Sauvignon Blanc gegen Jacquère – das ist Brutalität. Ein Rebsortenvergleich mit Maillet, Muster, Lucas, Dagueneau und Giachino

Fast überall und fast nirgends

 

Es gibt Rebsorten, die pflanzen sie fast überall an. Dass die meisten der aus diesen Pflanzereien hervorgehenden Weine dem Rudl nicht convenieren, ändert nichts an der Popularität der betreffenden Rebsorten. Den Rudl wundert das zwar, ändern tut dieser Umstand aber nichts. Sauvignon Blanc ist so eine fast global gut angeschriebene Rebsorte. Der veritable Hype um den Sauvignon hat vor etwa zehn Jahren stattgefunden, dürfte heute aber vorbei sein. Direkt schlecht angeschrieben ist diese Rebsorte freilich auch heute nicht.

Es gibt auch Rebsorten, die erfreuen sich in einer bestimmten Gegend fast kolossaler Beliebtheit. Abseits dieser Weingärten pflanzt sie aber niemand aus. So eine Rebsorte ist die in letzter Zeit immer mehr zur Lieblingsrebsorte vom Rudl avancierende Jacquère. Wäre Savoyen die Welt, dann wäre Jacquère quasi Chardonnay, beziehungsweise fast noch mehr. Denn auf die halbe Rebfläche des Planeten bringt es nicht einmal Chardonnay, Jacquère aber sehr wohl auf die halbe Savoyens.

 

Die global doch deutlich ungleiche Verbreitung von Sauvignon Blanc und Jacquère ist für Caviste Rudolf nicht der unwesentlichste Grund, Weine dieser beiden Rebsorten einem systematischen Vergleich zu unterziehen. Das häufig beschriebene Geschmacksprofil der beiden ein anderer.

 

Jacquère

 

Jacquère hat wenig Alkohol, schmeckt im gelungenen Fall nach Zitrusfrüchten, Almblumen, Ingwer oder, respektive und nach Feuerstein. Die dicken Beerenschalen erlauben eine für die steinigen und kalkreichen Weingärten am Fuß der Alpen späte Reife und schützen die engbeerigen Trauben vor Oïdium und Meltau. Mit der Bachforelle ist sie auf Du und Du wie der Cagney mit seinem „gfährlichn Lochn“ oder der Rudl mit dem „Retourgang“ und dem „Milchglos“. Aufgrund ihrer Frische schient die Jacquère Caviste Rudolf sowieso eine ziemlich kompetente, ja geradezu inspirierende Speisenbegleiterin zu sein. Darum nützt der Rudl wieder einmal die Gelegenheit, Sie daran zu erinnern, dass es ausdrücklich erwünscht ist, wenn Sie sich selber etwas zum Essen in die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils mitbringen. Gerne stellt Ihnen Herr Rudolf bei Bedarf auch seine elektrische Herdplatte und ein kleines Reindl zur Verfeinerung oder Aggregatszustandsänderung Ihres Papperls zur Verfügung.

 

Sauvignon Blanc

 

Da müsste man jetzt nicht so viel schreiben. Ein paar Details scheinen dem Rudl aber trotzdem bemerkenswert.

Eine der zum Saufüttern zahlreichen Namensvarianten für den Sauvignon lautet Uva Pelegrina – die Pilgertraube. Wäre die weite Verbreitung dieser Rebsorte mit einem Hang zu religiös motivierter Reisetätigkeit des Sauvignon zu erklären? Von den angeblich weißen Trauben ist nur Chardonnay verbreiteter als Sauvignon Blanc. Dass seine Anbauflächen erst in den zehn Jahren zwischen 2000 und 2010 um siebzig Percent auf über hundertzehntausend Hektar zugenommen haben, lässt den Erklärungsversuch mit dem Pilgern wieder eher unwahrscheinen. In dieser Dekade hat die Popularität des Pilgerns ihren Höhepunkt doch schon um ein Zeitl überschritten gehabt.

Methoxypyrazinen heißt man die Objekte, die für das traditionell dem Sauvignon zugeschriebene Geschmacksbild verantwortlich zu machen sind. Dass auf Weinetiketten und –karten sauvignonbetreffend wie bei sonst kaum einer anderen Rebsorte regelmäßig dieselben drei Nomen strapaziert werden, findet der Rudl armselig und vor allem ungerecht. Es drängt ihm zudem die Vermutung auf, dass da dann nicht immer nur die Weinbeerln, sondern manchmal mehr die Heferln im Spiel sind. Auch davon scheint kaum eine andere Rebsorte derart uniformiert und phantasielos traktiert zu werden wie Sauvignon Blanc.

Angeblich gelten Loire als Heimat und Traminer sowie Chenin Blanc als Eltern des Sauvignon. Das erscheint dem Rudl insofern bemerkenswert, als eine seinerzeitige Bezeichnung dieser Rebsorte in Österreich Muskat Sylvaner lautet. Am Beginn des vorigen Jahrhunderts haben sie rund um Pouilly-sur-Loire und Sancerre eine im Vergleich mit heute fast atemberaubende Rebsortendiversität aufgegeben, um alles mit dem gut drei Wochen früher reifenden Chasselas vollzupflanzen – Tafeltrauben für die Metropole. Die Pariser haben ihre Weintrauben dann aber bald lieber aus Italien und Spanien gekauft und das Weinbaugebiet Centre Loire hat sich mit Haut und Haar dem Sauvignon verschrieben. Didier Dagueneau war der erste, der die Trauben seiner Parzellen separat vinifiziert hat.

Hinsichtliche Reifezeitpunkt und dicker Haut sind Sauvignon und Jacquère einander nicht unähnlich, hinsichtlich Frost- und Pilzempfindlichkeit aber umso mehr.

Caviste Rudolf erachtet es als unseriös, die beiden Rebsorten ohne Reglement einfach zu vergleich. Zu viele unterschiedlich Weinstile und Interpretationen gibt es. Drum legt der Rudl das Duell in drei Kategorien an: Jungwein, eher reiferer Wein und maischevergorener Wein. Auf zwei gewonnene Duelle. Das heißt, es muss eine Siegerin, respektive einen Sieger geben.

Auf Wunsch kredenzt Caviste Rudolf die Weine verdeckt und löst das Rätsel nach dem Vergleich auf.

 

Jacques Maillet …

 

… ist ein Original. Um das zu bemerken, muss man ihm nicht besonders lange zuhören. Ein Schnurrbart als Lebenshaltung. Wenn Passionierte vom Weinforum La Passion du Vin Recht haben, kann man der Jacquère von Jacques Maillet Pouilly-Fumés von Dagueneau an die Seite stellen, ohne dass erstere schlecht dasteht.

Seine Art, Wein zu machen, nennt Jacques Maillet Ni-Ni-Ni. Das ist kein Zitat aus einem genialen Film der Monty Pythons über die Artussage, sondern heißt vielmehr „Weder-noch-und schon gar nicht“. Gemeint ist, dass Jacques seine Weine in keiner Weise anreichert, nicht filtriert und auch nicht schönt, wenn irgendwie möglich auch nicht oder nur ganz minimalistisch schwefelt.

Am übereifrigen Ertrag müssen die Jacquère-Reben von Jacques Maillet nicht gehindert werden. Dazu sind sie zu alt und zu konsequent selektioniert.

Jacquère, Mondeuse und Altesse stehen im Weingarten „Cellier des Pauvres“. Der ist süd-westlich ausgerichtet und weist eine Steigung von zwanzig bis fünfzig Percent auf. Er schaut aus mehr oder weniger dreihundert Metern Meereshöhe auf die Rhône hinunter. Wein aus dem Rhônetal, aber nicht aus der Weinbauregion Rhône, dazu ist das noch zu weit am Oberlauf des gleichnamigen Baches.

Der pickelharte Sandstein und das Geröll aus Ton und Kalk sind charakteristisch für die Chautagne, eine Rotweinenklave in der Weinbauregion Savoyen. Mittlerweile quittiert Monsieur Jacques es mit einem milden Lächeln, wenn der Rudl in privater Mission bei ihm trotzdem immer Weißwein kauft. Und der Rudl hat es inzwischen auch kapiert, dass die Mondeuse von Jacques Maillet ein beachtenswerter Wein ist.

Die Chautagen, aber das hat Monsieur Polifka auch schon mitgeteilt, wird „Provence de Savoie“ genannt. Olivenbäume und ein paar andere Pflanzerl deuten darauf hin, dass es sich dabei nicht um Angeberei des örtlichen Tourismusverbandes handelt.

 

Les Vignes des Paradis. Ein Sonderling

 

Dominique Lucas ist nicht nur einer der wenigen Weinbauern, die ein Weingut in Hoch Savoyen und eines in der Burgund besitzt. Er hat in Hoch Savoyen auch Sauvignon Blanc ausgepflanzt. Für die Appellation Vin de Savoie Protegée ist das nicht vorgesehen. Deshalb muss Monsieur Lucas seinen Sauvignon als IGP Vin des Allobroges etikettieren. Sauvignon Blanc, der auf den Genfer See schaut und inmitten einer Chasselas Übermacht aufwächst.

 

Sauvignon Blanc 2015, Les Vignes des Paradis, Dominique Lucas, Ballaison, IGP Vin des Allobroges

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Jacquère 2015, Jacques Maillet, Serrières-en-Chautagne, AOP Vin de Savoie

 

David und Fréd Giachino

 

Jacquèrerebstöcke an den Ufern des Lac de Saint André. Dort liegen Felsblöcke von einem Felssturz im Jahr 1248 herum. Dazwischen wächst der Apremont von Giachino.

 

Domaine Didier Dagueneau

 

Wagemutig. Nonkonformistisch. Perfektionistisch. Damit ist alles geschrieben über Didier Dagueneau.

Noch einmal trotzdem. Ob man einen Weinbauern, der das Wegerl, in dem sich sein Hof befindet, Rue Ernesto Che Guevara nennt, Sauvignon-Papst nennen soll, überlässt der Rudl wem immer Sie möchten. Andererseits hat sich der Meister ja gern einen Sport daraus gemacht, kreativ auf das Schreiben und Treiben von Weinjournalisten zu reagieren. Da hat das renommierte Duo Michel Bettane und Thierry Desseauve seinen Buisson Menard irrtümlich „Buisson Renard“ genannt, für Didier Dagueneau ein Anlass, seinen Wein fürderhin „Buisson Renard“ zu  nennen. Tatsache ist, dass es ohne das Werk von Didier Dagueneau mit dem Sauvignon und Pouilly Fumé doch um einiges schlechter ausschauen würde. 1982 hat er als Winzer begonnen. Um alles anders zu machen. Nicht die allerschlechteste Motivation, wenn es nach dem Rudl geht. Leider lebt Didier Dagueneau nicht mehr und viele sind es nicht gewesen, die es seinem Sohn zugetraut haben, die Weine auf dem Niveau jener seines Vaters zu halten.

Doch Monsieur Rudolf hat nicht erst einmal gelesen, dass die Weine von Louis-Benjamin Dagueneau die seines Vaters an Präzision noch übertreffen.

Ein ideales Gleichgewicht von aromatischer und physiologischer Reife ist das Kennzeichen der Weine von der Domaine Didier Dagueneau. Darum sucht man viele der klassischen Sauvignonaromen in ihnen umsonst. Feigen, Marillen, Grapefruits, schwarze Ribisel und Mango sucht man in ihnen nicht umsonst.

Den  Blanc Fumé de Pouilly hat Didier Dagueneau nach der früheren Bezeichnung für die Appellation benannt. Ausgebaut wird er genau so wie Silex, Pur Sang und Buisson Renard.

Apremont 2010, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie

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Blanc Fumé de Pouilly 2010, Domaine Didier Dagueneau, AOC Blanc Fumé de Pouilly, Loire

 

 

Gräfin 2015, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steiermark

 

Sauvignon Blanc ungefähr von der Mitte des Hanges. Zwei bis vier Wochen auf der Maische vergoren.

 

Marius et Simone 2015, David und Fred Giachino, Chapareillan

Zwanzig Tage auf der Maische. Der Herr Oberlehrer hat den Rudl darauf aufmerksam gemacht, dass ihn dieser Wein an die Gräfin erinnert. Motiv genug, dem empirisch auf den Grund zu gehen.

 

Die folgenden Weine …

orange

  • Marius et Simone 2015, David und Fred Giachino, Chapareillan (4/6)
  • Gräfin 2015, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steiermark (5/8)

ein bissl reif

  • Blanc Fumé de Pouilly 2010, Domaine Didier Dagueneau, AOC Blanc Fumé de Pouilly, Loire (9/14)
  • Apremont 2010, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie (4/6)

jung

  • Sauvignon Blanc 2015, Les Vignes des Paradis, Dominique Lucas, Ballaison, IGP Vin des Allobroges (5/8)
  • Jacquère 2015, Jacques Maillet, Serrières-en-Chautagne, AOP Vin de Savoie (4/6)

 

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

… aber selbstverständlich nicht ausschließlich diese Weine kredenzt der Rudl glasweise

 

am Mittwoch, den 14. Juni und am Freitag, den 16. Juni

jeweils von 16 bis 22 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

 

Vorschau auf die Lehrveranstaltungen vom 21. und 23. Juni:

ziemlich sicher Monfarina von Giachino 2009, 2011, 2013 und 2015

 

Herr Rudolf grüßt global und lokal!

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