Eine kleine Schilcher-Vertikale von Sepp Muster, andere gelungene Rosés und alles, was es aus sprachwissenschaftlicher Sicht über den Unterschied zwischen manchen Orangeweinen und manchen Rosés zu schreiben gibt

Wochen, in denen Rosé im Mittelpunkt eines Weinthemas der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils gestanden ist, gehören in der Geschichte des Geschäfts vom Rudl nicht gerade zu den großen Erfolgen, zumindest wenn man „Erfolg“ als umsatzorientierte Größe betrachtet. Trotzdem lässt das Roséthema den Rudl nicht ganz los. Dabei ist er nicht einmal ein ausgewiesener Roséfreund. Sonst den farblichen Zwischentönen nicht abgeneigt hat er sowohl mit vielen Rosés als auch mit deren komplementären Orangeweinen immer wieder seine Probleme. Was ihn an beiden manchmal stört, hängt linguistisch betrachtet an der Differenz zwischen r und l, linguistisch ausgedrückt an zwei läppischen Merkmalen.

Phonologie

Laute können sich in drei Kategorien voneinander unterscheiden.

Hinsichtlich ihrer Artikulationsart kann ein Laut explodieren, verwirbeln, reiben, näseln, vibrieren oder seiteln. Ein anderer Unterschied kann den Artikulationsort von Lauten betreffen. Der kann auf den Lippen, den Zähnen, der Zunge, dem Gaumen oder am Kehlkopf sein. Und Laute können stimmhaft oder stimmlos sein. Im einen Fall haben die Stimmbänder einen Auftrag, im anderen nicht. R und L sind beide stimmhaft, unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Artikulationsart und ihres Artikulationsortes jedoch nur minimal. R vibriert in der Mitte, wohingegen L auf die Seiten ausweicht. Darüber hinaus strapaziert L die Zähne, R wird am Gaumen gebildet. Sonst nichts. Und so eine Lappalie wie der Weg zwischen dem Rachen und der Zunge macht dann phonologisch den Unterschied zwischen Frucht und Flucht. Dabei bestehen die Wörter noch aus vier anderen Lauten, die alle auch einen Artikulationsort, eine Artikulationsart und eine oder eben keine Stimmhaftigkeit haben. Das wären zwölf Möglichkeiten sich von einander zu unterscheiden. Aber nix. Im einen Fall ist das Resultat der Jahresarbeit einer Pflanze gemeint, im anderen Fall die absichtliche Wegbewegung von einem Ort, einem Menschen oder einer Sache, die man zu seinem Glück ungefähr so dringend braucht wie einen klemmenden Reißverschluss, oft genug auch noch viel weniger dringend. Der Kurtl hat dieses Thema im Zweiundneunziger Jahr im Text „Radl noch Rio“ abgehandelt.

Um zu den Weinfarben zurückzukommen: Bei vielen Rosanen stört den Rudl ein Überschuss an Frucht, zumal wenn sie nicht natürlich ist, bei etlichen Orangenen wiederum macht eine Säure Hals über Kopf einen Abgang, was im Rudl seinerseits dann Flucht- oder zumindest Nichttrinkreflexe aktiviert. Und bei manchen so sogenannten Kultnaturweinen scheint sich Aciditätsflucht geradezu als Statussymbol wichtig zu machen. Dann für den Rudl lieber doch Kulturwein. Sonst wäre die gesamte kultur- und zivilisationstechnische Hackn von Noah abwärts ja regelrecht für die Haare gewesen.

Diese Woche kredenzt Caviste Rudolf auf alle Fälle Rosés, bei denen Sie unter Garantie kein Flankerl künstliche Fruchtigkeit finden werden.

Schilcher von Maria und Sepp Muster aus Schlossberg in der Südsteiermark

Kalk, Mergel und Ton hindern die Wildbacherstöcke vom Maria und Sepp Muster an der Flucht zu ihren Kolleginnen und Kollegen in der Weststeiermark, und zu den Roteribisel-Stauden dort. In der Weststeiermark ist der Schilcher an und für sich zu Hause, nicht ausschließlich dort, aber vor allem dort. Und in der Tat ist eine Lehrverasntaltung zum Thema Schilcher und Rosé ohne Wein von Franz Strohmeier aus Lestein maximal ein halbe Sache. Blöderweise oder erfreulicherweise, je nachdem wie man das halt so sieht, liegt Lestein ein bissl abgelegen. Dort kommt der Rudl äußerst unregelmäßig und vor allem selten hin, jetzt schon ein Zeitl gar nicht, beziehungsweise nur am Sonntag. Am Sonntag will der Rudl selber, abgesehen von zwei Ausnahmen im Jahr, seine Ruhe haben. Und weil er den kategorischen Imperativ von Monsieur Kant für eine ziemlich gscheite Sache hält, geht Caviste Rudolf davon aus, dass auch ein Weinbaumeister am Sonntag sein Recht auf Ruhe hat. Nur ist das eine andere Geschichte. Irgendwann wird Caviste Polifka wieder in Lestein antanzen, dann wird es hoffentlich wieder etwas Rosanes von Franz Strohmeier geben und der Rudl wird es nachreichen.

 

Zurück nach Schlossberg

 

Dass die Weingärten von Maria und Sepp Muster ziemlich steil sind, hat der Rudl nicht erst einmal erwähnt. Dass die Kessellagen weitgehend verhindern, dass übereifrige Kunden des Spritzmittelnahversorgers ihren Dreck auch auf die Weingärten vom Graf-Hof verfrachten, detto. Diesbezüglich haben Maria und Sepp Muster das gleiche Glück wie Jacques Maillet.

Tage können auf den Steilhängen rund um den Graf ziemlich heiß werden, Nächte sind dort oben kühler als in vielen anderen Weinbaugebieten. Das ist für das Aroma und die Frische der Trauben nicht so schlecht.

Rosé vom Opok 2014, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2013, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2012, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Schilcher 2010, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark

Ob es eher ein erfreulicher oder eher ein tadelnswerter Reflex ist, bei besonders guten Weinen aus Österreich schnell über ein französisches Pendant nachzudenken, müssen Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, selber beurteilen. Der Rudl tendiert eher zu Letzterem. Trotzdem ist es ein Reflex von ihm. Wenn es um einen französischen Rosé, den man sinnvollerweise mit Schilcher von Maria und Sepp Muster vergleichen kann, geht, dann muss Herr Rudolf nicht lang nachdenken. Dann ist es der von den Riouspeyrous.

Irouléguy Rosé 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest

Der Weinbau in der Pyrenäenappellation Irouléguy war im elften Jahrhundert Sache der Mönche von Roncevaux. Die haben damit die Pilger am Weg nach Santiago de Compostela verköstigt und dabei ein ganz schönes Knödel verdient. Irgendwann sind dann Reisebüros gegründet worden und das Pilgern scheint an Attraktivität verloren zu haben. In Anbetracht der Kollateralschäden damaligen Pilgerns, muss man das auch gar nicht bedauern, wobei natürlich der Massentourismus auch kein Lärcherl ist, aber halt doch nicht so stark bewaffnet.

Dass der Weinbau in Irouléguy an Bedeutung verloren hat, ist ein Euphemismus und auch nicht nur auf das gesunkene Prestige des Pilgerns zurückzuführen gewesen, sondern auch auf Heinrich IV., Protektionismus und natürlich auf die Reblaus. Ohne die 1954 gegründete Genossenschaft Cave d’Irouléguy würde es in dieser Gegend womöglich gar keinen Weinbau mehr geben. Sie zählt heute zu den renommierstesten des Landes und war sicher auch ein Grund, warum die sonst nicht immer ganz flexible französische Weinadministration 1970 Irouléguy den Status einer Appellation verliehen hat.

Jetzt selektioniert man akribisch Reben und stimmt sie auf die Terroirs ab. Die Rebfläche wächst wieder und hält bei 220 Hektar, größtenteils Terrassenlagen.

Die Bezeichnung „Winterrosé“ deutet schon darauf hin, dass der Irouléguy Rosé von den Riouspeyrous kein gerbstoff- und gesichtsloses sommerliches Fruchtwasserl ist, sondern zum Beispiel ziemlich großartig zu gegrillten Würsteln von den Wursthaberern passt.

Jetzt darf der Rudl natürlich keinen Griller in seinem Geschäft aufstellen, aber ein Reindl und eine E-Herdplatte kann er Ihnen schon anbieten, wenn Sie sich ein Wursthaberer-Würstel oder irgendetwas anderes, das durch Hitze veredelt werden will, als Weinbegleitung mitbringen.

Achtzig Percent Tannat, zwanzig Cabernet Franc, Fe-hältiger Sandstein, Handlese und zweimalige ebensolche Auslese, parzellenspezifische Vinifizierung und Spontanvergärung, vorsichtiger Saftabzug, keine Malolaktik und Ausbau auf der Feinhefe, so viel zu den mehr oder weniger technischen Daten des Rosés von der Domaine Arretxea.

 

Rosé 2013, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

An der Seite der oben beschriebenen Exemplare könnte dieser Rosé vielleicht wie ein Zugeständnis an die Zugänglichkeit dastehen. Von den Erbeer- und Himbeeroiden, die jetzt dann fast überall zwischen Bernhardsthal und der Strandpromenade von Saint Tropez ausgeschenkt werden, unterscheidet sich aber auch der erheblich. Soviele Zweitausenddreizehner Rosés sind es nicht gewesen, die erst 2016 in Verkauf gekommen sind. Gamay und Pinot Noir vom Kalk aus dem Kimmeridge.

Guett in Reuth 2011, Reiterhaindl, Großgmain bei Salzburg, Bergland

Ein Wein als Gegenstück zu den Wiener Qualitätsblättern, gratis, aber hoffentlich nicht umsonst.

Folgende Weine, aber nicht ausschließlich die folgenden gibt es diese Woche glasweise in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils

  • Rosé vom Opok 2014, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2013, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2012, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Schilcher 2010, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Südsteiermark (3/5)
  • Irouléguy Rosé 2014, Domaine Arretxea, AOC Irouléguy, Sud Ouest (3/5)
  • Rosé 2013, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2,50/4)
  • Guett in Reuth 2011, Reiterhaindl, Großgmain bei Salzburg, Bergland (-)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

am Mittwoch, den 17. Mai und am Freitag, den 19. Mai

jeweils von 16 bis 22 Uhr

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Vorschau auf die Lehrveranstaltungen vom 24. Mai:

Happy Birthday, Paul Gascoigne!

Freitag, 26. Mai geschlossen

Herr Rudolf grüßt stimmhaft!

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

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