Anfänge

So ein Jahr fängt im Lauf eines Jahres ja verhältnismäßig oft an. Das Vegetationsjahr irgendwann nach einer allfälligen Frostperiode. Gegebenenfalls. Das römische Jahr hat ursprünglich angeblich nach lediglich zehn Monaten wieder von vorne begonnen. Das englische Fußballjahr hebt am zweiten Augustwochenende an. Das Schuljahr im September. Das Kirchenjahr am Vorabend zum ersten Adventsonntag. Und das Kalenderjahr am ersten Jänner. Möglicherweise wird es Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe nicht überraschen, wenn Ihnen der Rudl eröffnet, dass es für ihn einschneidendere Jahresanfänge als den ersten Jänner gibt. Darum wird er Ihnen und sich Neuheiten und Vorsätze jedweder Art ersparen. Zuerst hat er schon einen kurzen Augenblick lang erwogen, einmal alle bislang noch nie glasweise angebotenen und also au-verre-mäßig durchaus als neu zu bezeichnenden Weine aus dem Sortiment seiner Weinhandlung auszuschenken. Andererseits sind die alle miteinander noch viel zu jung. Und von den hunderttausend Kulten, die in unserer angeblich säkularisierten Welt wuchern, gehen dem Polifka-Rudl der Jungseinkult und der Neuseinkult so ziemlich am massivsten auf die Nerven.

Justament keine Vertikale!

Was sprecherte also dagegen, vorerst einmal alles beim mehr oder weniger Bewährten zu belassen und 2016 so zu eröffnen, wie 2015 geschlossen worden ist, mit einer Vertikale? Einerseits nichts. Andererseits findet Steinzeitweinmeister Polifka kaum etwas Oenologisches interessanter als Stein- und Zeitweinthemen. Darum behält er Ihnen und sich Vertikalen für die höchsten Zeiten, wie sie der Trainer einmal treffend genannt hat, vor.

Dekaden

Auch ein Dekaden-Rückblick wäre am Beginn eines neuen Kalenderjahres gar nicht so übel: 1976, 1986, 1996 und 2006. Aus all diesen Jahren hätte der Rudl das eine oder andere Flascherl im Keller. Nur waren Sechsundsiebzig und Sechsundneunzig in Österreich hundsmiserable Jahrgänge, Sechsundsiebzig extrem heiß und trocken, Sechsundneunzig viel zu kühl und nass. Mit seinem Grünen Veltliner Spiegel 1986 hat Monsieur Josef Mantler Jahre später bei einer internationalen Verkostung einen ganzen Haufen viel namhafterer Weiße ganz alt ausschauen lassen. Aber das wird möglicherweise nächstes Jahr an diesem Ort ausführlich gewürdigt werden.

Oenologisch hat Alfred Polgar Recht.

Angeblich hat der einmal gemeint, die Österreicherinnen und Österreicher seien ein Volk, das mit Zuversicht zurück blickt. So etwas lässt sich ein sentimentaler Narr wie Rudolf Polifka nicht zweimal sagen. Darum kredenzt er unzeitgemäß zum neuen Kalenderjahr Weine, die ihm im alten Kalenderjahr oder halt irgendwann in letzter Zeit besonders positiv aufgefallen sind, sei das privat oder sei das dienstlich. Getreu seinem Motto: Wie es ihm gefällt, respektive gefallen hat.

Zierfandler 2014, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, Thermenregion

Es muss 1994 oder 1995 gewesen sein. Da hat sich der Rudl zum Ziel gesetzt, alle Bioweine des Landes kennenzulernen, seinerzeit ausschließlich mit Hilfe von Briefträgern und dem Personenkraftfahrzeug seiner Eltern. Dazu hat er sich vom Erntevervand Österreich ein Heftl mit den Postadressen aller Biowinzer schicken lassen. Die hat er dann sukzessive von Salzburg aus besucht. Aus der Thermenregion war damals allein Friedrich Kuczera aus Gumpoldskirchen in diesem Verzeichnis vertreten. Der erste Besuch hat den Rudl damals überzeugt. Friedrich Kuczera ist dann jahrelang mit seinen Weinen am Biobauernmarkt auf der Freyung gestanden. Und Herr Rudolf bereut es wie wenig anderes, dass er von damals keinen Zierfandler aufgehoben hat. Vor einem Jahr hat Caviste Rudolf festgestellt, dass die Thermenregion in seinem Sortiment nicht vertreten war. Grund dafür war vermutlich, dass dem Rudl viele Weine von dort zu plump sind. Auf den Zierfandler des mittlerweile aus dem Ruhestand heraus vinifizierenden Friedrich Kuczera trifft das nicht zu. Als Bergwein klassifiziert, trocken, im Fall von 2014 mit 11 Percent Alkohol, so wenig interventionistisch wie das Etikett. Jedes Mal wieder eine optische und geschmackliche Freude findet Herr Rudolf.

Grüner Veltliner Federspiel Klostersatz 2014, Schmidl, Dürnstein, Wachau

Von der Witterung im Stich gelassene Jahrgänge werden gerne als Winzerjahrgänge bezeichnet. Wer die Vierzehner-Serie von der Frau Ingenieur verkostet hat, wird diesen Jahrgang ziemlich sicher gendern.

Schrammelberg 2013, Herrenhof Lamprecht, Markt Hartmannsdorf, Oststeiermark

Wein aus dem ziemlich sicher ältesten Weingarten der Steiermark. Rudolf Polifka hat ihn ein einziges Mal verkostet und da einen ganz kleinen Schluck. Zumindest die Erinnerungen daran sind ziemlich einzigartig.

Signum 2003, Prünte, vlg. Schneckenkogler, Grassnitzberg, Südsteiermark

1997 war der erste Jahrgang, von dem der Rudl in der Südsteiermark ein bissl mehr Wein gekauft hat. Allerdings hat er damals nicht gewusst, dass man manche Weine reservieren muss. Außerdem war er spät dran. Darum sind dann nur mehr Weine geblieben, die überdurchschnittlich spät gefüllt worden sind, im Rudl seinem Fall Weine vom Sattlerhof und von Ing. Klaus Prünte. Irgendwann im vergangenen Jahr hat jemand den Rudl an Herrn Prünte erinnert. Recherchen haben ergeben, dass auch der mittlerweile seinen wohlverdienten Ruhestand genießt.

Un Matin face au Lac 2014, Les Vignes de Paradis, Ballaison, Vin des Allobroges

Dominique Lucas sitzt viel im Auto. Das ist an und für sich nichts, was dem Rudl imponiert, eher im Gegenteil. Aber Dominique Lucas tut das nicht aus Bequemlichkeit. Er hat zwei Weingärten, die nicht in derselben Weinbauregion liegen. Einen geerbten an der Côte-d’Or und einen gekauften in Hoch-Savoyen am Genfer See. Wenn ihm Chardonnay, Pinot Noir und Aligoté zu fad werden, dann fährt er nach Ballaison und spaziert dort durch seine Chasselas Rebstöcke, so stellt sich das der Rudl zumindest vor.

Le Comte Rouge, Arbin Mondeuse 2011, Château de Merande, Arbin, Savoie

In Österreich hat man mit den Grafen in den letzten Jahren nicht die aller appetitlichsten Erfahrungen gemacht. In Savoyen beginnt die Zeit der Grafen mit Amédée III. Im zwölften Jahrhundert. Den siebenten Amédée haben sie dann „le Comte Rouge“ geheißen. Bis nach Nizza hinunter war er „Protecteur“. Sein Nachfolger sollte es bis zum Gegenpapst Felix V. bringen, bevor die ganze Chose dann ziemlich schnell den Bach hinunter gegangen ist. Schuld soll eine ziemlich scharfe Zechn, die Prinzessin Anne de Chypre, gewesen sein. Eher unwahrscheinlich, dass diese Geschichtsschreibung aus der Feder einer Frau stammt. Den Comte Rouge vom Château de Merande könnte man als späte Wiedergutmachung betrachten. Männlicher Graf, weibliche Rebsorte: Mondeuse.

Crémant du Jura, Villet, Arbois, Jura

Ein Schaumwein méthode traditionelle aus dem Jura begegnet einem nicht auf Schritt und Tritt. Ein roter Schaumwein méthode traditionelle aus dem Jura detto, ein roter Schaumwein méthode traditionelle aus dem Jura, reinsortig Trousseau noch viel weniger und ein roter Schaumwein méthode traditionelle aus dem Jura, reinsortig Trousseau vom ersten Biowinzer aus Arbois noch ein bissl weniger leicht. Ziemlich rot für einen Schaumwein.

  • Zierfandler 2014, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, Thermenregion
    Grüner Veltliner Federspiel Klostersatz 2014, Schmidl, Dürnstein, Wachau
    Schrammelberg 2013, Herrenhof Lamprecht, Markt Hartmannsdorf, Oststeiermark
    Signum 2003, Prünte, vlg. Schneckenkogler, Grassnitzberg, Südsteiermark
    Un Matin face au Lac 2014, Domaine Les Vignes de Paradis, Ballaison, Vin des Allobroges
    Le Comte Rouge, Arbin Mondeuse 2011, Château de Merande, Arbin, Savoie
    Crémant du Jura, Villet, Arbois, Jura

Diese sieben Weine und zwei rote dazu glasweise

am Donnerstag, den 7. Jänner und am Freitag, den 8. Jänner
von 16 bis 22 Uhr
in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Herr Rudolf grüßt Sie besonders herzlich aus dem erschtn Schnee!

 

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