Les Fils de Charles Trosset. Ein neuer Weinbauer und Professor im Sortiment vom Rudl, und noch einmal Malvazija von Čotar


Seinerzeit im Seewinkel

 

Der Rudl hat im Jahr 1983 zum ersten Mal osteuropäischen Boden betreten. Bis dahin war Steyr das Äußerste gewesen, was die Eltern vom Rudl als einem Heranwachsenden zumindest nicht abträglich erachtet haben. Warum gerade im Dreiundachtziger Jahr in halsbrecherischer Manier das Risiko eines Urlaubs ohne Blick auf Felsenwände eingegangen worden ist, entzieht sich dem Rudl seiner Kenntnis.

Aber der Rudl kann es heute noch spüren, wie sich auf der Fahrt durch das Salzkammergut, über das Stift Admont, die Bucklige Welt und das Leithagebirge in den bereits in der Finsternis liegenden Seewinkel der Blickwinkel verändert hat. Vor zehn oder zwanzig Jahren noch hat Herr Rudolf diese Erfahrung als uneingeschränkt positiv bewertet, wahrscheinlich ist sie das.

 

Optik und ein Plädoyer gegen Gnadenlose und Gnadenloses

 

Teil dieses Blickes waren normal zur Straße verlaufende Rebzeilen, durch die man aus einem fahrenden Auto schauen konnte. Und niedrige, aneinander gewachsene Häuser vor denen Schaukästen mit Weinflaschen gestanden sind.

In diesen Schaukästen hat man das Weinsortiment des jeweiligen Betriebes anschauen können. Heute nennt man so etwas vermutlich Portfolio, dem Rudl seines Erachtens ein wenig treffsicherer Terminus. Weder in der Computer-, noch in der Marketingsprache dürften ja die allergrößten Sprachgiganten das Sagen haben. Das unsägliche „Portfolio“ sollte man des Rudls Erachtens durch „Schaukasten“ ersetzen. Da steckt dann wenigstens der Imperativ, ohne den die pseudo-liberale, kapitalistische Ideologie nicht auszukommen scheint, gleich drinnen. Du darfst. Und zwar fast alles, außer auf das, was gerade angesagt ist, zu pfeifen. Wer sich das erlaubt, dem präsentiert sich der Zeitgeist von einer ziemlich schmähfreien und gnadenlosen Seite. Musts und Mustnots.

Wagt es heute einer, auch nur frisuren-, bekleidungs- oder kommunikationstechnisch gegen die reine Lehre zu verstoßen, dann kennen die Modernisierungsgewinnler keine Würschtel. Dann wird gedisliked, excludiert und sozial eliminiert, dass die Funken spritzen. Im Vergleich dazu nimmt sich die Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis aus wie Ratschenbuben.

So oder so, dem Imperativ der Schaukästen mit den Bouteillen drinnen hat der Rudl schon in den Achtziger Jahren Folge geleistet. Er hat damals weder Wein gekauft, noch Wein getrunken, aber immer gerne in diese Kästen geschaut.

 

Heute

 

weisen diese Schaukästen weniger auf den Wein, denn auf ein schon längere Zeit nicht geändertes Marketingkonzept des jeweiligen Hauses hin. Genau darum gefallen dem Rudl diese Kästen immer noch.

 

Completely different

 

Dann gibt es Weingüter ohne Schaukasten. Auf manche von denen weist nicht einmal ein Schild hin. Trotzdem kennt sie, wer sie kennen will.

 

Und dann

 

gibt es Weinbaumeister, die es auch ohne Weinzeitschriftenleserinnen und -leser, die am Wochenende anläuten, aushalten.

Edmond Vatan in Chavignol ist so einer. Den wollte der Rudl vor drei Jahren besuchen. Nicht nur, dass sich in keiner depperten Cloude dieser oder irgendeiner anderen Welt ein Hinweis auf den Wohnsitz von Monsieur Vatan finden würde. In einer örtlichen Ziegenkäserei hat man den Rudl auf seine Frage nach Edmond Vatan zuerst gegengefragt, was er dort wolle, und ihn auf seine Antwort „Wein kaufen“ als nicht auskunftswürdig erachtet.

Bei Joseph Trosset in Arbin ist es dem Rudl ähnlich ergangen. Nur dass es der Rudl dort in drei aufeinander folgenden Jahren versucht hat. Anders als beim Wein von Edmond Vatan war der Weiße von Trosset nicht einmal im einschlägigen Fachhandel zu finden.

Ungefähr ist das Weingut ja zu lokalisieren gewesen. Der Rudl hat sowohl 2015 als auch 2016 angerufen, E-Mails geschickt, an etlichen Türen geklopft und diverse Passanten gefragt. In das Weingut gelangt ist er nicht. Im dritten Jahr war der Herr Rudolf dann erfolgreich. Der Professor hatte schon im Vorfeld ein E-Mail beantwortet. In der Folge hat der Rudl einen Termin für einen Besuch bekommen. Monsieur Trosset muss den Rudl dabei mit einem Reisebus verwechselt haben. Zumindest hat die vorbereitete Käseplatte diesen Schluss nahegelegt. Die sollte dann eh weitgehend unberührt bleiben. Monsieur le Fils hat an diesem Tag andere Pläne gehabt, als großen Menschen beim Weinkosten zu assistieren. Der Rudl wiederum hat andere Pläne gehabt, als sich von einem Potpourri aus Murren, Raunzen, Zerren, Davonrennen und schlussendlichem Toben eines Vierjährigen von seinem Ansinnen abbringen zu lassen. Und dass in den Weingärten vom emeritierten Geologen alles andere als durchschnittliche Mondeuse und Roussanne wachsen muss, das hätte der Rudl sogar mitbekommen, wenn der Fils das gerade erst gefunde Domizil von Herrn Trosset mittels Presslufthammer zum Einsturz gebracht hätte. Für einen Universitätsprofessor wird das Verhalten vom Fils nichts gänzlich Neues gewesen sein. Als so einer wird er Erfahrungen mit ungewöhnlichen Verhaltensweisen Heranwachsender gemacht haben. Diesbezügliche Unterschiede zwischen der Mäusegruppe eines Kindergartens und manch mitteilsamen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eines Proseminars an einer Universität werden ja auch überschätzt, zumindest dem Rudl seiner Erfahrung nach.

Dass der Emeritus und dessen Bruder mittlerweile nur mehr gut zwei Hektar, die mit den älteren Rebstöcken, bewirtschaften, keine Herbizide versprühen und mit der Hand ernten, das hat der Rudl vorher schon gelesen gehabt, dass ihre Weine zur Referenz in Sachen Mondeuse zählen, detto. Frische, aromatische Präzision und langes Reifepotential, liest man immer wieder.

Dieses Mal lässt sich der Rudl glatt zu ein paar Wörtern über den Geschmack der Weine hinreißen, sicherheitshalber zu jenen Wörtern, die am Rücketikett der jeweiligen Flasche stehen.

 

Chignin-Bergeron „Symphonie d’automne“ 2015 und 2016

 

Auf steilen Geröllhängen bei Torméry steht das, was sich Monsieur Trosset von seinen Roussanne Weingärten behalten hat, nullkommadrei Hektar. Das erklärt vielleicht, warum sie bei Carrefour nicht im Regal stehen.

Roussanne, wie sie sich der Rudl einreden lässt. Comté ist keine Fehlbesetzung neben diesem Wein, Geflügel in Sauce wahrscheinlich auch nicht. Hier spricht der Boden.

Der Fünfzehner vielleicht für die, bei denen Geduld nicht unter den Top Five der Hauptpersönlichkeitsmerkmale rangiert, der Sechzehner eher für die, die dem Warten etwas abgewinnen können.

Mondeuse „Harmonie“ 2016

 

Intensives Purpur, schwarze Kirsche, feine und gepfefferte Tannine. Straff und eher floral. Es ist nicht so, dass man den Wein jetzt schon trinken müsste. Traditionelle Methoden im Weingarten und im Keller, womit nicht die Traditionen der letzten dreißig Jahre, sondern die der davor gemeint sind.

Perisphinctes achilles“, das sind die versteinerten Schnecken im Boden und am Etikett dieses Weines. Joseph Trosset nennt sie das „Gedächtnis der Erde“, das auf diesem Fleck vor 160 Millionen Jahren daheim gewesen ist. Den Rudl erinnern diese Versteinerungen an seine Kindheit.

 

Mondeuse „Confidentiel“ 2015

 

Farblich wie die Harmonie, geschmacklich eher in der Brombeerhecke, Lakritze, Pfeffer, tanninemäßig zugeknöpft bis streng, vielleicht eine Spur rauchig.

Reden wir in zehn Jahren darüber.

 

Čotar, Malvazija

 

Die letztwöchige Warnung, dass am 6. April gegen Sperrstund‘ vielleicht nicht mehr von allen geöffneten Malvazijajahrgängen etwas da sein könnte, hätte sich der Rudl sparen können. Auch die sieben Jahrgänge Malvazija von Branko und Vasja Čotar, 2001 bis 1006 sowie 2015, kredenzt Monsieur Rudolf diese Woche noch glasweise.

 

  • Chignin-Bergeron „Symphonie d’automne“ 2015, Les Fils de Charles Trosset, Arbin, AOP Vin de Savoie (4/6)
  • Chignin-Bergeron „Symphonie d’automne“ 2016, Les Fils de Charles Trosset, Arbin, AOP Vin de Savoie (4/6)
  • Mondeuse „Harmonie“ 2016, Les Fils de Charles Trosset, Arbin, AOP Vin de Savoie (4,50/7)
  • Mondeuse „Confidentiel“ 2015, Les Fils de Charles Trosset, Arbin, AOP Vin de Savoie (4,50/7)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

selbstverständlich nicht ausschließlich diese Weine gibt es glasweise

am Mittwoch, den 11. April und am Freitag, den 13. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Neues aus dem Flaschensortiment

Herr Rudolf freut sich, ab sofort etliche Weine von Maria und Sepp Muster wieder anbieten zu können:

  • Gelber Muskateller vom Opok 2015
  • Graf Sauvignon 2015
  • Graf Sauvignon 2005
  • Gräfin 2015
  • Erde 2015

und darüber hinaus auch den

  • Ruländer 2015 vom Weingut Dorner in Mureck

und den

  • Zierfandler 2017 von Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen,

Letztere zwei Weine aus zwei wirklichen Bio-Pionierweingütern.

Vorschau auf den 18. und 20. April

Pinot Gris, vlg. Ruländer und eine Hommage an einen Ö3-Redakteur einer Zeit, in der Menschen mit Herz, Hirn und Format bei diesem Sender gearbeitet haben.

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt diese Woche versteinert!

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