≤ elfkommafünf Percent

Ein Wochenthema von Weinen mit weniger als zwölf Prozent Alkohol geht vielleicht auch als Jacquère-Verkostung durch, oder als 2014er Jahrgangsverkostung. Aber lassen Sie den Rudl ein bissl ausholen: Es muss um die letzte Jahrtausendwende gewesen sein. Da war ein österreichischer Wein, wenn er weniger als dreizehn Volumsprozent Alkohol gehabt hat, ein schwerer Fall für den Psychotherapeuten. Zumindest hat Herr Rudolf das so oder so ähnlich in Erinnerung.

Weine mit vierzehn Prozent plus waren keine Exoten, vor allem nicht, wenn es sich um namhafte Weine gehandelt hat, Smaragde aus der Wachau zum Beispiel. Und Monsieur Rudolf müsste lügen, wenn er behauptete, damals von hohen Alkoholwerten nicht beeindruckt gewesen zu sein. Seine Leidenschaft, Weine reifen zu lassen, hat ihn anfällig gemacht für die theoretisch gar nicht so unplausible Hypothese, dass sich ein alkoholreicher Wein schon aufgrund seines Alkoholgrades besser hält. Ein im Barrique ausgebauter südsteirischer Sauvignon Blanc mit mehr als fünfzehn Prozent Alkohol aus dem Jahrgang 1997 etwa war so ein Ziel seiner Begierde. Herr Rudolf hat ihn nie bekommen. Heute hat er gelernt, mit diesem Mangel zu leben. Und die Hypothese hat vermutlich gelernt, mit ihrem Mangel an empirischer Verifizierbarkeit zu leben.

Jacquère

Wenn es in einer zweitausend Hektar kleinen Weinbauregion einen Massenwein gibt, dann kann man Jacquère als so einen betrachten. Mehr als tausend Hektar sind in Savoyen mit der autochthonen Jacquère bestockt. Ganz präzise hat sie ihren Ursprung, soweit man das rekonstruieren kann, in Abymes de Myans. Das liegt am nordöstlichen Rand des Chartreusegebirges.

Die dicken Beerenschalen erlauben eine späte Reife, was am kalkreichen, steinigen Fuß der französischen Alpen nicht ganz unwesentlich ist, und schützen die engbeerigen Trauben vor Oïdium und Mehltau.

Als Wein ist Jacquère eher blass bis weißgold und erinnert an vieles, was im Frühling blüht, manchmal sogar an Akazien. Dem Rudl seinem Geschmack nach stehen Alpenkräuter, Grapefruit, Bergamotte, Weißdorn und aneinander geriebener Feuerstein im Vordergrund. Manchmal kommen Mandeln, Haselnüsse und Lindenblüten dazu, wenngleich nie so intensiv wie bei der Altesse.

Die Spitznamen Coufe-Chien und Cugnète gefallen dem Rudl auch nicht so schlecht, obwohl oder vielleicht eher weil er keine Ahnung hat, was sie bedeuten.

Sommerweine

Caviste Rudolf Polifka trinkt und empfiehlt diese Weine vor allem im Frühjahr und im Sommer. Jacquère ist für ihn eine weingewordene Metapher für das Wiedererwachen der Vegetation. In den höher gelegenen Teilen der Alpen geschieht das ungefähr jetzt.

Accord Papperl – Jacquère

Oft endet Jacquère als Fonduebegleiter in den einschlägigen Skigebieten, als Winterwein. Caviste Rudolf findet das nicht unpassend, aber ein bissl ideenlos, zumal man von einem Fondue eh fast jeden Wein erschlagen lassen kann. Viel mehr als die Säure bleibt dann manchmal nicht über. Der kulinarische Deckel für den Topf einer gelungenen Jacquère, sofern man einen Wein als Topf bezeichnen kann, ist wahrscheinlich die Bachforelle. Das dezente Prickeln, der niedrige Alkohol, das kongeniale Zusammenspiel von Frische, Leichtigkeit und appetitanregendem Temperament der Jacquère erinnern den Rudl an einen Gebirgsbach während der Schneeschmelze. Wenn er bei vielen Weinen aus dem Elsass an den Rhein denkt, dann symbolisieren savoyardische den Zubringer eines Zubringers der Isère. Einer wie der Rudl, der quasi neben, beziehungsweise in Wald- und Wiesenbächen seine Kindheit verbracht hat, der Donau aber erst im stolzen Alter von vierzehn gewahr wurde, kann mit kleinen Gebirgsbächen und Wasserfällen und ihren korrelierenden Weinen vielleicht naturgemäß mehr anfangen. Der ist mit der Bachforelle per Du und diese quasi so vor der Haustür wie die Oelweingasse vor dem Rudl seinem Geschäft.

In und um drei Orte darf Jacquère einen Cru-Status beanspruchen, Abymes, Apremont und Chignin, alle drei im Combe de Savoie. Vielleicht ist einmal Gelegenheit, diese Crus zu vergleichen.

Jacquère ist nicht Jacquère ist nicht Jacquère

Es gibt Jacquères, denen der geschmolzene Käse quasi als Schicksal in die Wiege, treffender vielleicht an die Rebstockwurzeln gelegt worden zu sein scheint.

Es gibt auch Jacquères, die ausgesprochen ambitioniert, vor allem bodenspezifisch ausgebaut, aber mit einem synthetischen Korkimitator zugestoppselt werden. Ein Jammer.

Und dann gibt es Jacquères von Weinbaumeistern, die es wissen wollen und denen Tradition auch beim Verschließen von Flaschen ein Anliegen ist.

Jacques Maillet …

ist ein Original. Um das zu bemerken, muss man ihm nicht besonders lange zuhören. Ein Schnurrbart als Lebenshaltung. Schwer vorstellbar, dass er seine Jacquère von einem Fondue zum Schweigen bringen lässt. Die Pouilly-Fumés von Dagueneau, mit denen Maillets Jacquère gelegentlich verglichen wird, trinkt man in der Regel ja auch nicht zum Fondue.

Aber die Jacquère von Monsieur Jacques gibt es diese Woche beim Rudl so oder so nicht glasweise. Jacques Maillet macht etwas Naheliegendes, das in Savoyen aber dennoch kaum praktiziert wird. Er verschneidet die eine autochthone Weißweinrebsorte Savoyens, Jacquère mit der anderen, Altesse. Daraus resultiert Le P’tit Canon, auf Deutsch „Der kleine Schluck“, eine bemerkenswerte Kombination aus präsziser Aromatik und Frische.

David und Frédérik Giachino

Monsieur Jacques Kollegen, die Gebrüder Giachino haben die Jacquère auf die Spitze getrieben. Außer Weinbeißer machen sie fast alles aus Jacquère, lagentechnisch und weinstiltechnisch. Den Cru Apremont, den Monfarina, den rustikal ursprünglichen Primitif mit 9,2 Prozent Alkohol, den dezent auf der Maische vergorenen Marius et Simone, einen Schaumwein nach der Méthode Traditionelle und einen Pétillant Naturel Giac‘ Bulles als Giachinos Antwort auf Red Bull.

Doch nicht nur Jacquère

Auch der Teran von Branko und Vasja Čotar kommt mit elf Prozent Alkohol aus. Die Säure ist frisch, die Würzigkeit beträchtlich. Ein Rotwein für die Brettljause.

Gelber Muskateller 2015, Biohof Heideboden, Pamhagen

Herr Rudolf kommt mit Muskatellern nicht so ganz auf Du & Du, der von Maria und Sepp Muster ausgenommen. Und dann ist da noch einer, aber der Rudl weiß nicht, ob er über den schon etwas schreiben darf. Den gibt es noch nicht. So oder so, der Gelbe Muskateller 2015 von Gottfried Tschida war Mitte November 2015 schon im Verkauf. Trotzdem damals schon keine Jungweinstilistik.

Sauvignon Blanc 2014, Biohof Heideboden, Pamhagen

Der Sauvignon Blanc 2014 aus demselben Haus hat überhaupt nur 10,5 Percent Alkohol. Dass der Wein heute noch lebt, deutet darauf hin, dass auch dieser Wein nicht als Jungwein angelegt gewesen ist.

Zierfandler 2014, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen

Caviste Rudolf Polifka findet, dass kaum ein Wein von seinem Etikett so treffend repäsentiert wird wie der Zierfandler von Friedrich Kuczera. Biologisch, geradlinig und präzise bereits zu einer Zeit, als diese Begriffe im Marketingjargon noch eher selten aufgetaucht sind.

Schilcher 2013, Christine und Franz Strohmeier, Lestein, Weststeiermark

Schilcherland von seiner besten Seite

Welschriesling Trockenbeerenauslese 2002, Josef Lentsch, Dankbarkeit

Die folgenden Weine und ein paar andere gibt es diese Woche in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils glasweise

  • Le P’tit Canon 2013, Jacques Maillet, Serrières-en-Chautagne, AOC Vin de Savoie, 11,5 %
  • Apremont 2013, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie, 11 %
  • Monfarina 2011, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie, 11 %
  • Primitif 2010, Domaine Giachino, Chapareillan, AOC Vin de Savoie, 9,2 %
  • Marius et Simone 2013, Domaine Giachino, Chapareillan, Vin de France, 11 %
  • Teran 2011, Branko und Vasja Čotar, Kommen, Kras, 11 %
  • Gelber Muskateller 2015, Biohof Heideboden, Pamhagen, 11,5 %
  • Sauvignon Blanc 2014, Biohof Heideboden, Pamhagen, 10,5 %
  • Zierfandler 2014, Friedrich Kuczera, Gumpoldskirchen, 11,5 %
  • Schilcher 2013, Christine und Franz Strohmeier, Lestein, Weststeiermark, 11 %
  • Welschriesling Trockenbeerenauslese 2002, Josef Lentsch, Dankbarkeit, 8 %

am Donnerstag, den 30. Juni und am Freitag, den 1. Juli

von 16 bis 22 Uhr (am Freitag ein bissl länger)

in der Weinhandlung Rudolf Polifka et Fils, Reindorfgasse 22

Herr Rudolf grüßt den Sommer und weiter oben den Frühling!

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