30 Jahre Glykolskandal. Ad multos annos!

Etymologie

„Glykerós“ ist das griechische Wort für „süß“, „Glykol“ sozusagen der Spitzname des Diäthylenglykols und ein griechisches „skándalon“ bedeutet „Anstoß“ oder „Verführung“. So steht es in der ersten Auflage des lesenswerten „Wörterbuchs der politischen Sprache in Österreich“ (Hg. Oswald Panagl und Peter Gerlich). Diese Wörterbuch erklärt knapp über fünfhundert Wörter. Dass „Glykolskandal“ eines davon ist, deutet darauf hin, dass der in der politischen Geschichte dieses Landes nicht ganz belanglos ist.

Biographie

Dem Rudolf Polifka kommt es vor, als wäre es vor ein paar Wochen gewesen: Um gepflegt Französisch zu lernen, haben ihn seine Eltern zu Bekannten nach Bergerac geschickt. Und obwohl sie das weder selber in nennenswerten Mengen zu sich genommen noch wirklich für österreichtypisch gehalten haben, wurden dem jungen Herrn Rudl Süßwein aus dem Seewinkel und Mozartkugeln aus Salzburg als Gastgeschenke in den damals noch radlfreien Koffer gestopft. Das muss Anfang Juli 1985 gewesen sein. In der Stadt des Mannes mit der langen Nase angekommen, hat der Rudl die Präsente auftragsgemäß ausgehändigt. Während die runde Marzipan-Nugat-Konditorware, die zumindest an den linken Gestaden der Salzbach schon ein bissl die Welt bedeutet, mit Freude entgegen genommen worden ist, haben sich die Reaktionen auf das flüssige Gold aus Illmitz etwas konsterniert ausgenommen, was dann wiederum den halbwüchsigen Rudl halbwegs verunsichert hat.

Troubleshooting à l’Autrichienne. Eine Chronologie

Dass man irgendwas im Wein gefunden hat, davon hatte der Rudl im April desselben Jahres schon etwas mitbekommen, aber sehr ausführlich war das in den Medien nicht thematisiert worden. Es wäre ja interessant, sich die einschlägigen Tageszeitungen dieser Wochen damals zwischen 21. Dezember 1984 und 9. Juli 1985 ausheben zu lassen und die Inserate der Nahrungsmittelindustrie im Allgemeinen und der Weinwirtschaft im Speziellen anzuschauen. Denn begonnen hatte das Ganze früher. Drei Tage vor Weihnachten 1984 war ein heute immer noch Unbekannter mit deutschem Akzent in der landwirtschaftlich-chemischen Bundesanstalt in Wien aufgetaucht und hatte eine Flasche auf den Tisch gestellt, mit dem Kommentar, dass dies die österreichische Weinfälscherszene verwende (Kurier, 2. Mai 2015).
Irgendetwas hat auf jeden Fall dazu geführt, dass die Leitmedien des Landes trotz der Hinweise ein gutes halbes Jahr andere Themen interessant gefunden haben. Vielleicht war es Sir Gascoignes Debut in der ersten englischen Liga, oder der Triumpf des Everton FC im Europacöp der Cöp-Sieger. Vielleicht war es Live Aid, oder der siebzehnjährige Wimbledon-Sieger Boris Becker.
Bernard Hinault hat in diesen Tagen damals gerade seine fünfte Tour de France gewonnen und an Gesamtsiegen mit Eddy Merckx und Jacques Anquetil gleichgezogen. Das ist bis heute der letzte Sieg eines Franzosen bei der Tour de France. Aber das hat damals noch niemand wissen können. Und so richtig in Atem gehalten hätte das die Redakteurinnen und Redakteure dieses Landes eher nicht.
Drum kann es der Rudl nicht ganz ausschließen, dass die Akzentsetzung des österreichischen Medieninteresses in diesen Wochen andere Gründe gehabt hat.
Am 9. Juli ist dann auf jeden Fall alles anders gewesen. Da hat dann der Hut gebrannt, und zwar ordentlich. Das Gesundheitsministerium der BRD hochoffiziell hatte vor dem Kauf österreichischer Prädikatsweine gewarnt. Lähmungserscheinungen und so. Ab dann: „Glykolskandal!“ Genau diese Tage müssen es gewesen sein, die zwischen dem Rudl seinem Reiseantritt und der Übergabe der Gastgeschenke in Bergerac gelegen sind.

Wonn da Huat brennt

Dass das offizielle Österreich damals auch etwas anderes als Abwarten und Grinsen kannte, hat es in den Wochen darauf ganz eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Noch im August 1985 ist ein strenges Weingesetz verabschiedet worden. Gegen die Stimmen jener Partei, deren Agrarvertreter bis heute nicht müde werden, fast eitel auf das strenge österreichische Weingesetz hinzuweisen.

Der Weinjahrgang 1985

… war quantitativ klein: Frost, Verrieselung, Hagel. Ein großes Probelm war das aber nicht. Die internationale Nachfrage hat sich in Grenzen gehalten. Qualitativ war der Fünfundachtziger außergewöhnlich gut, gehaltvoll, fruchtig und sortentypisch. Sortentypizität scheint sowieso ein Charakteristikum von quantitativ kleinen Jahrgängen zu sein.

Zeitbotschafter aus dem 85er-Jahr

Repräsentiert wird der 85er diese Woche bei Monsieur Polifka von drei Weinen aus den drei größeren Weinbaubundesländern

Nikolaihof Riesling Cabinet trocken, Weingebirge 1985
Erst mit 1986 haben sie in der Wachau die heute geläufigen Qualitätsstufen Federspiel und Smaragd eingeführt. Nikolaus Saahs sen. kann man ruhig als Doyen des biologischen und biodynamischen Weinbaus in Österreich bezeichnen. Er hat nie versucht, irgendwem irgendwas zu beweisen und dem Rudl kommt vor, dass man das auch schmeckt. Heute bewertet das Nomen Agentis von der abgegrenzten und mehr oder weniger gepflegten Freilufterholungsfläche einen Wein von Herrn Saahs mit hundert Punkten.
Der Riesling Cabinet Weingebirge 1985 hat 11 Prozent Alkohol. Das steht auf einem Etikett, das noch nicht den strengen Informationsrichtlinien des im August 1985 beschlossenen und 1986 novellierten Weingesetzes entspricht. Der Wein in der Flasche wurde von Herrn Saahs damals schon nach strengeren Regeln gekeltert, als sie in Österreich je gegolten haben oder gelten werden.

Otto Riegelnegg, Ollwitschhof, Riesling 1985
Das ist ziemlich sicher nicht der für lange Lagerung prädestinierte Wein. Aber der 1985er Weißburgunder Kabinett aus demselben Haus ist, der am 26. und 27. März dieses Jahres auf der Tafel der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils gestanden ist, war erstaunlich gut beisammen. So oder so, der Rudl hat keinen anderen steirischen Wein aus diesem Jahr. Darum wird er einmal schauen.

Weingut der Stadt Rust, Weißburgunder Auslese 1985
Der ist süß. Für einen Grund zur Beunruhigung hält Herr Rudolf das nicht. Wer im Herbst 1985 unlautere Mittel im Keller verwendet hat, der muss entweder äußerst dreist gewesen sein oder sich dem öffentlichen Diskurs der Monate davor sehr konsequent entzogen haben. Diese Auslese war außerdem bis weit in die Neunziger Jahre im Ruster Rathauskeller im Verkauf. Und Herr Rudolf hat schon das eine oder andere Flascherl davon konsumiert. Keine Lähmungen, so far.

Diese drei Flaschen aus dem Jubiläumsjahrgang 1985 schenkt Herr Rudolf diese Woche aus, wie immer nicht ausschließlich diese drei Weine.
So steht in Anbetracht der Unfähigkeit oder Unwilligkeit österreichischer Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger auf Bundes-, Landes- und Gemeindeebene, 1213 (eintausendzweihundertdreizehn!) von der EU-Kommission zugewiesene Flüchtlinge halbwegs menschenwürdig unterzubringen, wieder einmal der

Primitif, Domaine Giachino, Chapareillan, 2011

auf der Karte.
Rebsorte Jacquère, frühe Lese, biologischer Säureabbau mit Naturhefen, drei Monate auf der Feinhefe, 9 Prozent Alkohol, wie ein Biss in eine Weintraube, eine Reminiszenz an prae-moderne Weinbaumethoden.
Kristallin klar, florale Noten, Zitronenzesten – geeignet zu jedem Essen und zu jeder Jause, was Rudolf Polifka wieder einmal zum Anlass nimmt, Sie zum Mitbringen Ihrer Jause zu animieren. Bei diesem Wein denkt Herr Rudolf sofort an Reblochon, an eine Tartiflette oder eine Quiche.

Zurück zum Anlass für den Primitif:
An und für sich zieht es Citoyen Rudolf ja vor, Politik implizit zu thematisieren. Aber das, was in der Flüchtlingsdebatte im Moment läuft, zwingt den Rudl förmlich, von seinem Prinzip abzugehen:
Wer es nicht schafft, ein paar tausend Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen, ohne sie einem mitleidslosen Hetzer als Kanonenfutter auszuliefern, der hat seine Unfähigkeit ganz klar unter Beweis gestellt und verdient das Prädikat „primitiv“.

Drei Weine aus dem Skandaljahr, einen Primitif und ein paar andere Weine, diese Woche glasweise

am Donnerstag, den 2. Juli und am Freitag, den 3. Juli
von 16 bis 22 Uhr
in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22
Am Samstag, den 4. Juli findet dann in Utrecht der Prolog zur diesjährigen Tour de France statt. Das nimmt Caviste Rodolphe wie jedes Jahr zum Anlass, Weine aus der näheren oder weiteren Umgebung der jeweiligen Etappen glasweise zu kredenzen. Wie immer zu tourlichen Öffnungszeiten:
Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 19(!) bis 22 Uhr
Nur dass er das heuer nicht drei, sondern lediglich zwei Wochen lang macht. Denn dieses Jahr kommen die Radler in der dritten Tourwoche in die Alpen. Und da wird sich der Rudl mit Femme und Fils deplacieren, um vielleicht ohne Fernsehkastl vor Ort eine Zielankunft mitzuverfolgen.
Das heißt, dass sich Weinlehrer Rudolf heuer bereits am 18. Juli in die Sommerferien begibt.

Happy Birthday, Glykolskandal!

 

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