Alte Rebsorten, neue Weine und doppelte ECTS

Und dann. Freitag, 26. Juli 2019, 19. Etappe, Verdesse

Als der Rudl im Verlauf seiner Forschungsreise heuer zum ersten Mal französischen Boden betreten hat, ist seine Tschäsn auf dem Parkplatz vor einer veritablen Koryphäe seiner Branche gestanden. Nicht aus purem Zufall. Das Quecksilber vor der Hütte von Bruno Bozzer in Annecy hat ungefähr vierzig Grad indiziert. Bruno Bozzer war Chef-Sommelier bei Marc Veyrat und ist 2014 zum besten Cavisten Frankreichs gewählt worden.

Wenn der Schiste 2015 von der Domaine des Ardoisières glasweise angeboten wird, weiß man, dass man nicht in irgendeiner Weinbar ist. Ein Beginn, accompagniert von einem Brettl Rohschinken und Käse.

Und dann ist etwas geschehen, worauf der Rudl ohne falsche Bescheidenheit schon ein bissl stolz gewesen ist.

Er wollte etwas ihm Unbekanntes aus der Region trinken. Weiß, trocken und gut. Immerhin hat er sich im „La Java des Flaçons“ befunden. Das ist nicht direkt auf der Strecke nach Val Thorens gelegen.

Nach ungefähr zwölf bis fünfzehn Versuchen ist das Projekt abgebrochen worden. Die Vorschläge waren alle zusammen weiß, trocken und gut. Nur dem Rudl unbekannt waren sie nicht. Ein bissl Eindruck hat das schon gemacht.

Und dann hat sich der Rudl für eine Verdesse aus Chignin entschieden, moelleux. Kein Wein, von dem man bei vierzig Grad Celsius viel verlangen darf. Auch nicht direkt dem Rudl sein Goût. Darum hat sich Caviste Rudolf die Rebsorte gemerkt und den Namen des Weinbauern wieder vergessen.

Und dann hat der Schneepflug die Hagel- und Geröllmassen von der Straße von Val d’Isère nach Bourg-Saint-Maurice geräumt.

Verdesse

soll mit Savagnin verwandt sein, nur deutlich älter. Gegeben hat es sie lange Zeit so gut wie nicht mehr. Die Giachino-Brüder haben vor ein paar Jahren auf ihrer Suche nach dem alten Rebbestand Savoyens wieder ein paar Stöcke ausgepflanzt. Die Trauben davon kommen in die Monfarina. Solange ihr Anteil unter zehn Prozent liegt, ratzt das nicht einmal die gestrengen Hüter der Appellation. Im Nachbardepartement von Savoyen, Isère, wo Weinbau sowieso so gut wie erledigt gewesen ist, haben in den letzten zehn Jahren ein paar Unentwegte alte Pläne studiert, Weingärten revitalisiert, da und dort auch Verdesse ausgepflanzt.

Kleinbeerig, dickschalig, Kalk nicht abgeneigt. Nicht die allerschlechtesten Voraussetzung für die französischen Alpen, wo das Wetter in den letzten vier Jahren ziemlich alles gemacht hat, wozu es theoretisch in der Lage ist, und noch das eine oder andere Stückl mehr.

Verdesse 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère

Cugnette und Galoppine. Keine Radlfahrerinnen

M. Leblanc ist eine Assemblage aus Cugnette und Galoppine. Doch was nach sehr seltenen Rebsorten klingt, ist zumindest für ostfranzösiche Verhältnisse eher gewöhnlich. Bei Cugnette handelt es sich um ein Synonym für Jacquère bei Galoppine um eines für Viognier.

M. Leblanc 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère

G’mischter Satz

Zum G’mischten Satz hat der Rudl im Vorwort zu seiner letzten Lehrveranstaltung vor der vorlesungsfreien Zeit das eine oder andere angemerkt. In Savoyen ist der G’mischte Satz nicht ganz so populär wie in Wien. Geben tut es ihn aber. Zumindest hat der Rudl das so verstanden, auch wenn auf der Homepage etwas von Assemblage steht. „La Bête“, ganz alter Rebbestand von Gamay, Étraire de la d’Huy, Persan, Servanin, Joubertin und noch ein paar anderen.

G’mischter Satz „La Bête“, Domaine des Rutissons, Le Touvet, Vin de France

Douce noire

Auf die Weisheit, dass Douce noire, vulgo Bonarda, ursprünglich eine italienische Rebsorte ist, könnte man verzichten, zumindest insofern, als bis ins neunzehnte Jahrhundert auch savoyardische Erdäpfelschäler und Zustenzuckerl italienisch gewesen sind.

Die Etrusker haben Douce noire gepflanzt. Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist sie dann die verbreitetste rote Rebsorte in Savoyen gewesen. Heute scheint sie in Argentinien eine größere Rolle zu spielen, die zweitgrößte nach Malbec. Italienische Einwanderer haben sie mitgebracht.

Übersetzen könnte man Douce noire mit „süße Schwarze“ oder „zarte Schwarze“. Sie reift spät und ist dickschalig. Damit ist der Rudl beim Kompetenzportfolie von Douce noire: Aufgrund ihrer Zartheit hat man sie gerne mit dem rustikalen, der Säure und dem Gerbstoff nicht immer abgeneigten Persan verschnitten, teilweise auch gemischt ausgesetzt. Persan ist dann immer mehr ausgestorben und Douce noire auch.

Irgendwann haben sich dann vor allem ein paar Pétavins des Persans angenommen und ihn wieder ausgepflanzt. Von daher ist es nicht so abwegig, dass man jetzt auch wieder öfter über Douce noire stolpert.

Angeblich gilt Douce noire in Californien als Kultwein, wobei Monsieur Rudolf eingesteht, dass er um alles mit der Vorsilbe Kult- tendenziell eher einen Bogen macht, allein schon um den Gleichschritt zu stören.

Douce noire „Cuvèe Sanguette“, Adrien Berlioz – ein Pétavin, Chignin, IGP Vin des Allobroges

Und weil der aus historischen Gründen da irgendwie dazu gehört …

Persan 2017, Domaine Giachino – ein anderer Pétavin, Chapareillan, AOP Vin de Savoie

Étraire de la Dhui

blickt auf ein ähnliches Schicksal zurück. Nur hat ihr die Reblaus noch ein Stückl mehr zugesetzt. Wirklich ganz kleine Bestände gibt es noch an der südlichen Rhône und in Savoyen.

Étraire de la Dhui 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère

Die bisher beschriebenen Weine glänzen durch Rarheit. Die folgenden könnte man zumindest rebsortentechnisch zu drei Viertel als Gassenhauer unter den Rebsorten bezeichnen.

Trousseau „Les Gauthières“ 2017, Domaine Pignier, Montaigu, AOP Côtes du Jura

Sélection massale vom Trousseau „À la Dame“, zwölf Monate in Amphoren ausgebaut, ohne Schwefelzusatz, auch nicht bei der Füllung. Unfiltriert sowieso. Ein Pfefferl der anderen Art und noch ein paar andere Gewürze.

Chardonnay „Cellier des Chartreux“ 2015, Domaine Pignier, Montaigu, Jura

Das Griss um die Weine aus dem Jura ist auch so etwas, wofür der Rudl die nötige Nachvollziehung nicht und nicht aufzubringen vermag. Charakteristisch für das Jura sind oxydative Weine. Nur herrscht um die gar kein so großes Griss. Angesagt scheinen vor allem Weine von dort zu sein, die der Rudl blind verkostet hoffentlich eher auf der anderen Seite des Saône-Grabens lokalisieren würde, und alkoholhältige Kracherl.

Die Domaine Pignier ist ungefähr so fortschrittlich wie ihr Karthäuser-Keller, in dem man sich eher in einer Kathedrale als auf einem Weingut vorkommt. Nur die Devotionalien-Standln fehlen halt.

Der Chardonnay „Cellier des Chartreux“ aus der Lage „En Boivin“ ist drei Jahre oxydativ im Eichenfass ausgebaut. Jura.

Riesling Clos Liebenberg Monopole 2013, Domaine Valtentin Zusslin, Orschwhir, AOP Alsace

Monopole steht auf dem Etikett. Ausschließlich die Domaine Valentin Zusslin bewirtschaftet den Clos Liebenberg. Für einen seit zweiundzwanzig Jahren biodynamisch bewirtschafteten Weingarten ist das nicht ganz unwesentlich, weil sich sein Bewirtschafter dadurch die Giftspritzer auf Distanz halten kann. Seit der Rudl heuer beim Laufen durch die Weingärten von Apremont wieder den Unterschied zwischen gesunden und floureszierenden Weingärten gesehen und vor allem auch gerochen hat, ist ihm derlei doch wichtiger als früher.

Riesling Grand Cru Pfingstberg 2014, Domaine Valentin Zusslin, Orschwhir, AOP Alsace Grand Cru

Quasi fast der Gegenhang zum Bollenberg, eh gar nicht so weit weg vom Clos Liebenberg, Süd- und Südostausrichtung, steil, Mergel und Sandstein. Dass das eine Ausnahmelage ist, hat nicht vorgestern irgendwer herausgefunden, sondern bereits im dreizehnten Jahrhundert, fast so früh wie das beim Rangen in Thann der Fall gewesen ist.

  • M. Leblanc 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère (2,50/4)
  • Verdesse 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère (4,50/7)
  • G’mischter Satz „La Bête“, Domaine des Rutissons, Le Touvet, Vin de France (3/5)
  • Douce noire „Cuvèe Sanguette“, Adrien Berlioz – ein Pétavin, Chignin, IGP Vin des Allobroges (4,50/7)
  • Persan 2017, Domaine Giachino – ein anderer Pétavin, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (4,50/7)
  • Étraire de la Dhui 2018, Domaine des Rutissons, Le Touvet, IGP Isère (4/6)
  • Trousseau „Les Gauthières“ 2017, Domaine Pignier, Montaigu, AOP Côtes du Jura (6/9)
  • Chardonnay „Cellier des Chartreux“ 2015, Domaine Pignier, Montaigu, Jura (6/9)
  • Riesling Clos Liebenberg Monopole 2013, Domaine Valtentin Zusslin, Orschwhir, AOP Alsace (6/9)
  • Riesling Grand Cru Pfingstberg 2014, Domaine Valentin Zusslin, Orschwhir, AOP Alsace Grand Cru (6,50/10)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

, nicht einmal in der ersten Arbeitswoche ausschließlich diese Weine gibt es glasweise

am Dienstag, den 10. September und am Donnerstag, den 12. September

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf das Thema am 17. und 19. September:

Pinot Gris (Reserve) Umathum 2008 – 2012 – 2013 – 2015 – 2017

Caviste Rudolf grüßt dermaßen erleichtert und freut sich auf produktive Forschungen!

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

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Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

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