10 Jahre danach. Weinjahrgang 2007 am Schlossberg, in Sancerre, Chablis, Meursault, Gedersdorf, Savoyen, dem Jura und dem Burgenland & ein 1997er

Achtunddreißig

1993 ist dem Rudl die Idee gekommen, dass es interessant sein könnte, reife Weine zu trinken. Es gibt Orte auf den Weinlandkarten dieser Welt, wo das naheliegender ist als in Poysdorf. Der Rudl wurde in einer Verkaufsstelle der niederösterreichischen Winzergenossenschaft in Poysdorf auf Altweine aufmerksam, konkret auf einen Poysdorfer Saurüssel 1979. An dem hat er nicht vorbei können. Er wollte es auch nicht. Und dieser Saurüssel 1979 hat ihm damals ganz besonders gut geschmeckt. Die Frage, ob das heute noch so wäre, ist unsinnig. Der Neunundsiebziger Saurüssel wäre heute nicht fünfzehn Jahre alt, sondern achtunddreißig und hätte sich entsprechend verändert, gerade so wie der Rudl und sein Geschmack das getan haben. Ein heute fünfzehn Jahre alter Saurüssel wiederum ist 2002 nicht gekeltert worden. Da haben sie vorher den Saurüssel dermaßen in den Keller gefahren gehabt, dass es ihn 2002 nicht mehr gegeben hat. Ursprünglich wurde der Saurüssel in der Poysdorfer Riede Saurüsseln gelesen, dann bald einmal irgendwo in und um Poysdorf. Das „Um“ haben sie dann immer freier interpretiert, bis knapp vor der Jahrtausendwende ein Großteil der Trauben für den Saurüssel nicht mehr in Österreich gewachsen sind. Das muss nicht gleich ein Nachteil sein. Im Fall vom Saurüssel ist es aber einer gewesen. Das Nichtsogenaunehmen hat sich nicht auf das Anbaugebiet für die Trauben beschränkt und das Ergebnis war kaum mehr zu trinken. Aus und Ende. Vorläufig und für zehn Jahre. Mit dem Jahrgang 2010 haben dann ein paar Winzer die Rechte für die Marke Saurüssel gekauft. Als der Rudl das mitgekriegt hat, war er zuerst einmal ziemlich begeistert. Das Etikett der angeblich wiederbelebten Legende hat seine Begeisterung dann schon limitiert. Und beim Trinken des Weines war dann schon eine ziemliche mentale Kraftanstrengung zum Bekämpfen der Enttäuschung notwendig. Mit dem Saurüssel, wie der Rudl ihn seinerzeit kennengelernt hatte, war das kaum mehr zu identifizieren, vom Stil her nicht und von den Heferln her noch viel, viel weniger.

Was ist alt?

Herr Rudolf hat damals in weiterer Folge zahllose andere Altweine erstanden, ja er hat Winzer regelrecht sekkiert, mit seinen Fragen danach. Kriterium für einen Altwein war dem Rudl damals die Zweistelligkeit in der Altersangabe. 1983 hat er gerade noch als Altwein durchgehen lassen, 1986 nicht mehr. Und ganz hat er sich von dieser Klassifizierung heute noch nicht lösen können. Um einen Wein, der nach 1983 gewachsen ist, als alt betrachten zu können, muss er seine kognitive Instanz dazwischen schalten. Gefühlsmäßig ist für den Rudl heute ein Sechsundachtziger noch jung. Noch kognitiver könnte man heute nach der Rudlklassifizierung vom Beginn seines Altweininteresses bereits Zweitausendsiebener als Altweine betrachten. Die sind jetzt so alt wie die Dreiundachtziger vor vierundzwanzig Jahren.

Etikettentrinker

Caviste Rudolf ist schon klar, dass von den europäischen 2007ern um diese Jahreszeit vor zehn Jahren noch nicht einmal die Rede sein können hat. Manches, was im April 2007 ungewöhnlich weit war, hat gar nicht gewusst, dass es nie zu einem Wein werden würde, weil es zwei Monate später von Hagel zerstört werden sollte. Aber dem Etikett nach feiern die 2007er heute ein rundes Jubiläum. Und einem Etikettentrinker wie dem Rudl, der diese Tatsache selbstverständlich nie zugeben würde, ist das ein ausreichendes Motiv, diese Woche glasweise Weine des Jahrgangs 2007 zu kredenzen, teilweise Weine, von denen er die Ehre hat, spätere Jahrgänge Mitglieder seines Sortiments zu nennen. In einem Fall sogar einen Wein, den er aktuell vertreibt.

2007 in Österreichs

Der Zweitausendsiebener gilt in Österreich als hervorragender Jahrgang, in der Steiermark als Jahrhundertjahrgang, weniger Gradation und mehr Säure als der Vorgängerjahrgang, passable Menge.

Mild und wenig Schnee im Winter, kurz ein bissl eine Reminiszenz an die Winterheit „als solches“ im März, von der sich die Weingärten aber mäßig beeindrucken lassen haben. Früher Austrieb, fast schon Rekordwärme im April, Mai und Juni prolongieren das fast schon kitschig wachstumsfördernde Wetter, abgesehen von Spätfrost am 2. Mai. Der Junihagel im Kremstal ist eh schon ein Topos, der in der Thermenregion und am Leithagebirge nicht. Am Beginn der zweiten Julihälfte Rekordhitze. Dass es Anfang August 2013 noch heißer wird, hat der Sommer Zweitausendsieben nicht wissen können. Im August hat sich das Wetter dann wieder erfangen. September dann etwas kühler. Die mancherorts erhoffte verfrühte Lese, allerdings ohne die mancherorts erhoffte überhöhte Gradation. Der Grund, warum der Jahrgang gerade in der Steiermark besonders gut ausgefallen ist, könnte der Regen im September sein. Der hat in der Steiermark nämlich nicht stattgefunden.

So oder so, der Oktober war dann ziemlich ideal, untertags trocken und warm, morgendlich und nächtlich trocken und frisch. Nicht die allerungünstigsten Konditionen für eine konvenierende Aromatik, wenn es nach dem Rudl seinem Geschmack geht. Der vergleichsweise geringere Ertrag ist auf den überproportional hohen Anteil an Prädikatsweinen zurückzuführen.

Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland

Auch in Niederösterreich war man mit dem Jahrgang sehr zufrieden bis darüber begeistert. Trotz eines alles in allem warmen Sommers hat es weder Trockenschäden noch überhöhte Gradationen gegeben. Die Säurewerte waren gut, die Menge, vor allem dort, wo kein Hagelschaden zu verzeichnen war, auch, die Haltbarkeit wird als ebensolche eingeschätzt.

 

Grüner Veltliner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Für das Burgenland hat die Lage ähnlich ausgeschaut.

 

Viognier 2007, Schönberger, Mörbisch, Weinland

2007 in Savoyen 

So viele Regionen waren es in Frankreich nicht, die mit dem Jahrgang 2007 ihre ungetrübte Freude gehabt haben. Savoyen schon, trotz eines frühlingshaften Winters, der sich in den Weinbaugebieten von einer frostresistenten Seite gezeigt hat. Analog sommerlich war der Frühling, nur dass es immer wieder ordentlich herunter gewaschelt hat. Vielen Rebsorten hätte das zahlreichere schlaflose Nächte bereitet. Jacquère und Altesse zumindest nicht so viele.

 

Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aimavigne, AOC Roussette de Savoie

 

2007 in Meursault und Chablis

 

In beiden Appellation gilt 2007 als „grand millésime“. Das freut den Rudl insofern, als er 2009 eine längere Studienreise durch Frankreich unternommen hat. Im Zuge dieser ist er mit dem Radl der Côte de Beaune entlang gefahren.

Der Beginn des Jahres war auch in der Burgund „zu früh“. Die Mitte des Sommers hat sich dann hinsichtlich der Dichotomien heiß – kühl und trocken – feucht für ein Yoyo gehalten. Das Jahr hat dann bis September gebraucht, um sich unmissverständlich auf die Seite der Sonne und des Trockenen zu schlagen. Dann sind auch noch kühle Winde aus dem Norden gekommen. Viel mehr trauen sich Weinbauern und Weingärten dort eh nicht zu verlangen.

 

Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne

 

Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne

2007 im Jura

 

vor allem bei den weißen Rebsorten massive Ernteausfälle

 

Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura

 

2007 im Muscadet

 

ausgewogene, klare Weine

 

Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseaux, Gorges, Loire

 

2007 in Sancerre

 

Wie fast überall in Frankreich viel Niederschlag, aber überdurchschnittliche hohe Temperaturen von April bis Juni. Dann kommt ein kapriziöser Sommer, für den die Winzer ab Ende August mit Wind, Trockenheit und Sonne entschädigt werden. Präzise Sauvignons mit solider Säure und bemerkenswerten Lebenserwartungen.

 

Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire

 

20 Jahre danach

 

Eine extreme Kälteperiode zwischen Weihnachten und Neujahr, mit minus dreißig Grad. Der Rudl hat selbige seinerzeit genutzt, um mit einem Opel Corsa ohne vollfunktionstüchtige Heizung von Salzburg über die Wachau, das westliche, östliche und südöstliche Weinviertel nach Wien zu fahren. Dabei ist in ihm der Entschluss gereift, den Mittelpunkt seiner Lebensinteressen von Salzburg in die Bundeshauptstadt zu verlagern. Manchmal fragt er sich heute, warum es ihm die Bundeshauptstadt nicht vice versa gleichgetan hat. Aber bitte, man kann in so eine Bundeshauptstadt nicht hineinschauen. Dazu müsste man schon in deren Schuhe schlüpfen können. Aber das ist selbst für den Rudl nicht möglich. Und der lässt sich von der seiner Wahrnehmung nach wienerischsten aller amtlichen und halbamtlichen Phrasen, derzufolge etwas vor allem einmal „ned geht“, nicht so schnell in seiner Motivation irritieren.

Der Zapfen am Beginn des Jahres hat 1997 auf alle Fälle einmal zu einem deutlich verspäteten Dienstantritt der Vegetation geführt. Dann hat es im Juli viel geregnet und alles hat schon ein bissl an den Vorgängerjahrgang erinnert. Aber dann hat es bis Ende Oktober im Osten gefühlt überhaupt nicht mehr geregnet. Das waren dem Rudl seine ersten drei Monate in Wien. Und wenn man achtundzwanzig Jahre an die Niederschlagswerte in Salzburg assimiliert ist, bleibt man davon nicht ganz unbeeindruckt.

Dem Weinjahrgang 1997 dürfte der trockene, sonnige Spätsommer und Frühherbst auch gefallen haben. Er gilt in der Kategorie der trockenen Weißweine zu den Spitzenjahrgängen. Sehr sorteinreine, klare Weiße, die aus viel gesunden Trauben resultierten.

 

Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal

 

Diese Weine …

  • Muscadet Sèvre-et-Maine 2007, Domaine Michel Brégeon, Les Guisseau, Gorges, Loire (3/5)
  • Grüner Veltiner Spiegel 2007, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (5/8)
  • Chablis Premier Cru Les Vaillons 2007, Domaine Begue, Chablis, Yonne (4,50/7)
  • Sancerre Edmond 2007, Alphonse Mellot, Sancerre, Loire (12/18)
  • Viognier 2007, Weingut Schönberger, Mörbisch, Neusiedlersee Hügelland (7/11)
  • Graf Sauvignon 2007, Maria und Sepp Muster, Schlossberg, Steirerland (6/9)
  • Meursault Vieilles Vignes 2007, Domaine Buisson-Charles, Meursault, Bourgogne (6/9)
  • Riesling Wieland 1997, Mantlerhof, Gedersdorf, Kremstal (7/11)
  • Marestel 2007, Domaine Dupasquier, Aigmavigne, AOC Roussette de Savoie (4,50/7)

  • Vin Jaune 2007, Domaine Pignier, AOC Côtes du Jura (8/12)

(in Klammern zuerst der Preis für das Sechzehntel, dann der für das Achtel)

aber nicht ausschließlich diese gibt es glasweise

am Mittwoch, den 19. April und am Freitag, den 21. April

jeweils von 16 bis 22 Uhr

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Vorschau auf die nächste Woche

aller Voraussicht nach Weine, die jetzt genau richtig sind

Im Übrigen ist Rudolf Polifka der Meinung, dass man den 27. Jänner, den Tag der Befreiung der Überlebenden aus dem Vernichtungslager Auschwitz zu einem europäischen Feiertag erklären sollte!

Herr Rudolf grüßt die Reifen gerade so als wie die Unreifen!

Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22, 1150 Wien

Öffnungszeiten: Mittwoch und Freitag, 16 bis 22 Uhr, an Schultagen

kostenlose und CO2-minimierte Zustellung innerhalb von Wien ab einem Bestellwert von 57 Euro

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