Jetzt genau richtig! Trinkreife Weine aus den Jahrgängen 1959, 2003, 2004, 2010, 2013, 2014, 2015 und 2016

Gar nicht so selten hört man, dass ein Wein zu jung sei. Der Rudl hat manchmal den Eindruck, je lieber er einen Wein hat, desto eher kommt der ihm zu jung vor. Nicht immer, aber oft stimmt das auch. Und es ist auch gar nicht so erstaunlich. Ein seriöser Wein braucht Zeit. Die kann er im Fass am Weingut verbringen. Die kann er in der Flasche am Weingut verbringen. Die kann er in der Flasche im Keller vom Rudl verbringen. Und er kann sie in der Flasche beim Endverbraucher verbringen.

Der Rudl würde ja gerne alle Weine aufheben, bis sie die seines Erachtens ideale Reife haben. Aber das ist erstens eine ziemlich relative Angelegenheit, weil unterschiedliche Menschen ein und denselben Wein in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gerade als ideal trinkreif erachten können. Und es setzt platz- und mariemäßig einen ziemlichen Aufwand voraus. Darum ist das mit der gerade idealen Trinkreife bedauerlicherweise nicht immer möglich. Caviste Rudolf ist jetzt aber einmal sehenden geistigen Auges sein Sortiment abgeschritten und hat ein paar Weine herausgesucht, die jetzt genau passen. Die hat er dann durch ein, zwei Weine, die nicht zu seinem Sortiment gehören, ergänzt. Das ist das Thema dieser Woche.

1959 Rivesaltes, Mas de la Garrigue, AOC Rivesaltes, Roussillon

Bei seinem ersten Besuch in Banyuls 1996 ist der Rudl irgendwo auf diesen Wein aufmerksam geworden. Seinerzeit noch viele Jahre vor einem Internetzugang am Urlaubsort hat er trotzdem nicht lange gebraucht, um herauszufinden, wo dieser Wein herkommt. Und dann ist es nicht mehr weit zu einem Zwölferkarton gewesen.

Grenache, gespritet, trockener, karger Boden.

Kaffee, Tabak und Kakao. Getrocknete Früchte, Nuss und Mandel, Unterholz, Leder, Zimt und dezent oxydativ. Einen Wein zu beschreiben ist ja keine ganz einfache Sache. Ob es eine sinnvolle Sache ist, bleibt ziemlich umstritten. Aber dass sich bei diesem Wein die Primäraromen über die Häuser gehaut haben, das stellt der Rudl fest, ohne sich damit weit aus dem Fenster zu lehnen.

Die Kombination Wein und Schokolade hat der Rudl nie so richtig nachvollzogen. In diesem Fall wäre das vielleicht eine Possibilität.

2004 Muscadet, Michel Brégeon, Les Guisseaux, Gorges, AOC Muscadet, Loire

89 Monate hat dieser Patron in unterirdischen verfliesten Tanks seine Feinhefe ausgebrütet. Dann hat ihn Monsieur Brégeon Anfang 2012 gefüllt. Der Rudl kennt keinen Wein, der sur lieer war als dieser.

André-Michel Brégeon

Auf die Gefahr hin, sich zu wiederholen, kommt der Rudl nicht darum herum, die Geschichte wieder einmal zu erzählen. Samstag viertel vor zwölf, nach zwei Wochen Dienstreise durch Frankreich und in einem plattelvollen, längst nicht mehr voll belastbaren Ford Focus: Kein idealer Zeitpunkt für einen Besuch bei einem Weinbauern, kein ideales Transportmittel für Wein und schon gar keine Ausgeglichenheit in der Stimmung der Madame auf dem Beifahrersitz. Trotzdem.

Scheu klopft Herr Rudolf an mehrere holzverschlagartige Türen. Hinter einer ertönt ein „Oui, entrez!“ und sitzt ein sehr gebückter Herr, der händisch und einzeln Etiketten auf seine Schaumweinflaschen klebt. Es folgt die ziemlich sicher kurioseste Verkostung, die der Rudl erlebt hat. Schaumwein, Gros Plant Nantais, Muscadet Sèvre et Maine sur lie, Muscadet Cru Gorges 2004, 64 Monate auf der Feinhefe, Muscadet 2002, 84 Monate sur lie und Cabernet Franc 2005. Erkläungen über die besonderen Beschaffenheiten der Böden, auf denen der Cru Gorges wächst, Küche, Keller und das Leben an sich geben den Weinen einen kongenialen Rahmen. Die hätte sich Monsieur Rudolf in einer derartigen Präzision nach allem, was er bis zu diesem Tag über Muscadet gelesen hat, nicht erwartet. Jean-François Raveneau, Ikone aus Chablis, soll es ähnlich gegangen sein. Am Rande einer Verkostung soll er Brégeon gefragt haben, warum seine Weine zweihundert Euro kosten und dessen Weine zwanzig. „Weil Du in Chablis bist und ich im Muscadet“, die Antwort von Brégeon.

2004 Breg Rosso, Joosko Gravner, IGT Venezia Giulia

100% Pignolo. Der Weine hätte auch zum Dreikampf zwischen Mondeuse, Tannat und Blaufränkisch gepasst. Über Josko Gravner muss man nicht so viel schreiben. Er redet ja auch nicht so viel.

2010 Hégoxuri, Domaine Arretxea, Irouléguy, Sud Ouest

Thérèse Riouspeyrous soll einmal ein Alter von etwa sieben Jahren als beginnende ideale Trinkreife ihres weißen Basken genannt haben, wobei das natürlich auch auf den Jahrgang ankommt. Wieder einmal hinein schauen.

2013 Rosé, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

Alltäglich ist es nicht, dass ein Dreizehner Rosé jetzt in Verkauf gebracht wird, so selten wie früher zum Glück aber auch nicht mehr. Mondeuse, Pinot Noir und Gamay.

2014 Gamay, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie

Ein guter Rotwein kann auch vor einem guten Rosé trinkreif sein. Ein guter.

2015 Grüner Veltliner Vollmond, Leo Uibel, Ziersdorf, Weinviertel West

Sollte jetzt gut passen. Für die Geduldigen hat Leo Uibel fünf andere Veltliner.

2016 Sauvignon Blanc, Biohof Heideboden, Pamhagen, Neusiedlersee

Ein junger Wein, kein Jungwein.

Giac‘ Bulles, Domaine Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie

Pétillant Naturel aus Jacquère

Les Perles du Mont Blanc, Dominique Belluard, Ayse, AOP Vin des Savoie

Méthode Traditionelle, die zum Mont Blanc hinauf schaut.

sowie ein hier nicht namentlich genannter Wein

Die folgenden Weine …

  • Pirat (4/6)
  • Les Perles du Mont Blanc, Dominique Belluard, Ayse, AOP Vin des Savoie (4/6)
  • Giac‘ Bulles, Domaine Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (3/5)
  • 2016 Sauvignon Blanc, Biohof Heideboden, Pamhagen, Neusiedlersee (2/3)
  • 2015 Grüner Veltliner Vollmond, Leo Uibel, Ziersdorf, Weinviertel West (2,50/4)
  • 2014 Gamay, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (3/5)
  • 2013 Rosé, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2/3)
  • 2010 Hégoxuri, Domaine Arretxea, Irouléguy, Sud Ouest (6/9)
  • 2004 Breg Rosso. Gravner, IGP? Venezia Giul? (17/26)
  • 2004 Muscadet, Michel Brégeon, Clisson, Gorges, AOC Muscadet, Loire (5/8)
  • 1959 Rivesaltes, Mas de la Garrigue, AOC Rivesaltes, Roussillon (10/-)

(in Klammern zuerst der Preis für das Sechzehntel, dann der für das Achtel)

aber nicht ausschließlich diese gibt es glasweise

am Mittwoch, den 26. April und am Freitag, den 28. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die nächste Woche

Der Rudl überlegt noch

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt diese Mal die Reifen noch eine Spur mehr als die Unreifen!

10 Jahre danach. Weinjahrgang 2007 am Schlossberg, in Sancerre, Chablis, Meursault, Gedersdorf, Savoyen, dem Jura und dem Burgenland & ein 1997er

Achtunddreißig

1993 ist dem Rudl die Idee gekommen, dass es interessant sein könnte, reife Weine zu trinken. Es gibt Orte auf den Weinlandkarten dieser Welt, wo das naheliegender ist als in Poysdorf. Der Rudl wurde in einer Verkaufsstelle der niederösterreichischen Winzergenossenschaft in Poysdorf auf Altweine aufmerksam, konkret auf einen Poysdorfer Saurüssel 1979. An dem hat er nicht vorbei können. Er wollte es auch nicht. Und dieser Saurüssel 1979 hat ihm damals ganz besonders gut geschmeckt. Die Frage, ob das heute noch so wäre, ist unsinnig. Der Neunundsiebziger Saurüssel wäre heute nicht fünfzehn Jahre alt, sondern achtunddreißig und hätte sich entsprechend verändert, gerade so wie der Rudl und sein Geschmack das getan haben. Ein heute fünfzehn Jahre alter Saurüssel wiederum ist 2002 nicht gekeltert worden. Da haben sie vorher den Saurüssel dermaßen in den Keller gefahren gehabt, dass es ihn 2002 nicht mehr gegeben hat. Ursprünglich wurde der Saurüssel in der Poysdorfer Riede Saurüsseln gelesen, dann bald einmal irgendwo in und um Poysdorf. Das „Um“ haben sie dann immer freier interpretiert, bis knapp vor der Jahrtausendwende ein Großteil der Trauben für den Saurüssel nicht mehr in Österreich gewachsen sind. Das muss nicht gleich ein Nachteil sein. Im Fall vom Saurüssel ist es aber einer gewesen. Das Nichtsogenaunehmen hat sich nicht auf das Anbaugebiet für die Trauben beschränkt und das Ergebnis war kaum mehr zu trinken. Aus und Ende. Vorläufig und für zehn Jahre. Mit dem Jahrgang 2010 haben dann ein paar Winzer die Rechte für die Marke Saurüssel gekauft. Als der Rudl das mitgekriegt hat, war er zuerst einmal ziemlich begeistert. Das Etikett der angeblich wiederbelebten Legende hat seine Begeisterung dann schon limitiert. Und beim Trinken des Weines war dann schon eine ziemliche mentale Kraftanstrengung zum Bekämpfen der Enttäuschung notwendig. Mit dem Saurüssel, wie der Rudl ihn seinerzeit kennengelernt hatte, war das kaum mehr zu identifizieren, vom Stil her nicht und von den Heferln her noch viel, viel weniger.

Was ist alt?

Herr Rudolf hat damals in weiterer Folge zahllose andere Altweine erstanden, ja er hat Winzer regelrecht sekkiert, mit seinen Fragen danach. Kriterium für einen Altwein war dem Rudl damals die Zweistelligkeit in der Altersangabe. 1983 hat er gerade noch als Altwein durchgehen lassen, 1986 nicht mehr. Und ganz hat er sich von dieser Klassifizierung heute noch nicht lösen können. Um einen Wein, der nach 1983 gewachsen ist, als alt betrachten zu können, muss er seine kognitive Instanz dazwischen schalten. Gefühlsmäßig ist für den Rudl heute ein Sechsundachtziger noch jung. Noch kognitiver könnte man heute nach der Rudlklassifizierung vom Beginn seines Altweininteresses bereits Zweitausendsiebener als Altweine betrachten. Die sind jetzt so alt wie die Dreiundachtziger vor vierundzwanzig Jahren.

Etikettentrinker

Caviste Rudolf ist schon klar, dass von den europäischen 2007ern um diese Jahreszeit vor zehn Jahren noch nicht einmal die Rede sein können hat. Manches, was im April 2007 ungewöhnlich weit war, hat gar nicht gewusst, dass es nie zu einem Wein werden würde, weil es zwei Monate später von Hagel zerstört werden sollte. Aber dem Etikett nach feiern die 2007er heute ein rundes Jubiläum. Und einem Etikettentrinker wie dem Rudl, der diese Tatsache selbstverständlich nie zugeben würde, ist das ein ausreichendes Motiv, diese Woche glasweise Weine des Jahrgangs 2007 zu kredenzen, teilweise Weine, von denen er die Ehre hat, spätere Jahrgänge Mitglieder seines Sortiments zu nennen. In einem Fall sogar einen Wein, den er aktuell vertreibt.

2007 in Österreichs

Der Zweitausendsiebener gilt in Österreich als hervorragender Jahrgang, in der Steiermark als Jahrhundertjahrgang, weniger Gradation und mehr Säure als der Vorgängerjahrgang, passable Menge.

Mild und wenig Schnee im Winter, kurz ein bissl eine Reminiszenz an die Winterheit „als solches“ im März, von der sich die Weingärten aber mäßig beeindrucken lassen haben. Früher Austrieb, fast schon Rekordwärme im April, Mai und Juni prolongieren das fast schon kitschig wachstumsfördernde Wetter, abgesehen von Spätfrost am 2. Mai. Der Junihagel im Kremstal ist eh schon ein Topos, der in der Thermenregion und am Leithagebirge nicht. Am Beginn der zweiten Julihälfte Rekordhitze. Dass es Anfang August 2013 noch heißer wird, hat der Sommer Zweitausendsieben nicht wissen können. Im August hat sich das Wetter dann wieder erfangen. September dann etwas kühler. Die mancherorts erhoffte verfrühte Lese, allerdings ohne die mancherorts erhoffte überhöhte Gradation. Der Grund, warum der Jahrgang gerade in der Steiermark besonders gut ausgefallen ist, könnte der Regen im September sein. Der hat in der Steiermark nämlich nicht stattgefunden.

So oder so, der Oktober war dann ziemlich ideal, untertags trocken und warm, morgendlich und nächtlich trocken und frisch. Nicht die allerungünstigsten Konditionen für eine konvenierende Aromatik, wenn es nach dem Rudl seinem Geschmack geht. Der vergleichsweise geringere Ertrag ist auf den überproportional hohen Anteil an Prädikatsweinen zurückzuführen.

Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland

Auch in Niederösterreich war man mit dem Jahrgang sehr zufrieden bis darüber begeistert. Trotz eines alles in allem warmen Sommers hat es weder Trockenschäden noch überhöhte Gradationen gegeben. Die Säurewerte waren gut, die Menge, vor allem dort, wo kein Hagelschaden zu verzeichnen war, auch, die Haltbarkeit wird als ebensolche eingeschätzt.

 

Grüner Veltliner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Für das Burgenland hat die Lage ähnlich ausgeschaut.

 

Viognier 2007, Schönberger, Mörbisch, Weinland

2007 in Savoyen 

So viele Regionen waren es in Frankreich nicht, die mit dem Jahrgang 2007 ihre ungetrübte Freude gehabt haben. Savoyen schon, trotz eines frühlingshaften Winters, der sich in den Weinbaugebieten von einer frostresistenten Seite gezeigt hat. Analog sommerlich war der Frühling, nur dass es immer wieder ordentlich herunter gewaschelt hat. Vielen Rebsorten hätte das zahlreichere schlaflose Nächte bereitet. Jacquère und Altesse zumindest nicht so viele.

 

Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Roussette de Savoie

 

2007 in Meursault und Chablis

 

In beiden Appellation gilt 2007 als „grand millésime“. Das freut den Rudl insofern, als er 2009 eine längere Studienreise durch Frankreich unternommen hat. Im Zuge dieser ist er mit dem Radl der Côte de Beaune entlang gefahren.

Der Beginn des Jahres war auch in der Burgund „zu früh“. Die Mitte des Sommers hat sich dann hinsichtlich der Dichotomien heiß – kühl und trocken – feucht für ein Yoyo gehalten. Das Jahr hat dann bis September gebraucht, um sich unmissverständlich auf die Seite der Sonne und des Trockenen zu schlagen. Dann sind auch noch kühle Winde aus dem Norden gekommen. Viel mehr trauen sich Weinbauern und Weingärten dort eh nicht zu verlangen.

 

Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne

 

Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne

2007 im Jura

 

vor allem bei den weißen Rebsorten massive Ernteausfälle

 

Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura

 

2007 im Muscadet

 

ausgewogene, klare Weine

 

Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseaux, Gorges, Loire

 

2007 in Sancerre

 

Wie fast überall in Frankreich viel Niederschlag, aber überdurchschnittliche hohe Temperaturen von April bis Juni. Dann kommt ein kapriziöser Sommer, für den die Winzer ab Ende August mit Wind, Trockenheit und Sonne entschädigt werden. Präzise Sauvignons mit solider Säure und bemerkenswerten Lebenserwartungen.

 

Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire

 

20 Jahre danach

 

Eine extreme Kälteperiode zwischen Weihnachten und Neujahr, mit minus dreißig Grad. Der Rudl hat selbige seinerzeit genutzt, um mit einem Opel Corsa ohne vollfunktionstüchtige Heizung von Salzburg über die Wachau, das westliche, östliche und südöstliche Weinviertel nach Wien zu fahren. Dabei ist in ihm der Entschluss gereift, den Mittelpunkt seiner Lebensinteressen von Salzburg in die Bundeshauptstadt zu verlagern. Manchmal fragt er sich heute, warum es ihm die Bundeshauptstadt nicht vice versa gleichgetan hat. Aber bitte, man kann in so eine Bundeshauptstadt nicht hineinschauen. Dazu müsste man schon in deren Schuhe schlüpfen können. Aber das ist selbst für den Rudl nicht möglich. Und der lässt sich von der seiner Wahrnehmung nach wienerischsten aller amtlichen und halbamtlichen Phrasen, derzufolge etwas vor allem einmal „ned geht“, nicht so schnell in seiner Motivation irritieren.

Der Zapfen am Beginn des Jahres hat 1997 auf alle Fälle einmal zu einem deutlich verspäteten Dienstantritt der Vegetation geführt. Dann hat es im Juli viel geregnet und alles hat schon ein bissl an den Vorgängerjahrgang erinnert. Aber dann hat es bis Ende Oktober im Osten gefühlt überhaupt nicht mehr geregnet. Das waren dem Rudl seine ersten drei Monate in Wien. Und wenn man achtundzwanzig Jahre an die Niederschlagswerte in Salzburg assimiliert ist, bleibt man davon nicht ganz unbeeindruckt.

Dem Weinjahrgang 1997 dürfte der trockene, sonnige Spätsommer und Frühherbst auch gefallen haben. Er gilt in der Kategorie der trockenen Weißweine zu den Spitzenjahrgängen. Sehr sorteinreine, klare Weiße, die aus viel gesunden Trauben resultierten.

 

Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Diese Weine …

  • Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseau, Gorges, Loire (3/5)
  • Grüner Veltiner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (5/8)
  • Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne (4,50/7)
  • Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire (12/18)
  • Viognier 2007, Weingut Schönberger, Mörbisch, Neusiedlersee Hügelland (7/11)
  • Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland (6/9)
  • Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne (6/9)
  • Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (7/11)
  • Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aigmavigne, AOC Roussette de Savoie (4,50/7)

  • Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura (8/12)

(in Klammern zuerst der Preis für das Sechzehntel, dann der für das Achtel)

aber nicht ausschließlich diese gibt es glasweise

am Mittwoch, den 19. April und am Freitag, den 21. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die nächste Woche

aller Voraussicht nach Weine, die jetzt genau richtig sind

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt die Reifen gerade so als wie die Unreifen!

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

Ei! Jacquère. Ein Osternestsuchwein par excellence, aber nicht nur

Der Gefahr, Sie mit nicht ganz sentimentalitätsfreien Zeilen zu strapazieren, ins Auge blickend muss der Rudl für dieses Semester ein letztes Mal ein paar Worte über den Frühling in die Tastatur seines mobilen Nicht-Endgerätes nageln. Sollten Ihnen die Überlegungen rund um das Wetter im Wandel der Zeiten auf den Zeiger gehen, könnten Sie ein paar Zeilen überspringen und bei der Zwischenüberschrift „Sauvignonsubstitut“ weiter lesen.

Dort, wo Monsieur Rudolf vor gut vierzig Jahren aufgewachsen ist, dort war damals noch dieser Winter. Der hat dort irgendwann Ende November oder Anfang Dezember eine unterschiedlich dicke, aber ziemlich lückenlose Decke über die Wiesen und Wälder gezogen. Das war an sich schon eine aufregende Sache. Eine Spur aufregender war es für den Rudl dann immer, wenn Ende Februar oder Anfang März die Sonne den Blick auf bis dahin drei Monate lang verborgene Plätze, Pflanzen und Utensilien freigelegt hat. Die hat man gut und klar in Erinnerung gehabt. Die nicht gerade spärliche Freizeit war damals dort kaum anders zu verbringen, als in Bachbetten herum zu graben oder irgendwo im Freien herumzurennen,  zu kraxeln oder zu hängen und auf Veränderungen zu warten, von denen man sowieso gespürt hat, dass sie sich nicht einstellen würden, zumindest nicht vor Godot. Eine verwelkte Krenstaude, ein Holzbrettl oder vielleicht sogar ein fast vergessenes Spielzeug nach Monaten wieder zu sehen war zumindest interessant. Der Rudl kann sich sogar an eine Zehner-Münze erinnern, die er im Winter im Schnee verloren hatte und Wochen später nach der Schneeschmelze wieder in sein Geldtaschl integriert hat.

Drum wird es den Herrn Rudolf stets begeistern, wenn nach einem Winter die Vegetation den Dienst wieder antritt. Seine Begeisterung wird immer mit einem Anflug kindlicher Freude einher gehen und diese Freude wird immer in einem Schokoladeosterhasen in einer bunten Staniolpanier unter einem Strauch seinen schwer überbietbaren Höhepunkt erblicken. Sentimentale Verklärung hin oder her, aber so schaut es halt einmal aus.

 

Weinsubstitut

 

Schokoladeosterhasenmäßig ist der Rudl mittlerweile vom Bekommer eines solchen zum fast noch begeisterteren Verstecker geworden. Einer konsumierbaren Vergegenständlichung des anbrechenden Frühlings wollte er deshalb aber nicht gleich entraten. So ist Wein der Rebsorte Sauvignon Blanc zur Entsprechung des Osthasen in Staniolpanier geworden. Das hat der Rudl an dieser Stelle des ziemlich Langen und Breiten letzte Woche entfaltet. Dass vielen Sauvignons dann irgendwann die Schuhe des Schokoladeosterhasen um ein paar Nummern zu groß geworden sind, ist sicher nicht auf die Schuhe des Osterhasen zurückzuführen. Vielleicht haben sich die Sauvignons auch nur zu sehr dem Zeug, das sonst in Osternestern herum liegt, assimiliert.

 

Sauvignonsubstitut

 

Wie vor gut zwanzig Jahren Sauvignon Blanc die Agenden des Schokoladeosterhasen übernehmen musste, hat sie ihm Jacquère beim ersten längeren Savoyenaufenthalt des Rudl wieder abgenommen. Heute sprießen Schlüsselblumen, Obstbaumblüten und Löwenzahn vor dem geisten Auge des Rudl aus einem Weinglas mit Jacquère. Und dieser Aufgabe kommt Jacquère mit Kompetenz und Verlässlichkeit nach. Das hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sich Caviste Rudolf dieser Rebsorte nicht in der Breite, sondern vom oberen Ende des Qualitätsspektrums genähert hat, was bei Jacquère um ein paar Häuser kostengünstiger ist als bei Sauvignon Blanc.

 

Jacquère „als Solches“

 

Etliches von dem, wovon Sie, geneigte Oenologin, gewogener Oenologe, Schulmeister Rudolf im Folgenden in Kenntnis setzt, hat er so oder so ähnlich irgendwann schon einmal anlässlich des Themas „Weine mit weniger als zwölf Percent Alkohol“ zum Besten gegeben. Da sind damals naturgemäß eine ganze Reihe Jacquères mit von der Partie gewesen. Und von den sieben Jacquères, die Caviste Rudolf diese Woche offen zur Ausschank bringt, weist ein einziger mehr als elf Percent Alkohol auf.

 

Accorde

 

Wahrscheinlich zu oft endet Jacquère als Fonduebegleiter in den einschlägigen Skigebieten, als Winterwein, um nicht zu schreiben als Aprèsskiwein. Caviste Rudolf findet die Koalition mit dem Fondue säuretechnisch nicht ganz unpassend, ein bissl ideenlos aber schon. Kann man von einem Fondue nicht sowieso fast jeden Wein erschlagen lassen? So wie viele angeblich kongeniale Wildbegleiter gelegentlich auf ihren hohen Alkoholwert oder die Röstaromen in ihrem Fassl reduziert werden, läuft Jacquère neben dem Fondue Gefahr, zum Säureaufputz zu verkommen. Das ist schade und ein bissl vergleichbar mit einem Schulmeister – heute heißt man das „Lehrkraft“ und kaum eine solche scheint das zu stören,  was wiederum dem Rudl die Frage nach der Beschaffenheit dieser „Kraft“ stellt -, der einen Schüler für dessen gesamte Schullaufbahn als Witzbold behandelt, nur weil der in der allerersten Stunde irgendeine mehr oder weniger lustige Bemerkung von sich gegeben hat.

Der kulinarische Deckel für den Topf einer gelungenen Jacquère, sofern man einen Wein als Topf bezeichnen kann, ist wahrscheinlich die Bachforelle. Das dezente Prickeln, der niedrige Alkohol, das kongeniale Zusammenspiel von Frische, Leichtigkeit und appetitanregendem Temperament der Jacquère erinnern den Rudl an einen Gebirgsbach während der Schneeschmelze. Wenn er bei vielen Weinen aus dem Elsass an den Rhein denkt, dann symbolisieren savoyardische den Zubringer eines Zubringers der Isère. Einem wie dem Rudl, der quasi neben, beziehungsweise in Wald- und Wiesenbächen seine Kindheit verbracht hat, der Donau aber erst im stolzen Alter von vierzehn gewahr wurde, stehen kleine Gebirgsbäche und Wasserfälle und ihre korrelierenden Weine vielleicht näher. Der ist mit der Bachforelle quasi per Du wie der Cagney mit seiner Limousin.

Quidquid id est, Frische, Lebendigkeit und Bekömmlichkeit der Jacquère schreiben förmlich nach einer Essensbegleitung. Darum nützt der Rudl wieder einmal die Gelegenheit, Sie daran zu erinnern, dass es ausdrücklich erwünscht ist, wenn Sie sich selber etwas zum Essen in die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils mitbringen, ob das jetzt eine Bachforelle, eine Stelze – Monsieur Rudolf kocht die mit Heu und Chartreusekräutern – oder etwas ganz anderes ist. Wenn Sie sich etwas mitbringen, wird Ihnen der Rudl das mitgebrachte Papperl durch ein nach Möglichkeit von ihm selber höchst eigenhändig gefärbtes Bio-Osterei upgraden. Bringen Sie sich nichts mit, kriegen Sie ein solches Bio-Osterei selbstverständlich auch.

 

Crus

 

In und um drei Orte darf Jacquère einen Cru-Status beanspruchen, Abymes, Apremont und Chignin, alle drei im Combe de Savoie. Das Projekt, die gelungenen Exemplare dieser Crus im gereiften Stadium zu vergleichen, hat der Rudl nicht aufgegeben. Bis jetzt scheitert es daran, dass die Giachinos ihren Abymes nicht mehr machen und Caviste Rudolf noch keinen anderen passablen gefunden hat.

 

Jacquère ist nicht Jacquère ist nicht Jacquère ist nicht Jacquère

 

Es gibt Jacquères, denen das Glühweingewürzsackerl quasi als Schicksal in die Wiege gehängt worden zu sein scheint.

Es gibt auch Jacquères, die ausgesprochen ambitioniert, vor allem bodenspezifisch ausgebaut, aber mit einem synthetischen Korkimitator zugestoppselt werden. Ein Jammer.

Dann gibt es Jacquères von den Pétavins, einer Vereinigung biologisch und biodynamisch arbeitender Weinbauern aus Savoyen.

Und dann gibt es Jacquères von den Gebrüdern Giachino, denen das Ausloten der Möglichkeiten dieser Rebsorte eine Herzensangelegenheit ist.  Knapp mehr als tausend Hektar sind in Savoyen mit Jacquère bestockt. Mehr oder weniger handelt es sich bei diesen tausend Hektar um die weltweite Fläche an Jacquèreweingärten. Ganz präzise hat sie ihren Ursprung, soweit man das rekonstruieren kann, in Abymes de Myans. Das liegt am nordöstlichen Rand des Chartreusegebirges.

Die dicken Beerenschalen erlauben eine für die steinigen und kalkreichen Weingärten am Fuß der Alpen späte Reife und schützen die engbeerigen Trauben vor Oïdium und Meltau.

Die leicht ovalen Beeren sind durchschnittlich groß. Sind sie sehr reif, werden sie rötlich. Eine „schmeckate Rebsorte“ ist etwas anderes. Diesbezüglich hat Jacquère mit Muscadet viel mehr gemeinsam als mit Muskateller.

Als Wein ist Jacquère mit „weißgold“ farblich überhaupt nicht gut getroffen. Trotzdem liest man das immer wieder. Aber Farbzuschreibungen müssen bei Wein sowieso von Farbenblinden geschrieben werden. Den Verdacht hat zumindest der Rudl. In der Nase erinnert er an vieles, was im Frühling blüht. Dem Rudl seinem Geschmack nach stehen Alpenkräuter, Grapefruit, Bergamotte, Wacholder und aneinander geriebener Feuerstein im Vordergrund, Letzteres aber nur für den Fall, dass die Jacquère auf kargem Boden steht und im Ertrag eingebremst wird, im Idealfall vom Alter der Reben und einer hohen Konzentration an Steinderln im Boden. Ungebremst und auf fetten Böden neigt sie quantitativ zu Übertreibungen, was ihr eine schlechte Nachred und den Weinen einen blassen Charakter einträgt. Manchmal sollen Mandeln, Haselnüsse und Lindenblüten dazukommen, wenngleich nie so intensiv wie bei ihrer autochthonen Kollegin Altesse.

Wenn man die Auflistungen der alternativen Namen für „Jacquère“ auf Wikipedia liest, könnte man glatt den Eindruck gewinnen, dass da eh jeder sagen kann, wie er will. In der Gemeinde Roussillon etwa heißen sie die Jacquère Coufe-Chien. In Conflans gibt es zwar keine Weingärten mehr, aber auch eine lokale Sonderbezeichnung: Robinet. Das bedeutet Wasserhahn und könnte auf die Ertragsfreudigkeit anspielen. Bezeichnungen wie Altesse de Saint-Chef oder Roussette sind dann fast schon als Frotzelei oder Urheberrechtsverletzungen zu betrachten, aber bitte.

 

Jacques Maillet …

 

… ist ein Original. Um das zu bemerken, muss man ihm nicht besonders lange zuhören. Ein Schnurrbart als Lebenshaltung. Wenn Passionierte vom Weinforum La Passion du Vin Recht haben, kann man der Jacquère von Jacques Maillet Pouilly-Fumés von Dagueneau an die Seite stellen, ohne dass erstere schlecht dasteht.

Seine Art, Wein zu machen, nennt Jacques Maillet Ni-Ni-Ni. Das ist kein Zitat aus einem genialen Film der Monty Pythons über die Artussage, sondern heißt vielmehr „Weder-noch-und schon gar nicht“. Gemeint ist, dass Jacques seine Weine in keiner Weise anreichert, nicht filtriert und auch nicht schönt, wenn irgendwie möglich auch nicht oder nur ganz minimalistisch schwefelt.

Am übereifrigen Ertrag müssen die Jacquère-Reben von Jacques Maillet nicht gehindert werden. Dazu sind sie zu alt und zu konsequent selektioniert.

Jacquère, Mondeuse und Altesse stehen im Weingarten „Cellier des Pauvres“. Der ist süd-westlich ausgerichtet und weist eine Steigung von zwanzig bis fünfzig Percent auf. Er schaut aus mehr oder weniger dreihundert Metern Meereshöhe auf die Rhône hinunter. Wein aus dem Rhônetal, aber nicht aus der Weinbauregion Rhône, dazu ist das noch zu weit am Oberlauf des gleichnamigen Baches.

Der pickelharte Sandstein und das Geröll aus Ton und Kalk sind charakteristisch für die Chautagen, eine Rotweinenklave in der Weinbauregion Savoien. Mittlerweile quittiert Monsieur Jacques es mit einem milden Lächeln, wenn der Rudl in privater Mission bei ihm trotzdem immer Weißwein kauft. Und der Rudl hat es inzwischen auch kapiert, dass die Mondeuse von Jacques Maillet ein beachtenswerter Wein ist.

Die Chautagen, aber das hat Monsieur Polifka auch schon mitgeteilt, wird „Provence de Savoie“ genannt. Olivenbäume und ein paar andere Pflanzerl deuten darauf hin, dass es sich dabei nicht um Angeberei des örtlichen Tourismusverbandes handelt.

 

David und Fréd Giachino

 

Monsieur Jacques Kollegen, die Gebrüder Giachino haben die Jacquère auf die Spitze getrieben. Außer Weinbeißer machen sie fast alles aus Jacquère, lagentechnisch und weinstiltechnisch. Den Cru Apremont, den Monfarina, den rustikal ursprünglichen Primitif mit 9,2 Prozent Alkohol, einen dezent auf der Maische vergorenen Marius et Simone, einen Schaumwein nach der Méthode Traditionelle und einen Pétillant Naturel Giac‘ Bulles als Giachinos Antwort auf das koffeinhältige Blechdosengetränk.

Die Revue du Vin de France hofft, dass mehr Weinbauern in der Region dem Beispiel der Giachinos folgen und bedauert, dass die Weine der Giachinos schnell ausverkauft sind.

Die Reben stehen auf der Geröllhalde eines Felssturzes unter dem Mont Granier, dem nördlichen Ende des Chartreusemassivs. Auch sie muss niemand bremsen.

 

Monfarina 2015, Giachino

 

Kalk und Mergel am Fuß des Mont Granier. Seit neuem gesellen sich etwas Mondeuse Blanche und Verdesse zu Madame Jacquère.

 

Apremont 2015, Giachino

 

Jacquèrerebstöcke an den Ufern des Lac de Saint André, wobei Lac hier schon ein bissl dick aufgetragen scheint. Der Wienerberger Teich dürfte größer sein. Dass rund um den Lac de Saint André die größten Felsblöcke des Felssturzes von 1248 herumliegen, ist dagegen nicht dick aufgetragen. Die sind schätzungsweise am weitesten herunter gekugelt. Dazwischen wächst der Apremont von Giachino.

Offengestanden hat sich Caviste Rudolf immer schwer getan, den Unterschied zwischen Monfarina und Apremont von Giachino zu beschreiben. Darum hat er quasi als Recherchearbeit für die Lehrveranstaltung dieser Woche jeweils ein Flascherl mit nach Hause genommen, kostet jetzt seit dem Öffnen am Samstag daran herum und nötigt sein engeres soziales Umfeld, es ihm gleich zu tun. Die Unterschiede präzise beschreiben kann er immer noch nicht. Vielleicht ist Monfarina etwas bitterer, karger und steiniger und der Apremont eine Spur offener, mit einem sehr dezenten Hinweis auf Ananas und Hollerblüten, aber allenfalls sehr dezent.

 

Primitif 2010, Giachino

 

Sehr früh gelesen. So könnte Wein aus Savoyen geschmeckt haben, bevor Oenologie in den Kellern Einzug gehalten hat. Neun Percent Alkohol, den Giachinos zufolge mit Affinität zum Biss in eine Traube, dem Rudl zufolge mit einer zum Verjus. Spontanvergoren, drei Monate auf der Feinhefe, fast virtuos kaschierter Säureabbau, sowieso auch keine Zutaten. Den Trinkhorizont geben die Giachinos auf ihrer Homepage mit 1 bis 100 Jahren an. Ausverkauft ist der Wein bei ihnen immer schon früher.

Zu trinken mehr oder weniger wie kristallines Quellwasser mit viel Zitronenzesten. Da fällt dem Rudl die letzte Kottan-Folge „Mabuse kehrt zurück“ ein …

 

Marius & Simone 2015, Giachino

 

Eine Hommage an die Großeltern der Giachinos. Er, der alte Giachino soll begeistert ein Glasl getrunken und sie, die alte Giachino, ebenso begeistert darüber geschimpft haben.

Zwei Tage Vorgärung, dann zwanzig auf der Maische, vom Tank ins Fass, zehn Monate auf der Feinhefe, minimale Schwefelzugabe von einem Gramm pro Hektoliter, das aber auch erst bei der Füllung.

Zum bereits Erwähnten kommen Mandel- und Haselnussanklänge.

 

Apremont „Lisa“ 2015, Jean Masson et Fils, Apremont, AOP Vin de Savoie

 

Was Jacquère des Cru Apremont betrifft, ist ziemlich sicher niemand so verrückt wie Jean Masson. Auf neun Hektar erntet er Trauben für zehn verschiedene Apremonts, teilweise von hundert Jahre alten Rebstöcken. Man ist stolz, Wein aus Trauben zu machen, ohne Tralala, ohne Holzfässer und ohne Zertifizierungen. Bedauerlicherweise heute auch ohne Naturkork. Die Kraft, die diese Weine mit Flaschenreife entwickeln, kann man am Weingut verkosten oder in ganz wenigen Vinotheken ziemlich teuer kaufen. Die synthetischen Stoppeln werden, fürchtet der Rudl, eine Beschreibung des Potentials aktueller Jahrgänge nur im Konjunktiv zulassen. Dem Zweitausendfünfzehner sollte das Korkimitat jetzt noch nicht allzu sehr zugesetzt haben.

 

Jacquère 2014, Dupasquier, Aimavigne, AOP Vin de Savoie (2,50/4)

Jacquère 2015, Jacques Maillet, Chautagne, AOP Vin de Savoie (4/6)

Primitif 2010, Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie (2,50/4)

Monfarina 2015, Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (2,50/4)

Apremont 2015, Giachino, Chapareillan, AOP Vin de Savoie (3/5)

Marius & Simone 2015, Giachino, Chapareillan, Vin de France (4/6)

Apremont „Lisa“ 2015, Jean Masson & Fils, AOP Vin de Savoie (4/6)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

 

…, selbstverständlich nicht ausschließlich diese sieben Weine gibt es glasweise

 

am Mittwoch, den 5. April und am Freitag, den 7. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

 

Vorschau

In der Karwoche ist der Rudl auf Dienst- und Studienreise. Da bleibt die Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils geschlossen.

19. und 21. April: Jahrgang 2007 – zehn Jahre danach

 

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt fast alles, was blüht!