Eine Rebsorte wie ein Lied. Zehn Graue Burgunder von Fiksinci über Markt Hartmannsdorf bis Orschwihr (Textumfang: 5 von 5 Sternen, Zornigkeitsgrad: 6 von 5)

Es ist nicht alles relativ. Bei den Liedern nicht!

Es gibt Lieder. Nicht alle sind schön. Es gibt Liebeslieder. Da sind weniger als nicht alle davon schön. Und es gibt schöne Liebeslieder. Da ist, zumindest den Ermittlungen des Rudls zufolge, überhaupt nur eine schönes weder traurig noch zornig.

Oid & grau

singt der Herr Kurt. Hundert Percent kitsch- und schmalzfrei. Wunderschön.

Ruländer vlg. Grauer Burgunder

Der ist relativ alt. Nicht so alt wie Pinot Noir und noch viel weniger alt als Savagnin, aber verglichen mit fast allen anderen Rebsorten ist er alt. Grau ist er genau genommen nicht einmal relativ. Vom Rudl aus rostbraun, rötlich, kupfer-oder grapefruitfruchtfleischfarben, grau sicher nicht. Anders als bei den tausend Weiß-, Rot- und Noirrebsortennamen gibt es beim Grauen Burgunder ein nachvollziehbares Motiv für das namensgebende Farbeigenschaftswort:

Mönche aus Citeaux sollen den Pinot Gris in unsere Breiten gebracht haben. Die haben eine graue Panier getragen, womit verständlich wird, dass diese Rebsorte auch als „Grauer Mönch“ bezeichnet wird. Aber der Pinot Gris selber ist nicht grau, als Beere nicht und als Wein schon gleich gar nicht.

Pinot Gris Bollenberg 2015, Domaine Valentin Zusslin, Orschwihr, Alsace

Vielleicht liegt es am Bollenberg. Der steht ein bissl als Gegenhang zur klassischen elsässischen Vogesenflanke da, mit einer sehr particulären Fauna und Flora. Das hat Monsieur Rudolf gelesen. Den Spaziergang über den Bollenberg hat er postponieren müssen. Hitzebedingt. Da haben Femme und Fils dem Rudl die Gefolgschaft verweigert.

Aber rund um Rouffach gibt es ein paar sogenannte trockene Hügel. In botanischer und zoologischer Hinsicht handelt es sich dabei um Inseln der Biodiversität. Das kann man nachweisen, weil man die Anzahl der unterschiedlichen Viecherln und Kräutln ja zählen kann. Und wenn es irgendwo mehr verschiedene gibt als wo anders, dann ist dort das Ausmaß an Biodiversität halt höher. Am Bollenberg ist das so.

Der Rudl hält es für möglich, dass der Bollenberg auch in oenologischer Hinsicht eine Insel ist. Die Weine von dort, zumindest die von der Domaine Zusslin schmecken ihm extraordinär, und das obwohl die Weinbauregion Elsass bis jetzt keine Anstalten gemacht hat, sich dem Geschmack vom Rudl besonders offensiv anzudienen. Dem Rudl selber ist das ja ein Paradoxon. Zu sehr vielen Weinen aus dem Elsass hat der Rudl bis jetzt keinen Zugang gefunden. Das ist bis jetzt fast alles nicht sein Stil gewesen. Trotzdem erscheinen ihm die Weine von Zusslin als ausgesprochen typisch elsässisch, nur dass sie dem Rudl halt schmecken. Paradox.

Eisen?

Steinmeister Rudolf jun. tendiert schnell einmal dazu, derlei den Steinen in die Schuhe zu schieben, im Falle des Bollenbergs ist zu präzisieren: dem hohen Eisenanteil in den Steinen. Und effektiv, dem Rudl fällt auf die Schnelle kein Weinberg mit hohem Eisengehalt ein, der ihn nicht faszinieren würde: Irouléguy, Eisenberg, der Karst von Meister Branko, Bollenberg und natürlich Le Feu von Dominique Belluard.

Andererseits

vertritt ein begnadeter Weinauktionskommentator, mit dem der Rudl vor ein paar Tagen dischkerieren dürfen hat, die Arbeitshypothese, dass die besonderen Geschmäcker sich via Beerenschalen an den Wein heranmachen. Das würde dann für die Kräutl und Viecherl sprechen. Auszuschließen ist auch nicht, dass beides der Fall ist, und auch nicht, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen diesen und dem Eisen im Boden besteht, fast gerade so ähnlich wie bei der Frage vom Kurtl, ob Gold und Silber oder doch eher der guade Schmäh sich förderlich auf die allfällige Gewogenheit einer Dame auswirken.

Aber jetzt wirklich zurück auf den Bollenberg. Grundsätzlich Ton und Kalk mit hohem Eisengehalt, Hematit, bekannt und beliebt auch unter Fe2O3.

Die Ockerfarbtöne zaubern Sekundärmineralstoffe in die Parzellen am Bollenberg. Zeitlich befindet man sich da im Oligozän, vor gut dreiundzwanzig Millionen Jahren, seinerzeit als sich die Alpen aufgefaltet haben.

Vor den analogen Dinosauriern hat sich damals niemand mehr gefürchtet, vor den digitalen noch niemand.

Der Weihrauch und die Digitalisierung

Der Rudl wundert sich gelegentlich über das Fürchtverhalten von Menschen, genauer: Warum fürchtet sich eine oder einer vor etwas und warum hat die- oder derselbe vor etwas anderem keine Angst. Vor den steuerscheuen, datenhausierenden Monstern scheint sich beispielsweise fast niemand zu fürchten. Wenn transnationale Falotten unserem Sozialstaat, unseren Bürgerinnen- und Bürgerrechten oder dem demokratischen Rechtsstaat den Boden entziehen, scheint biedermeierliches Achselzucken die gesellschaftsfähigste Reaktion darauf zu sein. Dem Rudl raubt das die Contenance. Da beten Wichtigtuer aller weltanschaulichen Richtungen mantraartig Litaneien von den Chancen und vom Segen der Digitalisierung. Dass die Digitalisierung beispielsweise im Bildungswesen bis jetzt so gut wie jeden Beweis schuldig geblieben ist, noch nie die Hosen herunter gelassen oder „geliefert“ hat, wie das heute heißt, das macht anscheinend nichts. Da nimmt man lieber hin, dass transnationale Steuerhinterziehung zum sakrosankten Geschäftsmodell erklärt, Kinder der virtuellen Verwahrlosung geopfert und nachweislich friedenssichernde Prozeduren der demokratischen Entscheidungsfindung durch infantile Hetz- und Akklamationsrituale ersetzt werden.

Die genießbaren Früchte der Digitalisierung verstecken sich seit fast zwei Jahrzehnten, so lange etwa gibt es Laptop-Klassen in dieser Stadt, erfolgreicher als der Heilige Gral vor dem Rudl. Mit Schülerinnen und Schülern, die spielsüchtig geworden sind, solchen, die nicht mehr ein und aus gewusst haben, weil sie von virtuellen, anonymen Feiglingen fertig gemacht worden sind und wieder anderen, die mit achtzehn (18!) Jahren ein digitalisiertes Klassenzimmer verlassen, ohne die Hälfte von 75 ausrechnen oder einen Kurier-Artikel verstehend lesen zu können, hat der Rudl schon gesprochen. Analog!

Die meisten der ganz grandiosen Verbesserungen haben bis jetzt ihr Versteck hinter dem Potentialis nicht verlassen, scheinen aber umso hysterischer von den Bildungsexpertinnen und Bildungsexperten beweihräuchert zu werden. Alles alternativlos, weil sich das ja nicht aufhalten lässt. Und alles sakrosankt, mit einem Unfehlbarkeitsanspruch, der nicht einmal im Ersten Vatikanischen Konzil vor hundertfünfzig Jahren mehrheitsfähig gewesen wäre. Etwas frei nach Józef Niewiadomski: Extra digitalitatem nulla salus est, zu hundert Prozent säkularisiert. Und man kann jetzt sogar den Staubsauger oder den Eierkocher zuhause von der Arbeit aus mit dem Handy einschalten. Hashtag, wir bitten dich, erhöre uns! Ein Hoch auf den Ausbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Bei einer für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer verpflichtenden Fortbildungsveranstaltung hat ein Vortragender auf einen Einwand vom Rudl repliziert, die vom Rudl eingeforderten aufklärerischen Ideale seien auch nicht zeitlos, der Rudl ein Dinosaurier halt. Das ist jetzt auch schon wieder zwölf Jahre her.

Kommt trotzdem ein Zweifel, schweigt man, neigt das Haupt gen Wischfläche und trinkt Kakao oder einen Aperol-Spritzer, aus Angst, als „Modernisierungsverlierer“ dazustehen. Da fürchtet man sich lieber vor Flüchtlingen oder vor der Regierung, je nachdem welcher Weltanschauung man sich zugehörig fühlt.

Weg von den Sauriern und zurück auf den Bollenberg

Lerchen, Rohrspatzen, Wiedehopf, Mauereidechsen, Orchideen, Nelken, wilde Tulpen, Lilien und der Dolden-Milchstern, „dame d‘onze heures“ genannt, und …

Wein, …

Wein, den man nicht gleich trinken muss, weil er andernfalls schlecht würde. Man kann es aber.

Pinot Gris „Vorbourg“ Grand Cru 2013, Pierre Frick, Pfaffenheim, Alsace

Biopionier. Viel mehr muss man zu Pierre Frick nicht schreiben.

Malvoisie 2017, Domaine Xavier Jacqueline, Aix les Bains, AOP Vin de Savoie

In Savoyen gibt es Malvoisie. Das hat Fils Rudolf schon gewusst, als er noch kein Caviste gewesen ist. Dass „Malvoisie“ dort aber kein Synonym für den Frühroten Veltliner, sondern eines für Pinot Gris ist, das hat Monsieur Rudolf erst vor ein paar Monaten von Brice Omont, dem Weinmeister der Domaine des Ardoisières erfahren.

Xavier Jacquelin ist einer der wenigen Winzer in Savoyen, die Malvoisie reinsortig und nicht vordergründig ausbauen. Das war einer der Hauptgründe dafür, dass der Rudl heuer mit seiner Kraxn im Hof der Jacquelins gestanden ist, noch bevor er zum ersten Mal seinen Fuß auf französisches Terroir gesetzt hat.

Pinot Gris 2015, Cru de l’Hôpital, Vully, Murtensee, Schweiz

Biodynamische Erwerbung beim Wachauer Weinfrühling 2017. Da war Cru de l’Hôpital zu Gast am Nikolaihof.

Grauburgunder „Schiefergestein“ 2015, Weingut Schauer, Kitzeck, Südsteiermark

Urgestein ist in geologischer Hinsicht bis jetzt hier unterrepräsentiert. Das geht nicht. Junger wilder Grauburgunder.

Grauburgunder „Sand und Kalk Reserve“ 2016, Herrenhof Lamprecht, Markt Hartmannsdorf, Oststeiermark

Caviste Rudolf ist kein Freund von Wettbewerben. Damit meint er jetzt nicht Fußballmeisterschaften, Radrundfahrten und nicht einmal die Latein-Olympiade.

Aber auf die Ermittlung, wie immer die erfolgt, von „Floridsdorfs next top Armin Assinger“ und „Oberbayerns next Weißbierkönigludwig“ kann Herr Rudolf verzichten.

Seinem unzeitgemäßen Bildungs- und Gesellschaftsideal gemäß müssen Rivalitäten zivilisiert, nicht angeheizt werden. Ähnliches gilt seines Erachtens für Kapitalmärkte und Digitalisierung.

Auf alle Fälle hat Gault Millau den Ausnahmewinzer des Jahres 2018 gewählt. Manchmal trifft es auch den richtigen: Gottfried Lamprecht

Grauburgunder aus einer Kessellage am Buchertberg, rasche Erwärmung am Tag, ebensolche Abkühlung in der Nacht, leichter, kalkhaltiger Sandsteinverwitterungsboden, Opok, großes Holz. Viel weiter kann man dieser Rebsorte nicht entgegenkommen.

Ruländer 2015, Weingut Dieter Dorner, Mureck

Diesen Wein, vor allem jedoch dieses Weingut hat Herr Rudolf im April dieses Jahres relativ ausführlich beschrieben. Er erlaubt sich, einen Teil seiner Ausführungen von damals einfach hier herein zu kopieren.

Dieter Dorner. Der Biowinzer

Das Wohnhaus der Familie Dorner ist eines der geschmackvollsten in Mureck. Die Weingartenhütte hat die Adresse Novi Vrh 4. Dazwischen rinnt der größte Fluss des Lungaus, als Staatsgrenze. Von 1918 bis 1989 konnten dort Menschen wie die Familie Dorner das erfahren, was heute wieder immer mehr verhaltensoriginelle Staatsmänner als probaten Ersatz für Mut und Visionen in der Politik propagieren, Grenzerfahrungen. Grenzerfahrungen, die die Konflikte nicht weniger und Gehässigkeiten und Angst auf beiden Seiten noch nie kleiner gemacht haben.

Nachdem dann in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges auch noch die Murecker Brücke zerstört worden war, durfte die Mutter von Dieter Dorner mit dem Radl einen Umweg von vierzig Kilometern über Bad Radkersburg strampeln.

1953 regelte dann das Gleichenberger Abkommen wenigstens, dass Betriebsmittel und Ernte mit Grenzübertrittsscheinen zollfrei über die Grenze gebracht werden durften.

Dieter Dorner hat schon sehr früh im Weingarten mitgearbeitet. Und er hat sich schon früh mit spirituellen Grundlagen des Lebens beschäftigt. Dabei hat auch das Verhältnis des Menschen zur Natur eine Rolle gespielt. Die zunehmende Intensivierung und Industrialisierung in der Landwirtschaft hat er vor anderen als Holzweg erkannt und ab 1976 biologisch gearbeitet. Von anfänglichen Misserfolgen hat er sich nicht den Mut nehmen lassen. Zu groß war seine Gewissheit, dass es auch anders gehen muss. Damit ist Dieter Dorner ein Pionier des steirischen Bioweinbaus, am Bild vor seinem Weingartenhaus:

Heute führt Jakob Dorner das Weingut, unterstützt von seinem Bruder Elias und der Mutter Helene, einer praktischen Ärztin, Parallelen zu einem anderen Pionier des biologischen Weinbaus. Kurzatmigen Trends verweigert man sich, dem familiären und kulturellen Erbe bleibt man treu. Das Resultat sind klassisch schöne Bioweine.

Sivi Pinot 2015, Gĵerkeś, Fikšinci bei Prekmurje, Slowenien

Dezent maischevergoren, viel fehlt nicht und man könnte einen Traubenkern von Klöch aus hinüber spucken nach Fikšinci.

Pinot Gris Reserve 2015, Josef Umathum, Frauenkirchen, Neusiedler See

Pinot Gris aus der Lage Hallebühl bei Frauenkirchen, viele Kieselsteine, auch hoher Eisengehalt.

Und dann wäre da pinotgrismäßig natürlich der Wirt und Winzer mit dem weltbesten Musikgeschmack. Der ist mit dem Pinot Gris per Du. Mit dem Wetter bedauerlicherweise nicht immer. Darum kann Ihnen der Rudl momentan keinen trockenen Pinot Gris von Josef Lentsch anbieten, aber

Pinot Gris Spätlese 2009, Josef Lentsch. Dankbarkeit, Neusiedler See

  • Pinot Gris Spätlese 2009, Josef Lentsch. Dankbarkeit, Neusiedler See (3/5)
  • Pinot Gris Reserve 2015, Josef Umathum, Frauenkirchen, Neusiedler See (4/6)
  • Sivi Pinot 2015, Gĵerkeś, Fikšinci bei Prekmurje, Slowenien (3/5)
  • Ruländer 2015, Weingut Dieter Dorner, Mureck (3/5)
  • Grauburgunder „Sand und Kalk Reserve“ 2016, Herrenhof Lamprecht, Markt Hartmannsdorf, Oststeiermark (5/8)
  • Grauburgunder „Schiefergestein“ 2015, Weingut Schauer, Kitzeck, Südsteiermark (3/5)
  • Pinot Gris 2015, Cru de l’Hôpital, Vully, Murtensee, Schweiz (5/8)
  • Malvoisie 2017, Domaine Xavier Jacqueline, Aix les Bains, AOP Vin de Savoie (3/5)
  • Pinot Gris „Vorbourg“ Grand Cru 2013, Pierre Frick, Pfaffenheim, Alsace (4/6)
  • Pinot Gris Bollenberg 2015, Domaine Valentin Zusslin, Orschwihr, Alsace (5/8)

(in Klammern die Preise für das Sechzehntel und das Achtel)

selbstverständlich nicht ausschließlich diese Weine gibt es glasweise

am Mittwoch, den 19. September von 16 bis 22 Uhr

und am Freitag, den 21. September von 16 ausnahmsweise nur bis 21 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Neuigkeiten aus dem Rudl seiner Küche

Dem Rudl sind wieder abgepackte Speisen ein-, respektive aufgefallen:

Bucheckern und Walnüsse – ab sofort in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils – solange der Vorrat reicht, beziehungsweise nicht vertrocknet

Vorschau auf 26. und 28. September

Does Rudl go digital? Sauvignon Vertikale Čotar

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt analog!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

4 × 4 =