre Lieblingsmannschaft das Finale gewinnt. Im Fall vom Rudl werden derartige Flaschen sehr alt.

Das Spiel Brasilien v Frankreich von der WM 1986 und die folgenden Weine (in Klammern Preise für 1/16 und 1/8)

  • Joseph 1978, Weingut Frank, Zurndorf, Neusiedlersee (nix)
  • Pinot Noir 1986, Artner-Thunshirn (jetzt Bio-Artner), Göttlesbrunn, Carnuntum (6/9)
  • Pinot Gris Vendange Tardif 1990, Domaine Josmeyer, Wintzenheim, Alsace (9/18)
  • Hégoxuri 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest (5/8)
  • Altesse 2011, David und Frédérik Giachino, Chapareillan, AOC Roussette de Savoie (3/5)
  • Tradition Brut, Egly-Ouriet, Champagne (10/20)

, wenn auch selbstverständlich nicht ausschließlich diese Weine, gibt es glasweise

am Donnerstag, den 9. Juni und am Freitag, den 10. Juni

von 16 Uhr bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Herr Rudolf freut sich, dass er wenigstens noch rechtzeitig zur Europameisterschaft ein würdiges Bier, das Bräustübl Märzen aus Salzburg Mülln zu kredenzen vermag.

Allez les dafts!

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