Das ά und ώ der Alpen: vom Jura bis zu einer Gehsteigkante am Fuß des Laaer Bergs

 

Ausbildungsideologien

 

Etliches, was der Rudl in der Schule gelernt hat, bereut er heute. Und noch viel mehr bereut er, dass er damals noch viel mehr nicht gelernt hat. Geologie, zum Beispiel. Das hat ihn nicht interessiert, darum hat er da auch nicht aufgepasst. Als Sechzehnjähriger hat er das damit gerechtfertigt, dass er das nie brauchen wird. Damit hat er Recht gehabt. Ein Blödsinn war es trotzdem. Dass dieser halbwüchsige Zugang zur Bildung, demnach man lediglich das lernen soll, wovon irgendwer glaubt, dass man es irgendwann einmal braucht, ein viertel Centennium später Dogma österreichischer Bildungs(?)politik(?) sein wird, quasi auf „Was bringt sich das?“, das konnte der Rudl als Halbwüchsiger nicht wissen und er übernimmt dafür auch keine Verantwortung.

 

Mesozoisches

 

Auf alle Fälle hat der junge Herr Rudl aus der Schule nicht viel mehr geologische Substanz herüber gerettet als die Drei-Wort-Wendung „Trias, Jura, Kreide“. Von chronologischer Einordnung keine Spur und auch sonst nix. Jetzt hat aber ein Reindorfer Literat und Philosoph schon vor Jahren herausgefunden, dass es nie zu spät für eine glückliche Kindheit ist. Und darum erforscht der Student Rudl die Geologie halt erst jetzt, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Wechselwirkung mit vergorenen Getränken und deren geschmacklicher Implikationen. Im Heimstudium. Aus de gscheidn Biachln sozusagen. Aus so einem – von einem gewissen Wilson – weiß er zum Beispiel, dass es sich bei besagten „Trias, Jura, Kreide“ um das Erdmittelalter handelt. Und das ist verglichen mit dem konventionellen Mittelalter relativ eindeutig eingrenzbar. Es hat am 1. Jänner 229998001 vor Christus begonnen und am 31. Dezember 66998001 auch wieder vor Christus an die Erdneuzeit übergeben. Und zwar auf der ganzen Welt einheitlich. Das unterscheidet das geologische Mittelalter vom nicht-geologischen.

 

Jura

 

Fast mitten im Erdmittelalter war das Jura. Vor 195 bis 137 Millionen Jahren, wer es genau wissen will. Und oenologisch hat es – wenn es nicht so felsig wäre, möchte man fast sagen – das Feld bereitet für einige gar nicht so unwesentliche Weinberge. Den von der Domaine Didier Dagueneau in Pouilly-sur-Loire, zum Beispiel. Aber auch für Chablis, die Côte d’Or, einen Teil von Savoyen und vom Elsass, den Norden von Cognac und Cahors. Selbstredend auch für das Jura.

 

Old School

 

Man sagt, dass man ins Jura fahren muss, wenn man herausfinden will, wie französische Weine früher geschmeckt haben. Wo wird man eigentlich in fünfhundert Jahren hinfahren müssen, wenn man schmecken will, wie dann vor fünfhundert Jahren ein Sauvignon Steirische Klassik geschmeckt haben wird?

Das französischen Jura umfasst die Appellationen Côte du Jura, Château-Chalon, Etoile und Arbois. Letztere ist die älteste Appellation Frankreichs. Sie hat 1936 das Appellationenlicht der Welt erblickt. Dreißig Jahre vorher hatte dort die erste Genossenschaftskellerei Frankreichs eröffnet. Und der Vater der Oenologie, Louis Pasteur, Erforscher der Hefen und Bakterien bei der Verwandlung von Traubenzucker in Alkohol, kommt auch aus Arbois. Jacques Puffeney hat gerade seine zweiundfünfzigste Lese eingebracht und wird von seinen Winzerkollegen „Pape d’Arbois“ genannt. Zwei Audienzen in seinem Keller gehören zum Beindruckendsten und Unspektakulärsten, was Monsieur Rudolf und sein Fils in Sachen Wein erlebt haben.

 

Berge mit Migrationshintergrund und die Gehsteigkante an der Ostbahn

 

Geologische Tatsache ist, dass sich ein Stein aus Chassagne von einem aus Arbois nicht erkennbar unterscheidet. Viele Weine aus Chassagne und aus Arbois unterscheiden sich von einander aber ganz deutlich. Soviel zu der Frage, ob der Mensch oder der Boden den Wein macht. Es gibt zwar immer mehr Weine aus dem Jura, die den Gaumen von Unvorbereiteten nicht durch Unbekanntes überfordern wollen. Die werden dann „vin floral“, „ouillé“ oder irgendwie anders genannt, aber die sind irgendwie so, wie wenn man ins Müllner Bräustübl auf einen Kaffee gehen würde.

Denn die Weine aus dem Jura sind etwas Besonderes. Geologisch wachsen sie auf der Bruchstelle, wo die Vorberge der Alpen – dieses imposante Resultat eines Buserers der eurasischen Platte gegen die afro-arabische – aus der Ebene herauswachsen und westnordwestlich, wenn Sie so wollen, beginnen. So ähnlich wie diese eine Gehsteigkante am anderen Ende der Alpen, dem Fuß des Laaer Bergs. Der oben erwähnte Reindorfer Philosoph hat vor Jahrzehnten einmal darauf hingewiesen, dass an ebendieser Gehsteigkante die Alpen in die pannonische Tiefebene übergehen., wenn Sie sich erinnern. Dort ist es heiß, was wiederum ideale Bedingungen für das Entstehen genialer Musik darstellt.

Das Jura ist vom Material her geologisch nichts Besonderes, aber von seiner Entstehung her: Als sich nicht nur der Untersberg, sondern mit ihm auch der Rest der Alpen, vertikal aufstellten, wurde das tief unter der Erde von flüssigen Salz- und Schieferschichten horizontal geschmiert, sodass riesige Gesteinsformationen sich nicht nur vertikal bewegten, sondern auch horizontal kilometerweit von ihren Wurzeln weggeschoben wurden. Wo dieses Schmieren ein Ende hatte, stellten sie sich auf. Das sind die Côtes du Jura. Wenn man mitten auf der Saône stehen würde, wäre genau das der Unterschied zur burgundischen Côte d’Or im Westen. Die besteht aus Hängen, die von Kalkdecken nach Osten abfallen. Die Côtes du Jura dagegen bestehen aus hügeligen Zügen vor stolzen Felsen mit Migrationshintergrund. Die können dort nicht von einem Berg herunter geflogen sein, sondern sind horizontal verschoben worden. Sie lassen sich nicht überdecken und der ganzen Erosion trotzend zum Glück auch nicht assimilieren. Wo sie nach Westnordwesten abfallen, ist das Weinbaugebiet. Während die Côte d’Or also vertikal gebrochen ist, sind die Côtes du Jura horizontal überschoben. Im Westnordwesten vom dunklen Schiefer und Mergel aus dem unteren, das heißt älteren Jura, den „terres noires“, zu immer jüngeren und helleren Schichte zu den Alpen hin.

 

Wieder einmal von den Weinfarben

 

Man liest gelegentlich, dass es sich bei Orange-Wine um die vierte Weinfarbe handle. Rot, Weiß und Rosé sollen demnach die ersten drei Weinfarben sein. Letzteres optisch nachzuvollziehen, setzt schon einen ganzen Haufen Phantasie voraus. Was die Chronologie betrifft, wird von den Weinen, die nicht aus blauen Trauben gekeltert werden, wohl der orange der älteste und Orange eine der ersten zwei Weinfarben sein. Dann kommt ziemlich sicher der

 

Vin Jaune, der gelbe Wein

 

Der Vin Jaune soll im 14. Jahrhundert nach Christus von den schwarzen Nonnen im Stift Château-Chalon erfunden worden sein. Die Lese habe sich damals verzögert. Warum wissen wir nicht. Die überreifen Trauben sind seinerzeit in Wannen, die man in den Kalkfelsen gehauen hatte, vergoren worden.

Man wartet ganz gerne bis zum ersten Frost mit der Lese des Vin Jaune. Dann wird das „geile Zeug“, wie heute junge und demonstrativ junggebliebene Menschen gerne zu „gutem Wein“ sagen, sechs Jahre lang im selben Fass ausgebaut. Das wäre an und für sich noch nicht so ungewöhnlich. Nur wird der verdunstete Schwund im Fass beim Vin Jaune nicht aufgefüllt. Meistens bildet sich dann eine Hefeflorschicht, die den Wein locker sechs Jahre beschützt und ziemlich unverwüstlich macht. Warum sich diese Hefeflorschicht nicht immer bildet, weiß man nicht, zumindest will es Stéphane Tissot nicht verraten. „Vin Jaune“ darf der Wein aber nur genannt worden, wenn sie sich bildet. War das der Fall, dann wird in Arbois jedes Jahr am ersten Febuarwochenende die „Percée du Vin Jaune“, der Durchstich dieser Hefeflorschicht gefeiert, aber eben erst nach gut sechs Jahren.

 

Wittgenstein und der Wein

 

Alles in allem ergibt das dann einen ziemlich unnachahmlichen Geschmack nach Walnüssen, so viel lässt sich klar sagen. Die zahlreichen anderen Aromen übersteigen dem Rudl sein Register. Darum wird über sie in der Tradition von Kommunikationsberater Wittgenstein auch geschwiegen, sofern dieses Wort in der geschriebenen Sprache angebracht ist.

 

Traminer

 

Nur Savagnin ist für den Vin Jaune zugelassen. Am Fuß des Mont Blancs heißt man den Gringet, in Österreich und anderswo Traminer. Ein „Savagnin tradition“ reift meistens etwa zwei Jahre im Holzfass. Was verdunstet, wird auch in diesem Fall nicht aufgefüllt, non ouillé.

Viele Menschen gibt es nicht, denen die traditionellen Weine aus dem Jura beim ersten Versuch schmecken. Beim ersten Versuch nicht. Aber das ist ½ so wild.

 

Côtes-du-Jura und Vin Jaune von der Domaine Pignier, Weine vom westnordwestlichen Ende der Alpen, gibt es kommende Woche

 

am Donnerstag, den 23. Oktober und am Freitag, den 24. Oktober

von 16 bis 22 Uhr glas- und flaschenweise

in der „Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils“, Reindorfgasse 22

 

Und weil der Rudl wie der ORF der Äquidistanz zu fast allem und jedem verpflichtet ist, schenkt er vom anderen Ende der Alpen, von den ostsüdöstlichen Abhängen des Laaer Berges, gleich hinter der Gehsteigkante Ecke Grillgasse – An der Ostbahn, einen Gemischten Satz aus dem Zweilitergebinde und aus Oberlaa aus.

 

Monsieur Rudolf hofft, dass sich das alles etwas bringt. Wenn nicht, ist der auch nicht böse. Auf alle Fälle grüßt er alle Partikel in allen Hefefloren zwischen Château-Chalon und Arbois!

 

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