Schiefer. Ein Beitrag zur größten Bildungsreform aller Zeiten

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Die Welt hat den Atem angehalten. Wer da keinen oxidativen Wein an seiner Seite gehabt hat, ist ziemlich sicher einem Sauerstoffmangel erlegen und hat das epochale Ergebnis der Verhandlungen nicht mehr rezipieren können. Auf alle Fälle sind sie mitten in der Nacht vor die Kamera geschritten, ein Auge tränend gerührt, ein Auge erlöst müde: zuerst der Landeshauptmann von Kärnten, dann der Bürgermeister von Wien, nur Häuptling Lederstrumpf hat gefehlt. Dann wären sie vollständig gewesen, die Spitzen der drei glorreichen Bundesländer, von denen aus diese Republik regiert wird.

Aufkommensneutrale Angeberei

Das Ergebnis sprengt die kühnsten Erwartungen: von allem ein bissl mehr und alles aufkommensneutral. Mehr Schulautonomie und mehr Gleichschritt. „Individueller Bildungskompass“ für alle Kinder ab dreieinhalb Jahren, mit verpflichtenden Sprach- und Entwicklungsscreenings. Was passiert mit den Ergebnissen dieser „Entwicklungsscreenings“? Wer speichert sie wo? Wer wird einmal Zugriff auf diese Daten haben? Wer schützt sie wie? Welche Konsequenzen werden aus den Ergebnissen gezogen? Zuweisung in ein differenziertes Volksschulsystem? Und welche Experten bestimmen, was ein Dreieinhalbjähriger außer Legospielen können soll? NLP-Sichselbstverkaufstricks? Ein Tablett bedienen? Den Weg zum nächsten Designer-Outlet kennen?
Am allerwichtigsten ist sowieso High-Speed Internet in allen Klassen und Kindergarten-Spielecken.
Entwicklungstests für Dreieinhalbjährige, dafür ein Maturazeugnis für Tanzschulabsolventen. Umetikettierung statt Abschaffung. Präsentationstechniken statt Lesen, Schreiben und Rechnen. Geht’s der Wirtschaft(skammer) gut, geht’s uns allen gut. Und wahr ist, was auf das Berufsleben vorbereitet. Was auf das Berufsleben vorbereitet, bestimmen diejenigen, die so einen Topfen verzapfen.

Eh

Und wenn Sie jetzt sagen: „Das ist doch alles gut gemeint“, dann sagt Ihnen der Rudl: „Ja, da haben Sie vermutlich eh recht.“
Und wenn Sie jetzt sagen: „So schlimm wird das schon nicht werden“, dann sagt Ihnen der Rudl: „Ja, da haben Sie hoffentlich eh auch recht.“
Und wenn Sie jetzt sagen: „Und überhaupt übertreibt der Rudl da jetzt maßlos“, dann sagt Ihnen der Rudl: „Ja, da haben Sie eh sowieso recht.“
Aber wann sagt irgendwer dem Bildungssystem im Speziellen und der Realität im Allgemeinen, dass sie maßlos übertreiben?

Die Revolution der Schiefertafel

Konfrontiert mit so viel Esprit und Innovation kommt sich Schulmeister Rudolf ziemlich alt vor. Da wird ihm eine Schiefertafel wie vor einigen Wochen ein Stückl Kreide zum Inbegriff didaktischer Revolution.
Darum bedankt er sich diese Woche bei allen Bildungsexperten für diese epochale Reform mit glasweisen Weinen, die er dem Schiefer oder zumindest metamorphem Urgestein verdankt.

Schiste 2012, Domaine des Ardoisières, Cevins

Bis in die Fünziger Jahre ist in der Tarentaise (Tal der Isère) Wein angebaut worden. Bis 1998 immer weniger. Dann haben Michel Grisard, Mitbegründer der Renaissance des Appellations und Brice Omont begonnen, auf einem gleichermaßen kargen wie steilen Schieferhang Altesse zu pflanzen. Die Geburtsstunde der Cuvée Quartz von der Domaine des Ardoisières. Jacquère, Roussanne, Malvoisie und Mondeuse Blanche sind gefolgt. Daraus besteht Schiste – fünfundzwanzig Hektoliter Ertrag am Hektar. Das ergibt siebentausend Flaschen. Ausgebaut in drei- bis fünfjährigen Barriques, spontan vergoren und nur leicht filtriert. An und für sich verweigert sich Rudolf Polifka der boulevardesken Bild-statt-Wort-Logik. Beim Weingarten, in dem der Marestel von der Domaine Dupasquier wächst, hat er vor einem Jahr eine Ausnahme gemacht. Die Wiederbepflanzung des Weinbergs in Cevins provoziert gewissermaßen eine zweite:
… darüber hinaus „au verre“:
Muscadet Sèvre-et-Maine 2010, Domaine Brégeon, Gorges
Grüner Veltliner Federspiel Klostersatz 2014, Weingut Schmidl, Dürnstein
Schilcher 2013, Weingut Franz und Christine Strohmeier, Sankt Stefan ob Stainz
Zweigelt Kreuzegg 2010, Weingut Schnabel, Sausal
Grüner Veltliner Hollenburger Schifer 1983, Domäne Baron Geymüller

Nicht ausschließlich diese Weine

am Donnerstag, den 26. November und am Freitag, den 27. November
von 16 bis 22 Uhr
in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Nachrichten aus dem Flaschensortiment

Ab sofort sind Vitovska 2012, Teran 2011 und der Schaumwein Bela 2011 von Čotar aus dem Karst hinter Triest verfügbar.

Herr Rudolf wünscht allen Forscherinnen und Forschern im Alter zwischen dreieinhalb und hundertdreieinhalb viel Neugier und Unruhe!

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